Geopolitik kann die Börsen auf Talfahrt schicken. Die Kapitalmarktexperten Kaffarnik, Jasperneite und Hirsch diskutieren, was sie aus vergangenen Krisen gelernt haben.
Christian Jasperneite, Johannes Hirsch und Ulrich Kaffarnik diskutieren die Auswirkungen geopolitischer Ereignisse.| Bildquelle: Joscha Thieringer für DAS INVESTMENT | Hintergrund: Midjourney
Der von Donald Trump ausgerufene „Liberation Day“ am 2. April 2025 bewegte die Börsen – zumindest einen Monat lang, dann hatten die Märkte die Verluste bereits wieder aufgeholt. Folgt man der alten Kapitalmarkt-Weisheit „Politische Börsen haben kurze Beine“, scheinen die Beine immer kürzer zu werden.
Doch gibt es ein Muster, wie die Märkte auf globale Krisen reagieren? Wie bereiten sich Kapitalmarktexperten auf die nächste Krise vor?
Christian Jasperneite, Investment-Chef der Hamburger Privatbank M.M. Warburg, Ulrich Kaffarnik, Kapitalmarktexperte bei DJE, diskutierten auf Einladung von Johannes Hirsch, Geschäftsführer der Antea Vermögensverwaltung – und blickten voraus.
Hier sind fünf Erkenntnisse aus der Podiumsdiskussion in Hamburg, die von Folien zu den Marktereignissen begleitet wurde.
1. Liberation Day zeigt: Märkte nehmen Trump nicht mehr so ernst
Wie sich der S&P 500 nach der Zölle-Ankündigung von Donald Trump entwickelt hat | Bildquelle: Antea
Der „Liberation Day“ am 2. April 2025 illustriert eindrucksvoll, wie sich die Börsen gegenüber geopolitischen Schocks verändert haben. Zunächst fielen die Kurse um rund zehn Prozent, doch bereits einen Monat später hatten die Märkte die Verluste wieder aufgeholt.
Besonders interessant ist dabei der Umgang der Märkte mit Donald Trump. „Wenn es hart auf hart kommt, dann kneift er und zieht es doch nicht endgültig durch“, erklärte Johannes Hirsch. „Inzwischen verlässt man sich darauf, dass das eine Art Naturgesetz ist.“
Christian Jasperneite sieht darin einen rationalen Mechanismus, „weil der Markt auch hier ein Korrektiv ist. Die US-Administration kann sich nichts erlauben, was alle hochgradig verunsichert.“ Sobald die Märkte signalisieren, dass ihnen etwas nicht gefällt, werde „relativ schnell in der Administration nachjustiert“.
Diese Entwicklung spiegelt eine grundsätzliche Veränderung wider, meint Jasperneite: „Diese panikartigen Anfälle gibt's heute nicht mehr. Die Märkte sind viel ruhiger und abgebrühter geworden. Das führt dazu, dass die Märkte in der Summe mit solchen Stressphasen besser umgehen können als früher.“
Ulrich Kaffarnik warnte allerdings, die Effekte der Trump-Politik zu unterschätzen: „Das ist natürlich unser Job, das zu betrachten im Tagesgeschäft, ob das weiter so funktioniert als Kernthese oder ob es den Ausrutscher gibt – dann kann das ganz schnell von einem Tag auf den anderen ganz anders ausschauen.“
2. Fächer-Grafik: Sind geopolitische Krisen langfristig irrelevant?
24 ausgewählte Krisen seit 1950 und die Kursverläufe des S&P 500 in den folgenden 360 Tagen | Bildquelle: Antea / Johannes Hirsch
Was auf den ersten Blick chaotisch wirkt, offenbart eine bemerkenswerte Erkenntnis: Langfristig scheinen geopolitische Schocks für Anleger irrelevant zu sein.
Hirsch fasste die Zahlen zusammen: „Der S&P 500 ist von ungefähr 17 Punkten auf 7.000 Punkte gestiegen. Oder so gesagt: Wer 1950 17.000 Dollar investiert hat, hat heute sieben Millionen Dollar – das ist mehr als vierhundertfacht.“ Seine provokante Schlussfolgerung: „Es ist eigentlich völlig egal, was da an Geopolitik passiert, es geht am Ende des Tages doch immer rauf.“
Jasperneite widersprach: „Ganz egal ist es nicht, weil das ja bedeuten würde, dass wir uns alle quasi schlafen legen können und alle fünf Jahre mal ein bisschen anders investieren. Bei Corona war man auch gut beraten, mal für zwei, drei Wochen Gas rauszunehmen und danach wieder Gas zu geben.“
Jasperneite brachte einen weiteren Punkt ein: „Wovor ich eher Angst habe, ist, dass wir in eine Phase geraten, die nicht durch ein einzelnes Ereignis – wie ein Krieg – getriggert wird, sondern dass einfach die Art, wie wir miteinander wirtschaften und Handel treiben, komplizierter und lokaler wird.“
3. Corona als Paradebeispiel für maximale Unsicherheit
Die Entwicklung des S&P 500 nach dem 1. Dezember 2019, wo in China die ersten Corona-Fälle auftraten | Bildquelle: Antea
Die Corona-Pandemie dient als perfektes Beispiel dafür, wie maximale Unsicherheit zu drastischen Marktreaktionen führt. Die Grafik zeigt den dramatischen Verlauf: Binnen weniger Wochen stürzte der S&P 500 um fast 30 Prozent ab, bevor er sich über die folgenden zwölf Monate wieder erholte und sogar neue Höchststände erreichte.
„Die Unsicherheit war extrem groß“, erinnert sich Kaffarnik. „Deswegen auch der massive Kursverlust.“ Die Pandemie erfüllte alle Kriterien für eine marktbewegende Krise: Sie kam überraschend, hatte wirtschaftliche Konsequenzen und war in ihrem Ausmaß schwer kalkulierbar.
Jasperneite erklärte die Mechanik hinter solchen Extremreaktionen: „Das geschieht nur, wenn eine ganz neue Situation eintritt. In dem Moment, wo Corona losging, wussten wir alle nicht, wie man damit umgehen muss. Dann ist es logisch, dass man erst mal andere Szenarien hat, wie man zukünftige Gewinnpfade einschätzt.“
Entscheidend sei die fundamentale Bewertungslogik der Märkte. „Was ist der Wert einer Aktie? Das sind letztlich die erwarteten Gewinne der Zukunft“, sagt Jasperneite.
Die Corona-Grafik illustriert aber auch die Erholungsfähigkeit der Märkte: Nach dem initialen Schock pendelten sich die Kurse nicht nur ein, sondern stiegen sogar über das Vorkrisenniveau hinaus.
4. Es gibt immer Gewinner und Verlierer in der Krise
Nach dem Corona-Ausbruch entwickelten sich die Branchen höchstunterschiedlich | Bildquelle: Antea
Die Branchengrafik offenbart ein faszinierendes Bild der unterschiedlichen Krisenresilienz verschiedener Wirtschaftssektoren. Während die meisten Branchen im Corona-Crash ähnlich stark einbrachen, zeigten sich in der Erholungsphase dramatische Unterschiede.
Der Technologiesektor entwickelte sich zum absoluten Outperformer. Die Pandemie wirkte als Katalysator für bereits vorhandene Trends und verstärkte die Unterschiede zwischen zukunftsorientierten und traditionellen Branchen. „Die Amerikaner waren für die Zukunft am besten positioniert. Und Corona hat eben gerade dieser Entwicklung Vorschub geleistet“, sagte Kaffarnik.
Am anderen Ende standen traditionelle Sektoren wie Energie und Finanzen als Verlierer. „Öl und Banken sind stark konjunktursensitiv“, sagte der DJE-Experte, „diese Sektoren sind entsprechend nach unten gegangen“.
Natürlich könne man von dieser Krise nicht automatisch auf künftige schließen, sondern müsse die Auswirkungen für jede Branche analysieren.
5. Regionale Märkte reagieren unterschiedlich
Die Märkte von USA, Deutschland, Schweiz und Österreich reagierten sehr unterschiedlich auf die Corona-Pandemie | Bildquelle: Antea
Die Ländergrafik illustriert eine wichtige Lektion für internationale Anleger: Geografische Diversifikation allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, welche Branchen und Geschäftsmodelle in den jeweiligen Indizes dominieren. Corona wirkte als Katalysator für bereits bestehende strukturelle Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften.
„Die Indexzusammensetzung ist entscheidend“, betonte Kaffarnik. Länder mit einem hohen Anteil an Technologie- und Digitalunternehmen profitierten von den pandemiebedingten Strukturveränderungen. Märkte, die stark auf traditionelle Branchen wie Banken, Energie oder Industrie setzen, blieben zurück.
Ausblick auf künftige geopolitische Krisen
Die Analyse der vergangenen Krisen liefert wertvolle Erkenntnisse für künftige Marktturbulenzen. Hirsch fasst die entscheidenden Kriterien in einer „Krisen-Checkliste“ zusammen:
Überraschungseffekt: Haben die Märkte das Ereignis bereits eingepreist?
Wirtschaftliche Relevanz: Bedroht es fundamentale Geschäftsmodelle oder Lieferketten?
Ausbreitungsrisiko: Kann sich die Krise geografisch oder sektoral ausweiten?
Kalkulierbarkeit: Lassen sich die Folgen abschätzen oder herrscht maximale Unsicherheit?
Doch was könnte die nächste Krise auslösen? Ein möglicher China-Taiwan-Konflikt würde alle Kriterien erfüllen, waren sich alle Experten einig. „Wenn Taiwan keine Chips mehr liefert, dann ist die Corona-Krise vollkommen harmlos dagegen gewesen“, warnte Jasperneite. Die Halbleiterindustrie sei systemrelevant für die gesamte Weltwirtschaft.
Die gute Nachricht: Die Märkte sind professioneller geworden. „Wir sind viel ruhiger geworden, mit geopolitischen Ereignissen umzugehen“, stellte Kaffarnik fest.
Jasperneite ergänzte: „Vor 15 Jahren haben Märkte noch im Gleichklang mit den Daten reagiert. Heute antizipieren die Märkte bereits, was die Fundamentaldaten erst in fünf, sechs, sieben Monaten zeigen werden.“ Diese gesteigerte Effizienz mache die Börsen weniger anfällig für kurzfristige Schocks.
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