Geopolitische Risiken haben klassische Anlagesorgen wie Inflation oder Wirtschaftswachstum als Hauptbedrohung abgelöst. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 56 Prozent der globalen Investoren stufen geopolitische Risiken als größte Bedrohung ein - deutlich vor Inflation (36 Prozent) und Wirtschaftswachstum (35 Prozent). Besonders drei Krisenherde stehen dabei im Fokus.
Asien-Pazifik: Taiwan als globaler Risikofaktor
Mit 48 Prozent sehen die meisten Investoren in den Spannungen um Taiwan und im Südchinesischen Meer das größte Risiko für die globalen Märkte. Die Brisanz wird deutlich, wenn man die wirtschaftliche Bedeutung der Region betrachtet: Taiwan produziert über 60 Prozent der weltweiten Chips. „Eine militärische Eskalation könnte die globale Halbleiterproduktion zum Erliegen bringen“, warnt Kim Catechis, Investmentstratege bei Franklin Templeton.
Zusätzlich verläuft etwa ein Drittel des globalen Seehandels durch das Südchinesische Meer. Die technologische Entkopplung zwischen China und dem Westen zwingt bereits jetzt Unternehmen zur Neuausrichtung ihrer Produktionsnetzwerke. „Während die chinesische Wirtschaft aktuell schwächer ist, hat sie immer noch eine große und wachsende Mittelschicht“, analysiert Randeep Somel von M&G Investments.
Naher Osten: Kritische Handelsrouten in Gefahr
Der zweite Krisenherd, der Nahe Osten, gefährdet eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Etwa 12 Prozent des globalen Seehandels passieren das Rote Meer. Noch bedeutsamer: Die Region kontrolliert rund 30 Prozent der weltweiten Ölproduktion.
"Risiken mit Bezug zum Nahen Osten drehen sich üblicherweise um den Zugang zu Öl", erläutert Randeep Somel. "Störungen der Energieinfrastruktur können zu unmittelbaren Preisanstiegen und Versorgungsengpässen führen." Allerdings warnt er davor, als Reaktion darauf in Öl- und Gasunternehmen zu investieren: „Unternehmen, die ihre Produktpreise nicht kontrollieren können, sind nicht Herr ihres eigenen Schicksals.“
Ukraine-Konflikt verändert europäische Wirtschaft
Der anhaltende Krieg in der Ukraine verändert die europäische Sicherheitsarchitektur fundamental. „Der Ukraine-Konflikt führt zu dauerhaft höheren Verteidigungsausgaben“, stellt Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz, fest. Die Unterbrechung wichtiger Transport- und Handelsrouten zwingt zu einer Neuordnung der europäischen Wirtschaftsbeziehungen.
„Die Risiken für Europa betreffen die langfristige Wettbewerbsfähigkeit“, analysiert Somel. „Die Europäische Union, die in den letzten zwei Jahrzehnten hinter der US-Wirtschaft zurückblieb, hat nun verstanden, dass ihr Niveau an Regulierung und Bürokratie das langfristige Wachstum behindert.“
Handlungsempfehlungen für Investoren
Wie können Anleger auf diese Risiken reagieren? Die Experten empfehlen:
- Geografische Diversifizierung: „Eine sorgfältige regionale Diversifikation ist wichtiger denn je“, betonen 90 Prozent der Anleger in der aktuellen BlackRock-Umfrage.
- Fokus auf widerstandsfähige Geschäftsmodelle: Randeep Somel empfiehlt, in Unternehmen zu investieren, „die starke Geschäftsmodelle und Franchises haben. Dies würde Preissetzungsmacht in den Produkten und Dienstleistungen ermöglichen.“
- Systematisches Risikomanagement: Anleger sollten einen geopolitischen Risikoradar entwickeln und regelmäßige Stresstests durchführen.
Bei all diesen Risiken gibt Mayr jedoch auch Grund zur Zuversicht: „Die Weltwirtschaft erweist sich meist als sehr anpassungsfähig – insbesondere bei regionalen Schocks und Konflikten. Die Effekte werden zeitlich und räumlich stark abgemildert und durch makro- oder mikroökonomische Stoßdämpfer abgefangen.“

