Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Geopolitik-Experte Thomas Mucha
Warum geopolitische Risiken der neue Taktgeber für Anleger sind
Oberflächlich betrachtet war die ursprüngliche Vereinbarung zwischen den USA und Iran einfach: eine vorübergehende Einstellung direkter Angriffe im Austausch für die Wiederöffnung der Straße von Hormus. Die Märkte reagierten entsprechend und bauten die akuten Kriegsprämien bei Öl und Risikoanlagen ab. Diese Reaktion – verbunden mit der Gefahr, der operativen Realität vorzugreifen – ist nachvollziehbar und verdeutlicht zugleich: Geopolitische Risiken sind heute kein Randthema mehr, sondern einer der zentralen Taktgeber für professionelle Anlageentscheidungen.
Dabei ist die globale Instabilität so hoch wie schon lange nicht mehr. Es gibt derzeit über 60 aktive Konflikte rund um den Globus. Das sind doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren und der höchste Wert seit dem Zweiten Weltkrieg. Zusammen mit den durch den Klimawandel verursachten Problemen ergibt sich hieraus ein sogenannter „Perfect Storm“.
Das Vorgehen der US-Regierung macht die Lage noch komplizierter und politische Entscheidungsträger weltweit müssen ein neues politisches Instrumentarium entwickeln, um zahllosen makroökonomischen und marktspezifischen Herausforderungen zu begegnen.
Struktureller Politikwechsel
Geopolitik hat einen sehr langen Zyklus. Das Problem: Diese Zyklen enden fast immer mit zahlreichen Konflikten. Aktuell befinden wir uns inmitten eines Wechsels hin zum nächsten geopolitischen Zyklus. Zugleich vollzieht sich ein politischer Kurswechsel, in dem die nationale Sicherheit Vorrang vor fast allem anderen hat.
Einerseits verändert sich die politische Werkzeugkiste. So lassen sich Konflikte nicht mehr isoliert betrachten und die Listen mit Konfliktzielen wie Wirtschaft, Handel und Militär wächst. Andererseits gewinnt der Privatsektor an Bedeutung. Zum Beispiel in Form von Einfluss und Macht in den strategischen Sektoren Raumfahrt, KI, Biotechnologie oder Robotik/Automatisierung. Dies alles hat makroökonomische Auswirkungen und Folgen für die Märkte: Wir rechnen mit höherer Inflation, geringerem Wachstum und stärker differenzierten Konjunkturzyklen als in der Blütezeit der Globalisierung
Angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen dürften aus Anlegerperspektive insbesondere fünf Themen weiter an Relevanz gewinnen:
1. Wettstreit der Großmächte als technologischer „Kalter Krieg“
Die weltweit größten Volkswirtschaften, die USA und China, liefern sich seit Langem einen Wettstreit um die globale Vorherrschaft. Dies dürfte sich auch so schnell nicht ändern und ist für viele Volkswirtschaften rund um den Globus wohl der folgenreichste Konflikt. Jede dieser Großmächte will die andere beim Wettlauf um die technologische Vorherrschaft übertrumpfen – der kometenhafte Aufstieg der Künstlichen Intelligenz gießt hier noch zusätzlich Öl ins Feuer. Dieser technologische „Kalte Krieg“ dürfte sich nicht nur weiter beschleunigen, sondern könnte auch eine militärische Dimension annehmen.
Während diese beiden Nationen den Schutz und die Unterstützung strategischer Sektoren verstärken, ergeben sich Anlagechancen in Bezug auf neue KI-Unternehmen, Hersteller innerhalb dieser Lieferkette und weltraumbasierte Systeme.
2. Klimawandel als Frage der nationalen Sicherheit
Es gibt zwar jede Menge Diskussionen rund um den Klimawandel, in der Regel allerdings nicht in Zusammenhang mit den Implikationen für die nationale Sicherheit. Und genau die ist meines Erachtens der am stärksten unterschätzte Aspekt bei diesem Thema.
Gebiete in Äquatornähe und in den Tropen, die häufig bereits geopolitische Brennpunkte sind, könnten sich in den nächsten Jahren mit katastrophalen Auswirkungen konfrontiert sehen, wenn das Ausmaß und die Häufigkeit von Naturkatastrophen zunehmen. Dies ist eine Frage der nationalen Sicherheit, da in diesen Regionen in der Folge mit Lebensmittel- und Wasserknappheit zu rechnen ist, was einen Kampf um Ressourcen und eine klimabedingte Migration bedeuten kann. Diese Dynamik könnte gescheiterte Staaten, soziale Unruhen und zunehmenden Extremismus zur Folge haben.
Wenn diese Klimarisiken Realität werden, wird dies Regierungen weltweit – egal wie widerwillig – zu einer Reaktion zwingen. Daraus sollten sich Anlagechancen bei Technologie für Klimaresilienz, Infrastruktur und damit in Verbindungen stehenden Unternehmen ergeben. Portfolios könnten langfristig von einem Engagement in Dekarbonisierungsthemen und ökologischen Themen profitieren.
3. Verteidigung um (fast) jeden Preis
Die globalen Militärausgaben liegen nach zehn Jahren mit Anstiegen in Folge nun aufgrund der zahlreichen Konflikte auf einem Rekordhoch. Dabei hat die Ukraine, die sich seit 2022 mit Russland im Krieg befindet, als eine Art Versuchslabor für die Kriegsführung der Zukunft fungiert. Frühe Beispiele sind Anwendungen von weltraumbasierter Technologie und KI sowie neue Anwendungsfälle für Drohnen und Roboter.
Durch den Fokus auf Rüstung und Verteidigung wird die Halbleiterbranche nur noch wichtiger werden. Denn durch sie werden viele der aktuellen und zukünftigen Verteidigungstechnologien ermöglicht, einschließlich aller KI-bezogenen Funktionalitäten. Andere Sektoren mit enormer Bedeutung für die Verteidigungsfähigkeit beinhalten kritische Mineralien/seltene Erden, Technologie für erneuerbare Energien und weltraumbasierte Systeme, Biotechnologie, Kommunikation, Robotik/Automatisierung und so weiter. Anwendungen für die nationale Sicherheit werden die Nachfrage nach Innovationen in diesen Sektoren über viele Jahre ankurbeln, was auf potenzielle Anlagechancen schließen lässt.
4. Die zentrale Bedeutung von KI
Die Künstliche Intelligenz ist derzeit für Volkswirtschaften und Märkte weltweit das dominante Thema. Und das aus gutem Grund – diese sich rasant entwickelnde Technologie dürfte atemberaubende Veränderungen in den folgenden Bereichen nach sich ziehen: Arbeitsproduktivität, Löhne/Gehälter und Preise, Branchenstrukturen, Ausbildung, Forschung und Entwicklung, globale Vernichtung und Schaffung von Arbeitsplätzen.
Wir sprechen jedoch bei weitem nicht genug über die Rolle der KI für die nationale Sicherheit, obwohl sie seit Jahren eine wichtige militärische Komponente ist. Meines Erachtens kann man diese Verbindung gar nicht genug betonen. Die KI steht im Zentrum analytischer, vorhersagender und operativer militärischer Anwendungen, die unter anderem für die Steuerung von Raketen, den Ressourceneinsatz auf dem Schlachtfeld und Waffensysteme entscheidend sind.
Da die Bedeutung der KI und die entsprechende Nachfrage so hoch ist, gibt es zahlreiche strukturelle Positivfaktoren für den Sektor. Anleger könnten von Allokationen in Unternehmen an verschiedenen Stellen der KI-Lieferkette sowohl auf der Hardware- als auch der Software-Seite profitieren. Dies könnte (unter anderem) Rechenzentren, Halbleiterproduzenten, Minen mit Materialien für die Chip-Produktion, Cybersicherheitsfirmen und Unternehmen beinhalten, die an künstlicher allgemeiner Intelligenz arbeiten – eine noch fortschrittlichere Version von KI mit dem Potenzial für enorme geopolitische Auswirkungen.
5. (Erneuter) Aufstieg der Nuklearwaffen
Das Auseinanderbrechen der etablierten Weltordnung hat neue Anreize für eine „ultimative“ Abschreckung durch Atomwaffenprogramme geschaffen. So hat Moskau damit gedroht, Atomwaffen einzusetzen, und die Kapazitäten Chinas sind in diesem Bereich in den letzten Jahren stark gestiegen. Durch die nordkoreanischen und iranischen Programme erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit einer Weiterverbreitung von Atomwaffen andernorts, genau wie das bereits erwähnte sinkende Vertrauen in den US-Sicherheitsschirm.
Etablierte und innovative Verteidigungsunternehmen dürften in einer Welt mit mehr Atomwaffen zu den Gewinnern zählen, besonders in Bereichen wie Raketenabwehr und im Zusammenhang mit Luftfahrt- oder Weltraumsystemen. Wir dürften auch weltweit einen erhöhten politischen Fokus auf der Sicherung kritischer Mineralien sehen, die für die Entwicklung von Atomwaffen erforderlich sind.
Anlegen in unsicheren Zeiten
Aus Anlagesicht macht diese neue Welt(un)ordnung ein Umdenken erforderlich. In einem turbulenten Umfeld dürften sich sehr unterschiedliche Gewinner und Verlierer herausbilden. Mit Blick auf die erörterten Themen könnten Anlagechancen auf verschiedenen Ebenen entstehen: in Regionen, Ländern, Branchen sowie Unternehmen und Anlageklassen selbst.
Allerdings bleiben aktuell noch viele offenen Fragen. Das betrifft beispielsweise die künftige Entwicklung der KI oder die politischen Reaktionen.
Doch es könnte durchaus Grund für Optimismus geben – sowohl hinsichtlich potenzieller Zusatzerträge als auch beim Blick nach vorn. Anleger haben die Möglichkeiten und Anreize, um Kapital auf eine Art und Weise einzusetzen, die die geopolitischen Risiken reduzieren, den klimabezogenen Ausblick verbessern und das Potenzial gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Vorteile von sich neu entwickelnden Technologien verbreitern kann.
