Die Welt wird immer komplexer, alte Gewissheiten gelten oft nur noch bedingt. Warum es in den nächsten Jahren voraussichtlich zu einer geopolitischen Neuausrichtung kommen wird und welche Risiken, aber auch Chancen diese birgt, erläutert Anna Rosenberg.
Obwohl die US-Wahl erst in einem Jahr stattfinden wird, ist es derzeit wahrscheinlich, dass es zu einem Wahlkampf zwischen Biden und Trump kommt. Der neue US-Präsident wird erst im Januar 2025 im Amt sein, 2024 wird durch den Wahlkampf geprägt sein. Begleitet wird dieser von Trumps Gerichtsverfahren und den wahrscheinlichen Versuchen außenstehender Akteure, den Wahlausgang mit Deep-Fakes und KI zu beeinflussen. 2016 wurden dafür vor allem klassische soziale Medien genutzt.
Ihre liberale Haltung zum kontroversen Abtreibungsrecht bescherte den Demokraten deutliche Überlegenheit bei den Zwischenwahlen 2022 und vielen weitere regionale Wahlen 2023. Im Jahr 2024 streben die Demokraten mehr Volksabstimmungen zu diesem Thema an. Daher wird das Abtreibungsrecht wahrscheinlich eine zentrale Rolle im US-Wahlkampf einnehmen.
Obwohl erst im Januar 2025 der neue Präsident ins Amt kommt, werden die Märkte schon vorher reagieren, sollte eine Wiederwahl Trumps wahrscheinlicher werden. Trump würde die Handelsbeziehungen zu China radikal verändern und wesentlich mehr Handelszölle und Barrieren einführen, als Biden dies schon für den Technologiesektor vorgenommen hat. Die Beziehung zu Europa würde sich verschlechtern. Die USA würde sich wahrscheinlich zumindest teilweise aus der Nato zurückziehen oder europäische Länder dazu drängen, einen wesentlich größeren Anteil für die Verteidigung zu bezahlen – Gelder die von anderen Teilen des Haushaltes abgezogen werden müssten, mit erheblichen Implikationen für den Sozialstaat.
Abwärtsspirale nimmt Fahrt auf...
Wir sehen für viele geopolitischen Szenarien im nächsten Jahr höhere Risiken. Das erwartete Ergebnis der Wahlen in Taiwan ist eine eher chinafeindliche Regierung. Dadurch werden die Spannungen mit China zunehmen. Falls die Opposition gewinnt, wird es zu Spannungen zwischen Taiwan und den USA kommen, zum Vorteil Chinas.
In Verbindung mit einer China-kritischen Rhetorik im US-Wahlkampf und Chinas schnellem technologischen Fortschritt, wird sich die Beziehungen zwischen Washington und Peking wahrscheinlich weiter verschlechtern. Russland wird motiviert sein, im Krieg gegen die Ukraine länger durchzuhalten, in der Hoffnung auf einen Machtwechsel im Weißen Haus.
In Israel steht viel auf dem Spiel - eine Ausweitung des Konflikts bleibt weiterhin ein akutes und wachsendes Risiko. Es ist aus vielen Gründen realistisch, dass Israel entscheidet, den Iran anzugreifen, vor allem um die Fertigstellung einer Nuklearwaffe zu verhindern. Der daraus resultierende Konflikt würde die USA zum Eingreifen zwingen. Was wiederum das Risiko erhöht, dass China in der Taiwan-Frage früher handelt.
... dennoch gibt es auch Gewinner
Trotz dieser Dynamiken, gehen wir davon aus, dass viele dieser Spannungen im nächsten Jahr nicht „überkochen“ werden. Anleger sollten daher auch die positiven Seiten der Geopolitik erkennen – denn es wird auch Gewinner geben. Zum Beispiel Länder, die vor einer wirtschaftlichen Neuausrichtung, weg von China und Russland, weiterhin profitieren. Darunter Länder, die im Mittelpunkt neuer Lieferketten in Asien stehen, aber auch Staaten, die reich an natürlichen Ressourcen sind, etwa in Lateinamerika.
Dann gibt es Länder die von neuen Sicherheitsverträgen mit den USA profitieren, da diese oft mit Investitionen verbunden sind, die über die Verteidigung hinausgehen. Ein Beispiel hierfür sind die Philippinen.
Andere Länder gewinnen an Einfluss, weil sie sich als neue „Pole“ in der multipolaren Welt etablieren, wie etwa Indien. Die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China bedeuten, dass europäische Investoren in China besser aufgestellt sind als ihre amerikanischen Kollegen. Und umgekehrt bedeuten die Spannungen zwischen den USA und China auch, dass Europa für China ein vergleichsweise besseres Investitionsumfeld bietet.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Ja, die geopolitische Neuausrichtung birgt Risiken, aber es ist nicht alles schlecht und düster. Als Anleger müssen wir die positiven Aspekte der Geopolitik erkennen und besser nutzen.