Wenn ein Fondsmanager 2011 ein Buch mit dem Titel „Odysseus und die Wiesel“ schreibt und fünfzehn Jahre später Christopher Nolans Odyssee-Verfilmung die Milliarde an Kinoeinnahmen knackt, dann liegt ein Gespräch über Märkte, Furcht und Selbstüberschätzung nahe. Georg von Wallwitz, Gründer der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz, hat sich in seinem jüngsten Börsenblatt auf Thukydides berufen: Furcht, Ehre und Eigennutz seien die drei Motive, die menschliches Handeln treiben. Die naheliegende Frage im Podcast „For Professional Investors Only“: Wer handelt im Sommer 2026 aus welchem Motiv?
Wallwitz verteilt zügig. „Die Investoren in Softwareunternehmen, die handeln sehr stark aus Furcht“, sagt er. „Da hat man natürlich jetzt einiges gesehen an einfach aus Angst getriebenen Marktbewegungen. Das korrigiert sich gerade so ein bisschen.“ Der Eigennutz sei ohnehin Dauergast: „Jeder ist dann natürlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht.“
Interessanter wird es bei der Ehre. Die treibe „gerade bei den Tech-Giganten schon viele um“, so Wallwitz: „Jeder will irgendwie das größte Modell haben und will als Erster die allgemeine künstliche Intelligenz, die auf menschlichem Level spielt, produzieren.“ Und weil am Ende das größte IPO winkt, verschränke sich die Ehre wieder mit dem Eigennutz. Sein Fazit: „Es ist natürlich schon augenfällig, wie viel da eben einfach auch Ego-getrieben ist in dieser Tech-Welt. Und die Tech-Welt treibt eben derzeit die Börsen. Das ist the only game in town.“
Podcast-Host Christoph Fröhlich ordnet ähnlich ein, verschiebt die Akzente aber leicht: Die Hyperscaler handelten „aus Furcht, nicht aus Gier“ – die gigantischen Investitionsbudgets seien „keine Chance, die man so ergreift, sondern eher so eine Angst, die man da abarbeitet“. Kevin Warsh, seit Mai 2026 Fed-Chef, verortet Fröhlich bei der Ehre: Der wolle als Notenbanker in Erinnerung bleiben, der die reine Lehre zurückgebracht habe. Wallwitz stimmt zu – Warsh entferne sich von den Prozessen seiner Vorgänger, etwa der klaren Kommunikation. „Wenn es gut geht, dann ist er natürlich irgendwie ein Held. Aber das werden wir erst noch sehen.“
Was Odysseus über unsere Zeit sagt
Warum der Stoff nicht kleinzukriegen ist? Weil er „wunderbar komplex“ sei, sagt Wallwitz: „Es kommt alles drin vor, was menschlich ist.“ Da sei die Odyssee „so ein bisschen wie die Bibel. Die kann man auch so oder so lesen.“ Entscheidend für die Moderne sei aber etwas anderes: „Was den Odysseus in die moderne Zeit gebracht hat, ist der Umstand, dass er so ein Prototyp des modernen Menschen ist, dass er eben immer weiter strebt, dass er also nicht groß Wert legt auf Tradition und Dinge, die man immer schon gemacht hat.“
Wallwitz' Kurzcharakteristik des Helden liest sich wie ein Unternehmerprofil: „Wie man in Bayern sagt, der scheißt sich nichts und ist ein Unternehmer, wenn man so will, ist ungebunden, zielstrebig, verschlagen und trickreich und ist nicht unbedingt immer sympathisch.“
Was sich in der KI-Rally verschoben hat
Wallwitz hatte in seinem Börsenblatt geschrieben, die Märkte hätten für den Moment eine Antwort auf die Frage, wer mit KI Geld verdient – die Hyperscaler und ihre Zulieferer. Fröhlichs Einwand: Das sei doch schon die Antwort von vor einem Jahr gewesen.
Nicht ganz, hält Wallwitz dagegen: „Vor einem Jahr waren es die Unternehmen, die die Modelle bauen. Das ist so ein bisschen in Zweifel geraten, ob das wirklich dann die Anthropics und OpenAIs sind, diejenigen, die damit das Geld verdienen am Ende.“ Der Markt schaue heute anders hin: „Show me the money – wo bleibt tatsächlich Geld hängen? Wo passieren die Umsätze?“
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Besonders skeptisch beäugt der Markt inzwischen die Überkreuzbeteiligungen des Vorjahres, bei denen kaum echtes Geld floss. Die positive Reaktion auf Nvidias Ankündigung, gemeinsam mit sechs Wall-Street-Häusern über 500 Milliarden Dollar für KI-Infrastruktur zu mobilisieren, erklärt Wallwitz genau damit: „Das ist ja echtes Geld, das ist jetzt nicht so, dass das ein Ringtausch ist, und das bedeutet eben echte Umsätze.“
Die eigentlichen KI-Gewinner
Wer sind dann die Zulieferer, die profitieren? Wallwitz geht bewusst eine Stufe zurück hinter den Chip. „Gewinner sind natürlich Stromproduzenten, da haben wir natürlich Unternehmen, die Generatoren bauen.“ Er nennt Siemens Energy, Caterpillar, Atlas Copco und Versorger wie RWE. „Das sind alles Unternehmen, deren Produkte stärker nachgefragt werden.“
Der eigentliche Punkt liege aber tiefer: „Wer macht die Elektrifizierung von diesen gigantischen Rechenzentren?“ Hier fielen ihm Unternehmen wie Schneider Electric oder Siemens ein, die Prozessautomatisierung betreiben „und einfach dafür sorgen, dass diese Rechenzentren überhaupt erst funktionieren, weil mit dem Kauf eines Chips ist es noch nicht getan.“
Software-Aktien: Erst zu teuer, dann zu billig
Zum Ausverkauf bei Software-Titeln hat Wallwitz eine These: „Ich denke, dass vorher auch schon eine Übertreibung war, dass die natürlich sehr teuer waren und jetzt aber auch sehr billig geworden sind. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.“ Viele dieser Aktien hätten sich in den vergangenen vier bis sechs Wochen erheblich erholt.
Entscheidend sei die Rolle der Software im jeweiligen Kontext. Sogenannte Systems of Record, auf denen die Buchhaltung eines Unternehmens läuft, ließen sich nicht einfach durch ein KI-generiertes Programm ersetzen, schon weil die Regulatorik prüfungssichere Systeme verlange. Ähnliches gelte für Standards, auf die sehr viele Menschen geschult sind. Sein Fazit: „Einiges an Software wird Schwierigkeiten haben, keine Frage. Aber die sogenannte kritische Software, auf der einfach die Infrastruktur eines Unternehmens läuft, die wird nicht so leicht ausgetauscht.“
Als positives Beispiel führt er Shopify an, das bei der Integration von KI-Agenten relativ weit sei und rund eine Milliarde Artikel im eigenen Katalog kalibriere: „Da sieht man auch Ergebnisse. Das funktioniert auch. Das ist nicht ein Marketing-Spruch.“
Der Fall Aschenbrenner
439 Prozent Nettorendite im ersten Halbjahr, dann 67 Prozent Verlust im Juli: Leopold Aschenbrenners Fonds Situational Awareness ist die Hybris-Nemesis-Geschichte des Jahres. Wallwitz ordnet ein: „Es ist ein weiterer Beleg gegen Hebel.“ Dass jemand, der Anfang zwanzig sei, „ein begnadeter Verkäufer offensichtlich ist und ohne Infrastruktur und ohne Erfahrung, aber mit viel Kredit“ gegen die Wand fahre, „das ist letztlich das, was man erwarten würde. Insofern ist das nichts, was grundsätzlich gegen KI spricht.“
Lässt sich die Nemesis datieren? „Das ist etwas, was halt immer im Rückspiegel kommt“, sagt Wallwitz. Es sei wie bei der Frage, wie viel genug ist – „die Antwort ist, dass man das eben immer erst hinterher sieht.“
Bemerkenswert ist, dass er die Hybris ausdrücklich verteidigt: Sie sei zwar schlecht beleumundet, bringe die Menschheit aber auch weiter. „Ich brauche natürlich Leute, die auch mal was riskieren und die auch auf die Schnauze fallen, und das ist auch nicht schlimm. Wenn man solche Leute nicht hat, hat man eben nur noch Berufsbeamte, und das bringt uns alle nicht weiter.“
Auf die Frage nach eigener Hybris antwortet er ohne Ausflucht: 2020 habe man in der Corona-Zeit stark bei Software und E-Commerce aufgebaut und einen guten Lauf gehabt. „Aber dann kam eben in unserem Falle auch, wie es halt so kommen muss, die Nemesis“ – 2023 mit den High-Growth-Titeln. „Da haben wir uns eben auch zu lange an unseren damals sehr richtigen Entscheidungen gefreut.“
Sirenengesänge 2026 – und wer sich an den Mast binden lässt
Was singen die Sirenen des Jahres 2026? Für Wallwitz ist die Antwort strukturell: „Der sich an den Mast bindet, ist der, der die Finger von bestimmten Dingen lässt.“ Der Hardware-Bereich sei heiß gelaufen, Chip-Hardware bleibe zyklisch. Er nennt Sandisk – eine Position, die Eyb & Wallwitz selbst hält. Ein Unternehmen, das vor zwei Jahren noch negativen Free Cashflow und Verluste auswies, projiziere für das kommende Jahr Milliardengewinne. „Das sind natürlich fantastische Zahlen, die die vorlegen, und das ist natürlich sehr verlockend.“ Und trotzdem: „Wir sind uns eben doch sehr darüber im Klaren, dass es sich hier um einen Sirenengesang handelt.“
Fröhlich setzt dagegen eine pointierte These: Freiwillig sitze gerade fast niemand am Mast – „gebunden sind ja wahrscheinlich eher die, denen jemand das Seil angelegt hat“, ob durch Anlagerichtlinien, Ausschusstermine oder Risikogrenzen. Auch Wallwitz' Fondsprospekt sei so ein Mast, mit einer Aktienquote, die 75 Prozent nicht überschreiten darf. Wallwitz bestätigt und erklärt es über die Kundschaft: Der Anleger, der unbedingt Rendite optimieren wolle, kaufe „dann eben den Chip-ETF“. Seine Kunden dagegen „sind halt Leute, die die Asset-Management-Entscheidungen delegieren wollen, die über den Zyklus hinweg eine ordentliche Performance haben wollen und da jetzt eben nicht täglich drüber nachdenken wollen.“
Warum der Phaidros Funds Balanced 2025 hinterherlief
Fröhlich konfrontiert Wallwitz damit, dass das Flaggschiff 2025 mehr oder weniger seitwärts lief, während Vergleichsgrößen wie MSCI World oder ein 60/40-Ansatz zulegten.
Wallwitz weicht nicht aus: „Das lag daran, dass wir uns bei den Zyklikern zu sehr zurückgehalten haben und zu viel Geld in den stabilen Geschäftsmodellen hatten, die am Ende wahrscheinlich auch zu teuer waren.“ Zu den Zyklikern zählten auch Banken, und dort habe man „so einen bisschen verengten Blick“ gehabt. Man habe amerikanische Banken gehalten, aber europäische und asiatische gemieden: „Europa ist overbanked, es gibt einfach zu viele Banken, die Regulierung in Europa ist sehr strikt und die amerikanischen Banken haben es da sehr viel einfacher.“
Was man übersah: dass europäische Banken über das Einlagengeschäft plötzlich sehr viel Geld verdienten und dass es zu einer Konsolidierung kam. Wallwitz' Beispiel ist Unicredit, die inzwischen vier der fünf klassischen deutschen Großbanken der Nachkriegszeit unter ihrer Kontrolle habe oder anstrebe. „Das muss man sich auch auf der Zunge zergehen lassen.“ Sein Urteil über die eigene Haltung: „Doch etwas dogmatisch.“ Ähnlich im Chip-Bereich: „Wir sind da einfach von diesen zyklischen Sektoren, wenn man so will, überrollt worden.“
Auch die zweite Fehleinschätzung benennt er. Man sei davon ausgegangen, dass E-Commerce durch KI stärker werde – inhaltlich richtig, an der Börse zunächst falsch: „Da hat uns eben die KI-Welle einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Immerhin: Zuletzt habe sich vieles gedreht, der Fonds notiere „wieder im Allzeithoch oder deutlich darüber“.
HRK Lunis und die Frage nach der Unabhängigkeit
Im Juni 2026 hat die Holding HRKL die Mehrheit an Eyb & Wallwitz übernommen; dahinter steht unter anderem der Pariser Private-Equity-Investor Seven2. Fröhlichs Frage an einen Mann, der zwanzig Jahre mit Unabhängigkeit geworben hat: Was sagt man dem Kunden, der fragt, wer in fünf Jahren über seinen Fonds entscheidet?
„Fünf Jahre ist eine lange Zeit“, antwortet Wallwitz – geht dann aber konkret ran: „Eyb & Wallwitz bleibt ein eigenständiges Unternehmen. Wir werden also nicht verschmolzen in die HRK Lunis hinein. Die Personen bleiben die gleichen. Und auch unsere Entscheidungswege in der Firma bleiben die gleichen.“ Der Grund liege in der Logik der Transaktion: HRK Lunis habe Asset Management bislang nicht in dieser Ausprägung, „sonst würde es auch wenig Sinn machen“.
Insel oder Heimkehr: Das Konzentrationsrisiko im Index
Odysseus wählt am Ende die Heimkehr – und damit Altern und Tod – statt der Unsterblichkeit auf Kalypsos Insel. Übertragen auf die Depotentscheidung zwischen KI-Portfolio und ausgewogenem Depot ist Wallwitz eindeutig: „Also ich würde das ausgewogene Portfolio nehmen. Mir ist einfach die Konzentration in den Indizes auf KI zu stark.“ 40 bis 50 Prozent der Marktgewichtung hingen teilweise direkt am großen KI-Trade.
Sein historisches Argument: „Derartige Konzentrationen in einem Thema haben sich in der Vergangenheit nie langfristig durchgehalten. Es gab mal Energiewerte, die waren das große Ding. Es gab mal Konsumwerte. Finanzwerte haben mal die Indizes dominiert.“ Das halte sich ein paar Jahre, und es gebe auch gute Gründe dafür – „die verdienen ja auch viel Geld, ist auch eine tolle Sache“. Nur eben nie lange.
Penelope und die einzige gültige Prüfung
Bleibt die These aus dem Prolog seiner Neuauflage: Die Finanzmärkte blieben ein soziales System, „so viel clevere Mathematik und Künstliche Intelligenz auch um sie herum gesponnen werden mögen“. Steht der Satz noch? „Der steht wie eins“, sagt Wallwitz. „Das Storytelling an den Märkten ist ja nach wie vor sehr dominant.“ Als Beispiel nennt er den SpaceX-Börsengang dieses Jahres: gehypt, die Elon-Musk-Fans sprangen rein, dann große Enttäuschung, dann fiel die Aktie. „Das ist schon nach wie vor sehr getrieben von Storytelling und Emotionen. Und das bleibt auch noch eine Weile so.“
Damit ist man bei Penelope, die ihrem Mann nicht glaubt, als er vor ihr steht, sondern einen Beweis verlangt. Braucht der Anleger 2026 mehr Misstrauen? Wallwitz wird geradezu warm: „Penelope ist toll. Die Frauen in der Odyssee spielen eine super Rolle. Man kann das Ganze auch feministisch lesen.“ Und dann die Pointe: „Diese Skepsis der Penelope, die sozusagen vom Leben gelernt hat, nicht auf jeden Freier gleich reinzufallen, sondern ‚Show me the money' sagt, wie es in unserer Branche heißt – die ist ein absolutes Vorbild.“
Zum Schluss die Frage nach dem Bogen: Wenn Wallwitz die Prüfung für Fondsmanager entwerfen dürfte, welche wäre es? Reine Performance jedenfalls nicht. Und die Sharpe Ratio? Auch nicht als Selbstzweck. Was zählt, ist für ihn eine einzige Frage: „Wie viel erwirtschaftest du für das eingegangene Risiko? Das ist am Ende das, woran sich alle messen lassen müssen.“ Viel Risiko einzugehen und ein paar gute Jahre zu haben, könne funktionieren. „Aber langfristig für das eingegangene Risiko eine adäquate Rendite herzubringen – das ist das, worum es geht.“



