Gerd Kommer und Daniel Kanzler Der Tech-Hype an der Börse

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Die wichtigste unter mehreren Ursachen ist der sogenannte Recency-Bias – der allzu menschliche Denkirrtum, Daten der jüngeren Vergangenheit als für die Zukunft grundsätzlich bedeutsamer einzustufen als ältere Daten. Da der High Tech-Sektor in den letzten Jahren fast alle anderen Sektoren outperformt hat, glauben viele Anleger, dass dies nun die neue Normalität sei.

Die vom Recency Bias begünstigten falschen Schlussfolgerungen werden zusätzlich durch von Finanzmedien verbreitete Investment-Pornographie verstärkt, also Veröffentlichungen, die aus wissenschaftlicher Sicht unbewiesene Schlussfolgerungen als etwas darstellen, das unzweifelhaft oder jedenfalls sehr wahrscheinlich sei – jeweils vermischt mit der unausgesprochenen oder ausgesprochenen Implikation, dass Privatanleger daraus attraktive Mehrrenditen schlagen könnten.

Ein Beispiel hierfür ist die Artikelüberschrift „Technologieaktien bleiben die einzige Wahl – Sie haben in der Krise geglänzt und sie tun es weiterhin. Darauf können Anleger setzen“ (Finanzportal GodmodeTrader, 15.06.2020).

Dass die Finanzbranche in ihrem Produktmarketing auf jede Mode aufspringt, mit der sich gutgläubigen Anlegern das Geld aus der Tasche ziehen lässt, braucht kaum betont zu werden. Von den gut Tausend in Deutschland vertriebenen Aktien-ETFs replizieren rund ein Drittel einen Branchen- oder Themen-Index. Diese ETFs haben im Durchschnitt höhere laufende Verwaltungsgebühren als breiter diversifizierte Nicht-Branchen-ETFs. Dasselbe gilt für aktiv gemanagte Aktienfonds und für die über eine Million in Deutschland vertriebenen Zertifikate.

Im Anlegerdenken verweben sich der eingebaute Recency Bias, die finanzpornografischen Schlagzeilen der Medien, das modegetriebene Marketing der Finanzbranche und Investment-Pseudowissen zu einer für den Anleger subjektiv runden, in sich schlüssigen Story: Branchen mit starkem technischen Fortschritt und höherem Anteil an jungen "disruptiven" Firmen müssen zwangsläufig für Anleger rentabler sein als Old-Economy-Branchen mit nur langsamem technischen Fortschritt und wenig Wachstum. Das sei die Logik der Digitalisierung.

Diese, wie wir sehen werden, einfältige Story wird erst hinterfragt, wenn einige Jahre später der Enttäuschungsgrad im Depotauszug eine nennenswerte Intensität überschritten hat. Zu diesem Zeitpunkt wird es jedoch bereits eine neue Investment-Chance des Jahrzehnts geben, die in unserer Wahrnehmung genauso logisch und unausweichlich erscheint, wie vorher diejenige, mit der der Anleger soeben eine Bauchlandung erlitten hat. Jetzt kann das Spiel aufs Neue beginnen.

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