Felix Großmann, Gerd KommerLesedauer: 10 Minuten

Gerd Kommer und Felix Großmann Corona-Crash – was sollten Anleger tun?

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Aktien waren nicht nur in den letzten 120 Jahren die ertragreichste Asset-Klasse, wie aus Tabelle 1 hervorgeht, sie waren es auch in dem Jahrzehnt unmittelbar vor Einsetzen des Corona-Crashs. Dieses Jahrzehnt (2010 bis 2019) war für einen Buy-and-Hold-Anleger mit einem global diversifizierten Aktienportfolio eine weit überdurchschnittlich gewinnbringende Zeitspanne. Der Weltaktienmarkt lieferte in den besagten zehn Jahren außerordentlich hohe Renditen, nämlich real 10,7 Prozent p.a. (kumulativ 177 Prozent). Er übertraf damit den Dax (6,8 Prozent p.a.), Gold (4,6 Prozent p.a.), deutsche Wohnimmobilien (4,4 Prozent p.a.) und Bankguthaben (negative 1,1 Prozent p.a) - alle Renditen inflationsbereinigt, in Euro, vor Kosten, vor Steuern.

Diese 4,4 Prozent p.a. deutsche Wohnimmobilien repräsentieren nur die inflationsbereinigte "Preisrendite" (Wertsteigerungsrendite). Dazu ist eine geschätzte Nettomietrendite (Bruttomietrendite abzüglich Instandhaltung und Versicherung) von ca. 2,5 bis 3,0 Prozentpunkten jährlich zu addieren und zugleich rund 12 Prozentpunkte einmalige Kauf- und Verkaufskostens (inklusive Grunderwerbsteuer) zu subtrahieren (also rund ein Prozent pro Jahr). Verlässliche, präzise Nettomietrenditedaten sind für den Wohnimmobilienmarkt generell nicht verfügbar. Der Kredithebeleffekt aus einer Fremdfinanzierung wurde hier nicht berücksichtigt.

2. Market Timing schadet – auch im Crash

Die Renditen von Aktien sind kurz- und mittelfristig nicht zuverlässig prognostizierbar. Sie folgen einem so genannten "Random Walk" (Zufallslauf). Dieser Sachverhalt ist in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung völlig unumstritten (eine Zusammenfassung des Forschungsstandes dazu bieten Jacobs/Weber 2016).

Der Hauptgrund für diese Nichtprognostizierbarkeit ist die hohe Informationseffizienz  der Kapitalmärkte, insbesondere des Aktienmarktes. Ein informationseffizienter Markt ist einer, in dem alle öffentlich verfügbaren Informationen über ein Wertpapier sehr schnell, man könnte auch sagen "rasend schnell", in den Preisen der Wertpiere abgebildet sind (eingepreist sind). Diese Eigenschaft macht Kapitalmärkte unter allen Märkten einzigartig. Weil Aktienrenditen kurz- und mittelfristig nicht prognostizierbar sind, ist es generell und auch in einer Crash-Situation nicht nur sinnlos, sondern im Durchschnitt renditeschädlich, auf der Basis von Prognosen zu kaufen und zu verkaufen.

Dass die etablierte Finanzbranche und die Medien ihrem Publikum traditionell etwas ganz anderes suggerieren, resultiert primär aus deren Interessenkonflikten und den weit höheren Margen, die Finanzdienstleister durch die Vermarktung dieses Irrtums erzielen. Auch unser eigenes Bauchgefühl, unsere Emotionen und der gesunde Menschenverstand leiten uns in die schädliche Richtung, anlass- und augenblicksbezogen zu traden. Der gesunde Menschenverstand und unsere Instinkte führen uns übrigens in zahlreichen wirtschaftswissenschaftlichen Fragen in die Irre (Watts 2011).

Die Schädlichkeit von aktivem Investieren bei Aktien und speziell Market Timing (Rein-Raus im Zeitablauf), einschließlich "Crash-Market-Timing", wurde in empirischen Studien von an Universitäten angestellten Wirtschaftswissenschaftlern in den vergangenen rund 50 Jahren buchstäblich zu Tode untersucht. In einem Satz zusammengefasst: Es existiert keinerlei überzeugende Evidenz dafür, dass solche Timing-Strategien bei Berücksichtigung von Risiko, Kosten und Steuern attraktivere Langfristrenditen produzieren als diszipliniertes Buy-and-Hold. Das Gegenteil ist der Fall. In den Investment-Büchern von Kommer werden die Ergebnisse vieler dieser Studien zusammengefasst. Wir selbst haben im März 2019 eine bestimmte, intuitiv plausible Timing-Strategie zu "Crash-Timing" getestet. Auch hier zeigte sich die statistische Unterlegenheit gegenüber Buy-and-Hold.

Der Nutzen von "Downside-Hedging" – dem bewussten Versuch, die Volatilität (Schwankungsintensität) eines Portfolios "nach unten" mit Derivaten (z. B. Put-Optionen) oder Stopp-Loss-Orders zu begrenzen, wurde ebenfalls schon vielfach geprüft. Eine Stopp-Loss-Order löst eine automatische Verkaufs-Order aus, sobald eine Kursmarke nach unten unterschritten wird. Dieser Strategietypus, der in der jetzigen Zeit verlockend erscheinen mag, unterliegt Buy-and-Hold gleichermaßen. Eine Zusammenfassung wissenschaftlicher Studien, in denen dieser Sachverhalt untersucht wurde, findet sich in Kommer, 2018, S. 148 ff.

Im Übrigen wird bei genauerer Überlegung schnell klar, dass fast alle aktiven Anleger – Privatanleger und Profi-Anleger – bewusst oder unbewusst Downside-Hedging in einer ihrer vielen Variationen praktizieren. Insofern sind die Mehrzahl der nicht mehr zählbaren allgemeinen Studien aus der Wissenschaft, die die Unterlegenheit von aktivem Investieren in den vergangenen rund 50 Jahren gezeigt haben, zugleich auch eine Widerlegung des Nutzens von Downside-Hedging.

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