DAS INVESTMENT: Welche marktrelevanten Themen werden das Jahr 2024 besonders prägen und wie plant die Gothaer darauf zu reagieren?
Marketingvorstand der Gothaer
Oliver Brüß: Geopolitische Spannungen und ihre ökonomischen Folgewirkungen setzen sich auch 2024 fort. Einige dieser Auswirkungen betreffen uns als Unternehmen direkt, andere aber auch unsere Privat- und Firmenkunden. Vor allem mittelständische Unternehmen haben die Auswirkungen der globalen Krisen direkt gespürt, zum Beispiel durch höhere Energiekosten oder Probleme in der Lieferkette. Durch die veränderten Rahmenbedingungen entstehen durchaus auch neue Risiken und damit Chancen, zum Beispiel als Versicherer der Energiewende. Deutlich erkennbar ist weiterhin ein durch die Pandemie verändertes Konsumverhalten – Kunden nutzen verstärkt digitale Kanäle, um Produktinformationen zu erhalten, sich beraten zu lassen und Verträge abzuschließen. Diesem Bedürfnis kommen wir natürlich nach und werden unsere digitalen Services weiter ausbauen.
Auf welche Sparte beziehungsweise Geschäftsfeld fokussieren Sie sich besonders?
Brüß: Eine unserer Stärken liegt in der breiten Aufstellung über alle Sparten hinweg. In der Sachversicherung wird im Firmenkundengeschäft die Nachfrage nach Cyberschutz anhalten, da das Risiko von Hackerangriffen auch für KMU weiter steigt. Vor dem Hintergrund des immer größer werdenden Fachkräftemangels erwarten wir für die bAV und bKV weitere Zuwächse. In der privaten Krankenversicherung rechnen wir mit einer weiter starken Nachfrage nach Zusatzversicherungen, das Thema Gesundheit ist und bleibt nach meiner Einschätzung ein Wachstumsmarkt. In der Lebensversicherung sind wir überzeugt vom Trend zu Fondsprodukten. Und wir gehen davon aus, dass sich die Erfolgsstory unserer in diesem Jahr neu eingeführten SBU auch 2024 fortsetzen wird.
Welche Produktentwicklungen planen Sie in diesem Jahr?
Brüß: In der Lebensversicherung werden wir 2024 eine neue, innovative Fondsrente einführen und damit unsere strategische Ambition unterstreichen, ein noch relevanterer Player im Maklermarkt zu sein. Und auch im Bereich BU werden wir weiter am Ball bleiben. In der Krankenversicherung entwerfen wir gerade ein ganz neues Produktkonzept. Das neue Produkt wird speziell auf die Bedürfnisse von Menschen, die aus dem Ausland kommen, um hier hochqualifizierten Berufen zu arbeiten, zugeschnitten sein. Außerdem führen wir in der privaten Kompositversicherung die Modernisierung der Produktpalette fort. Wir werden zum Beispiel ein Update unser Cyberversicherung vornehmen. Zudem werden wir eine neue Hausrat- und Haftpflichtversicherung auf den Markt bringen.
Wie planen Sie auf die Veränderungen im Maklermarkt zu reagieren?
Brüß: Wir beobachten schon seit Jahren drei große Trends im Maklermarkt: zum einen eine stärkere Spezialisierung innerhalb der Maklerunternehmen, zum anderen eine Marktkonsolidierung. Viele Makler schließen sich aktiv Verbünden oder Pools an. Zugleich kaufen größere Maklerhäuser kleinere auf. All das geht einher mit einer stärkeren Digitalisierung. Den Einzelkämpfer, der alle Sparten und Themen abdeckt, gibt es immer weniger. Diese zunehmende Spezialisierung, Verdichtung und Digitalisierung erfordert auch andere Betreuungsstrukturen. Makler wünschen sich Ansprechpartner mit umfangreichem Spezialwissen und schnelle Entscheidungen, wenn sie Versicherungsschutz für ihre Kunden eindecken wollen. Das gewährleisten wir über eine neue Struktur. Auch das Thema Vertriebsdigitalisierung wird 2024 weiter im Fokus stehen, um Service und Geschwindigkeit für unsere Vertriebspartner weiter zu verbessern.
An welchen Stellen wollen Sie ihr Unternehmen weiter digitalisieren und wo planen Sie den verstärkten Einsatz von KI?
Brüß: Künstliche Intelligenz leistet bei der Gothaer an vielen Stellen im Unternehmen wertvolle Unterstützung und kommt entlang der gesamten Wertschöpfungskette zum Einsatz: Beispielsweise werden in der Produktentwicklung regionale Informationen KI-gestützt gewonnen oder im Bereich Marketing und Vertrieb werden Abwanderungsprognosen erstellt. Auch in der Bestandsverwaltung wird KI eingesetzt, um eingehende Schriftstücke und die Anliegen unserer Kunden zu klassifizieren und zu verarbeiten. Zusätzlich gibt es eine Plattform mit intelligenten Voice Bots, die telefonische Anliegen von Kunden bearbeiten. Momentan beobachten wir zudem ein großes Interesse an GPT-basierten Informationssystemen, mit denen Chatbots Dokumente durchsuchen, Antworten aus den gefundenen Informationen erstellen und an die Nutzer zurückgeben können.
Welche Verbesserungen streben Sie in ihren Nachhaltigkeitsbemühungen an?
Brüß: Um unserem in unserer Strategie verankerten Anspruch gerecht zu werden „glaubhaft nachhaltig“ zu sein, treiben wir das Thema systematisch im gesamten Unternehmen voran: in unserem Kerngeschäft, in der Kapitalanlage, im eigenen Betrieb, bei den Mitarbeitern sowie in unserem Engagement über die Gothaer Stiftung. Im Jahr 2024 werden die Fokus noch stärker auf den Vertrieb richten. Denn klar ist: Auch in der Versicherungsbranche wird das Thema Nachhaltigkeit von den Kunden immer öfter nachgefragt.
Die Umsetzung welcher politischen und regulatorischen Ideen für die Versicherungsbranche würden Sie sich wünschen?
Brüß: Der Ansatz, die Riester-Rente zu reformieren, ist absolut richtig. Durch die bisherige, viel zu komplexe Ausgestaltung ist diese Versicherung zu teuer – und das nicht aufgrund der Kosten auf Seiten der Versicherer, sondern wegen des hohen Aufwands für die gesetzlich vorgeschriebene Administration und der vorgegebenen Beitragsgarantie. Hier besteht deutlicher Reformbedarf. Schwierig sind allerdings die Bestrebungen, die Rente nicht mehr lebenslang auszahlen zu müssen. Das ist sicherlich für einen Teil des Vermögens sinnvoll, aber das Risiko der Langlebigkeit wird zu sehr unterschätzt. Auch bei der Pflegeversicherung gibt es auf jeden Fall Handlungsbedarf. Im Gegensatz zur privaten Pflegeversicherung werden in der gesetzlichen Pflegeversicherung keine Alterungsrückstellungen angespart. Denkbar wäre hier eine geförderte ergänzende Pflegeversicherung oder eine betriebliche Pflegeversicherung mit steuerlicher Förderung analog zur bAV. Insgesamt wünsche ich mir an einigen Stellen mehr politische Verlässlichkeit für die Finanzdienstleistungsbranche und unsere Kundschaft.

