DAS INVESTMENT: Welche marktrelevanten Themen werden das Jahr 2024 besonders prägen und wie plant die HDI darauf zu reagieren?

Thomas Lüer, Vorstand der HDI Deutschland

Thomas Lüer: Die Zinswende ist für Lebensversicherer per se eine erfreuliche Entwicklung. Wie nachhaltig dieser Trend ist, wird sich zeigen. Im Schaden-/Unfallgeschäft bleibt das Marktumfeld auch 2024 volatil. Zwar hat sich die Inflation etwas entspannt, die erheblich gestiegene Kosten für Waren und Handwerksleistungen sowie die weiterhin verzögerten Lieferströme stellen weiterhin eine große Herausforderung dar, die nicht nur unsere Branche bewältigen muss. Die Digitalisierung und KI stehen ebenfalls im Fokus.

Auf welche Sparte beziehungsweise Geschäftsfeld fokussieren Sie sich besonders?

Lüer: Als B2B-Versicherer bleiben unsere Angebote für Firmen und freie Berufe im Fokus. Hier wollen wir mit spezifischen Branchenlösungen und individualisierten Angeboten wie unserer Multiline-Police „Compact“ weiterwachsen. Im Bereich Leben setzen wir auf unsere Fondspolice „CleverInvest“, in der betrieblichen Altersversorgung (bAV) auf „SafeInvest“ und im Bereich Einkommensschutz unter anderem mit dem neuen Grundfähigkeitsschutz auf unsere „EGO“-Produktlinie. Im Bereich Komposit liegt ein Fokus auf Digitalisierung. Mit dem „Gewerbe-Cockpit“ haben wir die digitale Policierung auf die komplette Bandbreite der HDI-Firmen-Versicherungen erweitert – mit spezifischen Branchenlösungen genauso wie mit individuell kalkulierten Angeboten. Hier wollen wir 2024 weiterwachsen.

Welche Produktentwicklungen planen Sie in diesem Jahr?

Lüer: Wir haben 2023 unser Produktportfolio umfassend überarbeitet. In der betrieblichen Altersversorgung und der Biometrie sehen wir uns bereits gut aufgestellt. Unabhängig davon behalten wir das Marktgeschehen genau im Blick. Im Sachversicherungsgeschäft stehen in diesem Jahr aller Voraussicht nach Produkt- beziehungsweise Tarif-Updates bei der Kfz-Versicherung an. Außerdem haben wir den Vertriebsstart eines neuen Unfallproduktes im Blick. Im Geschäft mit Firmen und Freien Berufen liegt der Schwerpunkt 2024 auf der E2E-Prozessoptimierung der Angebots- und Antragsstrecken. In der Planungshaftpflicht ist ein Bedingungs-Update sowie die aktuarielle Überprüfung der Tarife geplant. Bei der Vermögensschadenhaftpflicht steht eine Umbrella-Deckung im Fokus und für die Cyberversicherung steht ein Produkt-Update auf der Agenda.

Wie planen Sie auf die Veränderungen im Maklermarkt zu reagieren?

Lüer: Private-Equity-Firmen treiben – über ihre Beteiligungen an Maklerhäusern – die Konsolidierung im deutschen Maklermarkt zunehmend an. Diese „Buy-&-Build-Modelle“ werden weiter für Dynamik sorgen und damit den Druck auf kleinere inhabergeführter Maklerhäuser erhöhen. Die Entwicklung zeigt, dass dieses Mittel zum anorganischen Wachstum im Trend liegt. Wir gehen davon aus, dass weitere Zusammenschlüsse und Übernahmen folgen werden. Wir beobachten diese Entwicklung sehr genau und werden danach unser Handeln ausrichten. Insgesamt sehen wir uns auch hier gut aufgestellt.

An welchen Stellen wollen Sie Ihr Unternehmen weiter digitalisieren und wo planen Sie den verstärkten Einsatz von KI?

Lüer: Bei HDI sind wir offen für neue Technologien. Wichtigstes Gebot: Der Schutz unserer unternehmens- und personenbezogenen Daten. Wir arbeiten derzeit daran, eine effiziente, gezielte, sichere und gesetzeskonforme Nutzung von KI für HDI in Abstimmung mit allen relevanten Funktionen zu ermöglichen. Die Generative KI bietet Versicherern bereits jetzt Wertschöpfungspotenziale. Die wollen wir verantwortungsvoll und unter Berücksichtigung regulatorischer Anforderungen nutzen. Bei HDI laufen erste Anwendungsfälle insbesondere dort, wo wir Prozesse und Services verbessern können. Verschiedene Handlungsoptionen liegen auf dem Tisch. Mit Blick nach vorn bin ich überzeugt, dass uns Generative AI maßgeblich dabei helfen wird, unseren Kunden- und Vertriebspartnerservice auf ein neues Level zu heben.

 

Welche Verbesserungen streben Sie in Ihren Nachhaltigkeitsbemühungen an?

Lüer: Für das Geschäftsjahr 2024 legt der Talanx-Konzern, zu dem unser Geschäftsbereich gehört, einen Fokus auf die Umsetzung der regulatorischen Anforderungen, insbesondere der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). In der Versicherungstechnik verfolgt die Talanx konsequent den Ansatz, ihre Kunden bei der Transition in eine nachhaltige Wirtschaft zu begleiten. Dabei entwickelt sie gezielt ihre Positionierung gegenüber bestehenden und neuen Risiken weiter. Als verantwortungsbewusster Investor schärft die Talanx ihre Strategie, um die CO₂-Intensität des Portfolios sukzessive zu reduzieren. Hierzu tragen neben verschiedenen Ausschlüssen unter anderem die vermehrten Investitionen in nachhaltige Anlagen sowie die systematischen Engagement-Dialoge mit bestehenden Emittenten bei.

Die Umsetzung welcher politischen und regulatorischen Ideen für die Versicherungsbranche würden Sie sich wünschen?

Lüer: Es wäre wünschenswert, wenn der Gesetzgeber der Branche eine Verschnaufpause verschaffen könnte. Mit der bisherigen Regulatorik sind wir bereits gut ausgelastet. Ein Beispiel: Gerade mit Blick auf die IFRS-Rechnungslegung benötigen wir nach der aufwendigen Umsetzung der IFRS 17-/IFRS 9-Projekte und Einführung der neuen Standards zum 1. Januar 2023 eine Phase der Stabilität.


Über den Interviewten: 

Thomas Lüer ist Vorstand des Versicherungsunternehmens HDI Deutschland.