Arbeitskräfte sind in Deutschland ein rares Gut. Zudem droht das Rentensystem zu kollabieren. Hier sagt Johannes Mayr von der Anlagegesellschaft Eyb & Wallwitz, was der Staat tun muss, um die Altersvorsorge der Bundesbürger zu sichern.
Die Dynamik und die ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels und vor allem der zunehmenden Alterung der Bevölkerung werden zunehmend spürbar – und zwar nicht nur in Deutschland. Knappheiten am Arbeitsmarkt und finanzielle Belastungen im Rentensystem machen weitreichende Reformschritte unausweichlich. Die Tendenz zur Frühverrentung verschärft die Herausforderungen. Hier müssen die Anreize neu adjustiert werden. Gleiches gilt für Art und Umfang der staatlichen Sicherung.
So entwickelt sich die Bevölkerungszahl
In China ist die Bevölkerung laut den offiziellen Daten der Statistikbehörde 2022 erstmals seit Jahrzehnten leicht geschrumpft. Dabei ist die Geburtenrate überraschend deutlich gesunken, und die Sterblichkeit fiel unerwartet hoch aus. Der Gipfel in der Bevölkerungsentwicklung und die Trendwende haben damit deutlich früher als erwartet stattgefunden. Ähnliche Entwicklungen sind in anderen Regionen zu erwarten.
In Deutschland ist die Bevölkerung zwar auch 2022 um gut eine Million weiter gestiegen, auf 84,3 Millionen. Grund ist aber lediglich die positive Netto-Zuwanderung. Ohne diese steht ein Rückgang um etwa 0,5 Millionen zu Buche. Ökonomisch problematisch ist aber vor allem die zunehmende Alterung der Gesellschaft. Der Altenquotient – der Anteil an Personen über 67 Jahren im Verhältnis zur Gruppe der Menschen zwischen 20 und 66 Jahren – liegt bereits bei 32 Prozent und wird in den kommenden Jahren rasch in Richtung 45 Prozent steigen. Auch hier spielen die niedrige Geburtenrate sowie der Anstieg der Lebenserwartungen eine zentrale Rolle. Letztere steigt im Laufe von zehn Jahren etwa um ein Jahr.
Der demografische Druck auf den Arbeitsmarkt und das Rentensystem wird damit weiter stark steigen. Infolge der guten konjunkturellen Entwicklung und den strukturellen Verschiebungen in der Corona-Pandemie klagen bereits heute viele Bereiche der Wirtschaft über einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Diese Entwicklung wird sich weiter verschärfen, obwohl die Zahl der Erwerbstätigen 2022 auf über 45 Millionen gestiegen ist. Vor diesem Hintergrund sind bisher für wenig realistisch angesehene Reformschritte im Rentensystem nicht mehr ausgeschlossen. So hat etwa in Frankreich die Regierung eine umfangreiche Rentenreform angekündigt, in deren Rahmen unter anderem das reguläre Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre steigen soll.
Darum gehen viele Deutsche früh in Rente
Auch in Deutschland sind weitreichende Reformen unausweichlich. Zwar sieht bereits die derzeitige Gesetzeslage einen schrittweisen Anstieg der Altersgrenze bis 2031 auf 67 Jahre vor. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter lag zuletzt aber nur bei 64 Jahren und der Abstand zur Regelaltersgrenze ist sogar wieder gestiegen. Denn die Tendenz zur Frühverrentung hat sich entgegen den ökonomischen Herausforderungen bis zuletzt fortgesetzt. Im Jahr 2021 verabschiedeten sich mehr als 40 Prozent der Männer und mehr als 50 Prozent der Frauen vor dem regulären Renteneintrittsalter in den Ruhestand. Die moderaten Abschläge von 3,6 Prozent pro Jahr sowie zahlreiche Sonderregelungen sorgen für eine hohe Attraktivität des Instrumentes.
Die Folgen dieser Entwicklungen zeigen sich zunehmend auf der Finanzierungsseite der staatlichen Rente. Der Zuschuss aus dem Bundeshaushalt lag 2022 erneut bei rund 110 Milliarden Euro – das entspricht etwa 20 Prozent des gesamten Etats. Bei derzeitiger Gesetzeslage steigt dieser Anteil bereits in einigen Jahren in Richtung 50 Prozent. Um dies zu verhindern hat die Politik die Qual der Wahl aus einem Reformmenu.