Baki Irmak, Mitgründer des The Digital Leaders Fund: „Die Bond-Märkte haben gleich in der ersten Phase dieser Korrektur versagt.“ | © The Digital Leaders Fund Foto: The Digital Leaders Fund

Gespräch

„Digitale Reife macht krisenresistenter, schneller und besser“

Herr Irmak, Ihr Fonds, der Digital Leaders, hat seit Jahresbeginn zirka 14 Prozent verloren. Das sind immerhin 6 Prozentpunkte weniger als Ihre Benchmark, der MSCI World. Haben Sie irgendwo abgesichert?

Baki Irmak: Nein. Wir haben weder gehedgt, noch sehr viel Cash gehalten. In der ersten panischen Woche des Crashs haben wir sogar mehr verloren als unsere Benchmark. Die Investoren flüchteten alle aus der einzigen Tür raus, die noch offen war, nämlich Aktien. Die Bond-Märkte haben gleich in der ersten Phase dieser Korrektur versagt. Als alle nach diesem Pandemie-Schock ein wenig zur Besinnung kamen, hat man wieder angefangen nachzudenken und zu rechnen. Viele mittelgroße, digital führende Unternehmen, in die wir investieren, haben sich sodann deutlich erholt.

Wurden die großen Digital-Titel für Corona zu Unrecht abgestraft?

Irmak: Alphabet, Apple, Amazon, Microsoft und Co hatten eine nahezu beängstigende Immunität gegen Marktkorrekturen entwickelt. Fast schienen diese Unternehmen in einer Parallelwelt zu existieren. Mit der Pandemie sind aber auch sie wieder irdische Unternehmen geworden. Gerade die Apple-Aktie war im Vorfeld dieser Krise schon recht teuer. Nun haben diese Unternehmen in der Spitze zwischen 22 – Amazon – und 35 Prozent – Apple – verloren. Energiewerte haben über 50 Prozent, Banken über 40 Prozent verloren. Ich finde das alles noch verhältnismäßig. Einige mittelgroße Digitalwerte wie The Trade Desk und Square hatten in der Spitze bis zu 60 Prozent verloren. Sicher waren diese Unternehmen sportlich bewertet. Die langfristigen Aussichten sind nach der Pandemie jedoch ungleich besser. Diese Krise zeigt schonungslos die Schwächen von Unternehmen auf, die den digitalen Wandel verschlafen haben. Wer nicht schnell und sicher auf Home-Office umschalten konnte, wer nicht Onlinepayment und kontaktlose Zahlungsmethoden akzeptieren konnte, der hat besonders gelitten. Wer diese Krise überlebt und nicht massiv digitalisiert, der ist nicht mehr zu retten.

Welche Digital-Titel haben sich als besonders krisenstabil gezeigt?

Irmak: Paradoxerweise die chinesischen Digital-Giganten wie Alibaba und Tencent. China hat diese Krise mit den Methoden eines totalitären Staates gelöst, brutal und schnell. Die Digitalunternehmen aus China sind nahezu voll funktionsfähig. Auch Amazon hat all seine Stärke in dieser Krise ausgespielt und gleich dreifach profitiert. Es verkauft deutlich mehr Serverkapazitäten, es liefert mehr und es streamt mehr. Cyber-Security-Unternehmen wie Zscaler sind große Gewinner dieser Krise, da sie einen alternativen, sichereren und kostengünstigeren Zugang zu Firmenapplikationen gegenüber Firewalls und VPN-Zugängen erlauben. Netzwerkausrüster wie Arista Networks und Nutanix scheinen zu den Gewinnern zu gehören, da die Cloud-Giganten ihre Infrastruktur nun schnellerer modernisieren. Aber auch Einzelhändler, die früh und radikal digitalisiert haben, wie zum Beispiel Walmart, werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

Welche Lehren werden Anleger wahrscheinlich aus dieser Krise ziehen?

Irmak: Wir sind gerade mitten in der Krise mit extrem tragischen Einzelschicksalen und großen volkswirtschaftlichen Schäden. Das Ausmaß der Krise können wir aktuell kaum bewerten. Doch schon in der Frühphase dieser Krise gibt es für Anleger einige Lehren: Erstens, die Aktienmärkte funktionieren in Extremsituationen, Bond-Märkte nicht. Anleger lassen sich zu geringe Prämien für Illiquidität zahlen. Zweitens, Technologie und Value schließen sich nicht aus. Einige Digital-Titel haben sich in dieser Krise besser gehalten als sogar die Anbieter von Waren des täglichen Bedarfs, Telekoms und Versorger. Und drittens, digitale Reife macht Unternehmen deutlich krisenresistenter, schneller und besser.

Über den Interviewten:
Baki Irmak war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche-Bank-Konzern und die DWS tätig, zuletzt als globaler Leiter des Digitalgeschäfts für die Deutsche Asset & Wealth Management. Im März 2018 legte er zusammen mit Stefan Waldhauser den Aktienfonds The Digital Leaders (ISIN: DE000A2H7N24) über die Service-KVG Universal-Investment auf.

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