Dax-Chart: Wenn die KGVs wieder sinken, sollten Anleger zugreifen, empfiehlt Vermögensverwalter Joachim Paul Schäfer aus Grünwald. Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

Deutsche Aktien

„2020 wird es günstige Einstiegschancen geben“

Unter den größten Aktienmärkten ist die Lage in Deutschland derzeit besonders kurios: Der deutsche Leitindex Dax notiert gerade einmal rund 3 Prozent unter seinem Allzeithoch von Anfang 2018. Und das, obwohl die Unternehmensgewinne der 30 Dax-Konzerne in diesem Jahr voraussichtlich um durchschnittlich 15 Prozent fallen. Was wir derzeit erleben, ist eine spürbare Ausweitung der der Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs). Lange kann das so nicht weitergehen.

Joachim Paul Schäfer, Partner bei der PSM Vermögensverwaltung

Besonders hart getroffen wird derzeit die deutsche Autoindustrie. Gewinnwarnungen und der Abbau von Arbeitsplätzen überschlagen sich sowohl bei den großen Autoproduzenten selbst als auch bei deren Zulieferern. Häufig ist der Einwand zu hören, die derzeitige Schieflage der Automobilbranche habe strukturelle Gründe. Da ist sicherlich etwas dran. Gerade die deutschen Konzerne haben das Thema Elektromobilität lange Zeit verschlafen, bis Elon Musk mit Tesla sie auf Trab gebracht hat. Jetzt drohen ihnen milliardenschwere Strafen, wenn sie ab dem Jahr 2021 in Europa nicht die Obergrenzen für den Kohlendioxid-Ausstoß ihrer Flotten einhalten.

Aber auch ohne diese strukturellen Probleme stottert derzeit die Autokonjunktur. Das gilt vor allem für China, den größten Automarkt der Welt, wo die Absätze schon seit mehr als einem Jahr einbrechen.

Schlechtes Zeichen

Kaum besser sieht es bei der Chemiebranche aus. Deren Produktion wird in diesem Jahr voraussichtlich um 2,5 Prozent schrumpfen. Und im kommenden Jahr ist bestenfalls mit einer Stagnation zu rechnen, so der Verband der Chemischen Industrie. Die schwache Entwicklung der Chemie wiegt schwer. Denn die Branche gilt als zuverlässiger Frühindikator für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung, weil sie fast das gesamte verarbeitende Gewerbe beliefert. Neben dem schwachen konjunkturellen Umfeld machen die zunehmenden Anforderungen des Klimaschutzes der Branche zu schaffen.

Der Dax ist für eine Revision der Konjunkturaussichten als zyklisches Aktienbarometer besonders anfällig. Doch nicht nur in der Bundesrepublik ist mit einer konjunkturellen Eintrübung zu rechnen. Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Robert Shiller rechnet in den USA nicht nur mit einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums, sondern sogar mit einer Rezession. Und in China wächst die Wirtschaft selbst nach offiziellen Angaben von Quartal zu Quartal immer langsamer.

Handelskriege drohen

Erschwerend kommt hinzu, dass die drohenden Handelskriege längst nicht vom Tisch sind. US-Präsident Donald Trump droht auf die französische Digitalsteuer mit milliardenschweren Strafzöllen auf Champagner und Käse. Das könnte umgekehrt eine breit orchestrierte Gegenreaktion der Europäischen Union nach sich ziehen. In dem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass die 25-prozentigen Importzölle der Vereinigten Staaten auf Autos aus Europa bislang nur verschoben, aber keineswegs einkassiert wurden.

Möglicherweise ist auch die zwischenzeitliche Entspannung zwischen den Vereinigten Staaten und China brüchig. Peking hat auf das amerikanische Exportverbot für Tränengas, Gummigeschosse und Wasserwerfer nach Hongkong erbost reagiert. Selbst ein kleines Handelsabkommen zwischen USA und China, das die Aktienmärkte schon voll eingepreist haben, ist immer noch nicht ausverhandelt. Trump sagte dazu, er möge in gewisser Weise die Idee, bis nach der (Präsidentschafts-) Wahl auf den China-Deal zu warten.

Kein No-Deal-Brexit

Zumindest zeichnet es sich ab, dass Großbritannien Anfang kommenden Jahres halbwegs geordnet aus der EU ausscheidet. Nach den aktuellen Umfragen wird Premierminister Boris Johnson die anstehenden Parlamentswahlen wohl klar gewinnen, auch dank des im Königreich geltenden Mehrheitswahlrechts. Dagegen sind die Folgen des Brexits selbst für das Wirtschaftswachstum noch nicht bekannt und vor allem ebenfalls nicht an den Aktienmärkten berücksichtigt.

Vor diesem Hintergrund scheint die konjunkturelle Aufhellung, die die Börsianer derzeit einkalkulieren, gar nicht so sicher. Auch, weil die großen Notenbanken schon jetzt am geldpolitischen Limit arbeiten, und im Zweifelsfall auf einen gar nicht so gut gefüllten Maßnahmenkoffer zurückgreifen können, wie es beispielsweise die neue EZB-Chefin Christine Lagarde behauptet.

Kurzläufer und Gold

Schon Ende 2018 hat sich gezeigt, wie nervös die Aktienmärkte plötzlich auf eine Revision der Konjunktur-Erwartungen reagieren. Für Anleger heißt dies aber auch: Sie können 2020 möglicherweise wieder mit günstigen Einstiegsgelegenheiten rechnen - zumindest die, die über die entsprechenden Barreserven verfügen.

Für die aktuelle Positionierung bedeutet das: Ins Depot gehören nur Aktien mit einer deutlichen Unterbewertung, liquide Anleihen mit kurzen Laufzeiten und als Cashersatz Gold.

 


Über den Autor:

Joachim Paul Schäfer ist nach verschiedenen Stationen bei der US-Investmentbank Prudential-Bache seit 1996 bei der PSM Vermögensverwaltung als Partner tätig.

Mehr zum Thema
DepotsWelche Fonds die Ebase-Kunden im November interessierten Aktienpreis bekanntgegebenSaudi Aramco legt Rekord-Börsengang hin Frank Fischer übernimmt AktienauswahlSVM richtet Frankfurter Stiftungsfonds neu aus