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Laborantin in Bangalore, Indien: Viele Schwellenmärkte dürften in die Rezession rutschen, nicht jedoch Indien und China. | © imago images / photothek Foto: imago images / photothek

Globale Konjunkturentwicklung

Drei Szenarien für die Weltwirtschaft

Anna Stupnytska, Global Macro-Strategin bei Fidelity

Die Einschränkungen im Kampf gegen die Lungenkrankheit Covid-19 haben zu einem beispiellosen Einbruch der Wirtschaftsaktivität geführt. Im zweiten Quartal könnte das Wachstum auf Jahresbasis in den meisten Industriemärkten dadurch um bis zu 40 Prozent beeinträchtigt werden. Kurzfristig erwarten wir eine geringere Belastung in Schwellenmärkten, eine ebenso große jedoch mit etwas Verzögerung.

„Dieser Einbruch ist weit dramatischer als während der Finanzkrise von 2008“, sagt Anna Stupnytska, Head of Global Macro and Investment Strategy. „In mancher Hinsicht ähnelt die Situation eher der Großen Depression, jedoch besagt unser Basisszenario, dass die heutige Krise nicht in eine tatsächliche Depression münden wird.“

Die Erholung wird unserer Einschätzung nach jedoch sehr langsam sein. Die Wirtschaftsaktivität wird kaum auf das Vorkrisenniveau zurückkehren, bevor die Pandemie vorbei ist, was irgendwann im nächsten Jahr der Fall sein könnte. Die Erholung hängt auch davon ab, wie effektiv weitere Infektionswellen verhindert werden können und wie gut Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft wirken. Auch das Verhalten von Verbrauchern und Unternehmen wird eine Rolle spielen.

Drei mögliche Szenarien

Unser Basisszenario für 2020, dem wir eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent beimessen, ist eine globale BIP-Entwicklung von -1,7 Prozent. Wir rechnen damit, dass sich die meisten Industriestaaten den Rest des Jahres in einer Rezession befinden werden, ebenso wie viele Schwellenmärkte, nicht jedoch Indien und China.

Wenn Volkswirtschaften über einen längeren Zeitraum ganz oder teilweise stillgelegt werden, ist durchaus eine BIP-Entwicklung von -5 Prozent möglich. Für dieses Szenario haben wir eine Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent errechnet. Dabei schaffen es Staaten nicht, das Virus unter Kontrolle zu bringen, wodurch eine zweite oder sogar eine dritte Infektionswelle folgen würde. Staatliche und geldpolitische Stützen würden sich in diesem Szenario als unzureichend herausstellen. Diese Situation hätte Parallelen zur Großen Depression.

Unser optimistisches Szenario, dem wir eine Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent beimessen, ist eine BIP-Entwicklung nahe null. Die Voraussetzung dafür wären weitreichende Tests und eine ausgefeilte Nachverfolgung des Virus, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Dadurch könnten einige Einschränkungen gelockert werden. Kombiniert mit einer umfassenden globalen durch Regierungen und Zentralbanken gestützten Politik könnte diesem Szenario der schweren Erschütterung eine schnelle Erholung folgen.

Welche Indikatoren wir jetzt beobachten

Um die Wahrscheinlichkeit dieser Szenarien zu bestimmen und sie weiterhin den Ereignissen anzupassen, beobachten wir eine Reihe von Indikatoren.

Zum einen verfolgen wir die Verfügbarkeit von Tests und das Ausmaß ihrer Anwendung. Denn dadurch kann die Politik die Ausbreitung des Virus besser einschätzen. Wer schon infiziert war, könnte dadurch wieder arbeiten gehen, während Risikogruppen weiter in Quarantäne geschützt werden. Wir beobachten auch den Einsatz von Überwachungsstrategien und die Entwicklung von Therapien und Impfstoffen. Denn ohne Impfstoff kann die Wirtschaft nicht zur Normalität zurückkehren.

Zuletzt beobachten wir noch Exit-Strategien rund um die Welt, die anderen Industriestaaten Orientierung bieten können. Spannend ist auch die Entwicklung der Wirtschaftsaktivitäten in Staaten, die ihre Einschränkungen lockern. Das Verbrauchervertrauen, die Kreditvergabe der Banken, der Arbeitsmarkt sowie Luftverschmutzung, Jobausschreibungen im Netz und Rohstoffpreise können Hinweise darauf geben, wie sich die Wirtschaft entwickelt.

Die Rolle von Hilfsmaßnahmen

Darüber hinaus untersuchen wir auch, wie sich staatliche Hilfen für Unternehmen und Arbeitnehmer auswirken. Jüngst zum Beispiel stellte die US-Notenbank Fed weitere 2,3 Billionen US-Dollar an Krediten für kleine Unternehmen und Gemeinden zur Verfügung – und zwar zusätzlich zu den geld- und haushaltspolitischen Maßnahmen, die bereits angekündigt waren. Die Fed hat außerdem die Palette an Wertpapieren, die sie kauft, um High-Yield-ETFs erweitert. Zuvor hatte sie bereits den Kauf von Investment-Grade-Unternehmensanleihen angekündigt.

„Noch vor einem Monat hätte niemand damit gerechnet, dass die Fed solche Papiere kaufen würde“, sagt Stupnytska. „Das unterscheidet sich klar von 2008/2009, als sie nur Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere gekauft hat.“

Es erscheint daher auch möglich, dass die Fed noch andere Papiere erwerben könnte. Die japanische Zentralbank hat in den vergangenen Jahren auch Aktien-ETFs gekauft, was jedoch umstritten ist. Wir halten es für unwahrscheinlich, dass die Fed auch Aktien in die Bücher nehmen wird, da ihr ohnehin schon eine riesige Palette von Instrumenten zur Verfügung steht. Sie hat jedoch signalisiert, dass sie alles Nötige tun wird, um die Unternehmenswelt zu stabilisieren. Die Fed-Maßnahmen haben Risiken am Anleihemarkt reduziert, können die zyklischen Risiken der wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen durch die Pandemie jedoch nicht ausräumen.

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