Wie wird sich die Globalisierung in nächster Zeit verändern? Eine Frage, die Unternehmen und Investoren beschäftigt. Alexander Börsch hat drei Trends ausgemacht, in welche Richtungen es zukünftig gehen könnte.
Die Geopolitik ist zurück. Nachdem sie in den letzten drei Jahrzehnten stark in den Hintergrund getreten war, haben die geopolitischen Verwerfungen und Kriege der letzten Jahre einen Wendepunkt markiert. Für Unternehmen und Investoren stellt sich dabei vor allem die Frage, wie sich die Globalisierung verändert, die auf einer multilateralen and marktorientierten politischen Ordnung aufgebaut war.
Einige Begriffs-Neuschöpfungen wie Friendshoring, De-risking, oder De-coupling versuchen die neuen Realitäten einzufangen oder ihnen eine Richtung zu geben. Generell schimmert hinter den Begriffen die Vorstellung durch, dass De-Globalisierung unvermeidlich ist; die Frage ist dann nur noch, wie schnell und in welchem Ausmaß.
Allerdings leidet die Diskussion über die aktuellen Globalisierungs-Trends an einem Mangel an belastbaren Daten. Um dies zu ändern, hat Deloitte einen neuen Index entwickelt, der die Veränderungen der Globalisierung abbildet. Der Geoeconomic Dynamics Index betrachtet datenbasiert und BIP-gewichtet die Veränderung der Verflechtungen zwischen allen Länderpaaren auf der Welt in 14 Dimensionen, um nationale, regionale und globale Veränderungen zu erfassen.
Dabei eingeschlossen werden mehrere wirtschaftliche, finanzielle, geopolitische und soziale Dimensionen. Die Ergebnisse erlauben somit einen neuen und differenzierteren Blick auf die Globalisierung. Drei Trends stechen dabei heraus.
Globale Verflechtungen im Rückwärtsgang
In der Rückschau stellt die globale Finanzkrise den Höhepunkt einer rasanten Zunahme an globalen Verflechtungen in den Jahren zuvor dar und markiert gleichzeitig einen Wendepunkt in den letzten Jahrzehnten.
Nach der Krise fällt der Index erheblich und die globalen Verflechtungen erreichten Mitte der 2010er Jahre wieder das Ausmaß von Anfang des Jahrhunderts. Danach kam es zu einer leichten Erholung, die dann vor allem durch die Handelspolitik der Trump-Administration kurz unterbrochen wurde.
Die Covid-Phase spiegelt sich in einer Stagnation der globalen Verflechtungen. In den letzten zwei Jahren zeigt sich wieder ein klarer Abwärtstrend, so dass der Index aktuell wieder ungefähr dem Stand vom Anfang des Jahrhunderts entspricht.
Der aktuelle Abwärtstrend rührt primär vom starken Rückgang der geopolitischen Komponente des Index, die seit 2017 stark fällt. Hier zeigen sich die global explodierende Zahl von Sanktionen, eine stark steigende Zahl von Toten in militärischen Konflikten und ein zunehmend auseinanderlaufendes Abstimmungsverhalten in den Vereinten Nationen.
Die Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und Russland, China und den USA sowie Deutschland und Russland spielen dabei eine wichtige Rolle. Allerdings gibt es nicht nur schlechte geopolitische Nachrichten: Bei einigen Länderpaaren ist eine Zunahme der geopolitischen Nähe zu beobachten. Das gilt beispielsweise für Indien und Pakistan – dank des Waffenstillstandes in Kaschmir 2021. Oder für das Vereinigte Königreich und Japan infolge neuer Handels- und Sicherheitsabkommen.
Welthandel hält sich
Trotz der geopolitischen Verwerfungen entwickelt sich der Welthandel erstaunlich resilient. In der relativen Perspektive des Geoeconomic Dynamics Index ist er selbst während Covid gestiegen, weil das BIP schneller gefallen ist als die Handelsverflechtungen und sich letztere sehr schnell erholt haben. Auch während der vergangenen Jahre ist er immerhin stabil geblieben – und das trotz des zunehmenden Protektionismus und angesichts handels- und geopolitischer Spannungen.
Damit zeigt sich, dass die Trends im Welthandel und Geopolitik nicht zwangsläufig im Gleichklang laufen müssen. Zumindest für eine gewisse Zeitspanne scheint sich der Handel auch mit geopolitischem Gegenwind stabil entwickeln zu können. Dass eine solche Zeitspanne relativ lang sein kann, zeigt ein Blick in die Geschichte.
Das erste Zeitalter der Globalisierung beginnt 1870. Trotz vielfältiger Kriege und geopolitischer Spannungen in Europa erlebten die folgenden vier Jahrzehnte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine massive Ausweitung des Handels.
Regionen und westliche Länder rücken enger zusammen
Die abnehmenden globalen Verflechtungen werden durch zwei Trends zumindest in Teilen kompensiert: Erstens nehmen die Verflechtungen innerhalb von Regionen zu; Nordamerika, Asien und Europa integrieren sich sehr viel stärker und schneller als die Weltwirtschaft insgesamt.
Die Treiber unterscheiden sich dabei: Innerhalb von USMCA (der früheren Nafta) waren es in den letzten sieben Jahren vor allem die Handelsbeziehungen und die finanzielle Integration, die zunehmen. Innerhalb Europas war es der Dienstleistungshandel, der die Integration voranbrachte.
Zweitens haben sich die Verflechtungen innerhalb der westlichen Länder intensiviert und wachsen deutlich schneller als die Beziehungen der westlichen Länder zu den Brics-Staaten. Dies gilt nicht zuletzt für die europäisch-amerikanischen Beziehungen, aber auch für die europäisch-japanischen Beziehungen und auch für Beziehungen Europas mit einigen südamerikanischen Ländern. Die wirtschaftlichen Verflechtungen spielen dabei eine Rolle, aber vor allem ein zunehmender geopolitischer Gleichklang.
Insgesamt zeigen die Daten, dass die aktuelle geopolitische Lage durchaus zu abnehmenden globalen Verflechtungen führt, aber auch, dass De-Globalisierung nicht die ganze Geschichte ist. Die Verbindungen zwischen Ländern befinden sich in einem Transformationsprozess und werden neu geknüpft. Damit werden einige Verfechtungen lockerer, andere intensivieren sich. Das macht die Globalisierung komplexer, aber markiert nicht ihr Ende.
Es bedeutet auch, dass einige Länder und Regionen sehr viel stärker in die Globalisierung einbezogen werden als dies bisher der Fall war. Indien als neuer aufstrebender Markt und die Rohstoffproduzenten in Südamerika profitieren beispielsweise von diesen Trends.
Für Unternehmen und Investoren bedeutet dies, dass geopolitische Faktoren und die neu entstehenden Verknüpfungen sehr viel stärker in Investitionsentscheidungen und Risikomanagement einbezogen werden müssen.