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Gökhan Kula: Auf den Arabischen folgt nun der Türkische Frühling

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Angeführt werden die Unterdrückung regierungskritischer Medien und die Inhaftierung einer Vielzahl von Journalisten (Anmerkung: nirgends auf der Welt sind so viele Journalisten inhaftiert wie in der Türkei), die Tendenz der Einschränkung vieler Freiheiten wie beispielsweise der geplante Verbot vom Einzelhandelsverkauf von Alkohol nachts zwischen 22:00 Uhr und 06:00 Uhr morgens beziehungsweise auch die unverhältnismäßig hart eingreifende Polizei, die unter anderem durch Einsatz von Tränengas viele Demonstranten schwer verletzt hat.

Es ist ein Aufschrei der Bevölkerung, der die laufenden Einschränkungen ihres Lebensstils nicht mehr hinnehmen möchte und dies auch entsprechend kund tut. Ironisch ist, dass beim arabischen Frühling die Türkei als erstrebenswertes Gesellschaftsmodell für islamische Länder gesehen wurde und Treiber der Proteste und auch des erfolgreichen Umschwungs war.

Dass nun die Türkei – vor allem nach der herausragenden wirtschaftlichen Entwicklung – selbst einen Frühling erlebt, ist aus unserer Sicht sowohl politisch als auch wirtschaftlich positiv zu bewerten da es der notwendige Baustein für den nächsten konsequenten Entwicklungsschritt für die Türkei ist – einem demokratischen Staat, der Meinungsvielfalt zulässt und dadurch auch wirtschaftlich sich erfolgreich weiterentwickeln kann.

Die politische Risikoprämie ist gekommen um zu bleiben

Die weitere Entwicklung der Protestwelle und in der Folge des türkischen Kapitalmarktes wird davon abhängen, wie Erdogan auf die anhaltenden Demonstrationen und auf die Forderungen reagiert und die Situation beruhigen kann. Nur durch klare und eindeutige Aussagen und Handlungen werden die Proteste zurückgehen und wieder Ruhe bringen. Erdogan hat gezeigt, dass er bei Krisen auch zurückhaltend und besonnen reagieren kann.

Die Syrien-Krise ist ein gutes Beispiel dafür, in dem es weiterhin keinen türkischen Alleingang gibt. Auch aufgrund der de facto nicht existenten Opposition (CHP ist in sich zerstritten) und fehlenden Alternativen sitzt Erdogan zunächst noch fest im Sattel. Nur für den Fall, dass er die Situation weiter unterschätzt, nicht auf die Forderungen eingeht und gegen die demonstrierende Bevölkerung weiter Gewalt einsetzt könnte es eng für ihn werden.

Das Militär ist zwar ein Stück weit entmachtet aber kein zahnloser Tiger und beobachtet die Situation um das Erbe von Atatürk mit Argusaugen. Die Aussage vom Staatspräsident Gül, dass die Botschaft der Proteste verstanden worden sei, wirkt aufgrund der Nähe und der Freundschaft von Ex-Parteimitglied Gül zu Erdogan nicht wirklich glaubwürdig und somit auch destabilisierend.

Eines haben die Ereignisse der letzten Tage jedoch eindeutig gezeigt: die Türkei – wie jedes andere Schwellenland auch – trägt eine inhärente politische Risikoprämie, die von den Marktakteuren in den letzten Monaten mitunter vernachlässigt wurde. Diese ist nun wieder bewertungsrelevant zum Vorschein gekommen und wird nicht über Nacht verschwinden. Die türkische Börse ist keine Einbahnstraße, die nur eine Richtung kennt.

Auch wenn die Kursverluste kurzfristig schmerzhaft waren beziehungsweise auch die Volatilität anhalten wird, so sind wir davon überzeugt, dass diese Ereignisse mittel- bis langfristig positiv für die türkische Bevölkerung und letztlich für den Kapitalmarkt sein werden. Dass bei Investitionen in einzelne Schwellenländer die Risikokomponente nicht vernachlässigt werden sollte, deckt sich mit unserer Vorgehensweise einer risikokontrollierten Investmentumsetzung und inwiefern politische Börsen kurze Beine haben werden wir noch sehen.
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