Nach dem rasanten Anstieg folgte zuletzt eine Konsolidierung, der Goldpreis fiel unter seine 200-Tage-Linie. Im Interview erklärt der Fondsmanager und Co-Autor des „In Gold We Trust“-Reports, warum er trotz der Korrektur langfristig optimistisch bleibt, wohin die Reise beim Goldpreis als Nächstes geht, welchen Nachholbedarf deutsche Sparer bei Gold haben und welche Rolle der neue Fed-Chef Kevin Warsh sowie Bitcoin künftig spielen.
DAS INVESTMENT: Herr Stöferle, in unserem letzten Interview, das am 11. März 2025 erschienen ist, prognostizierten Sie, dass der Goldpreis bis 2030 noch auf 4.800 US-Dollar steigen wird. Damals klang das sehr optimistisch – dann hat die Realität Sie schnell bestätigt, ja sogar überholt. Wie blicken Sie heute auf diese Aussage?
Ronald Stöferle: Diese Marke stammt im Kern schon aus unserem „In Gold We Trust“-Report 2020 „Aufbruch in eine goldene Dekade“ – dabei handelt es sich um unser konservatives Basisszenario von 4.800 US-Dollar bis Ende 2030.
Dass wir es bereits 2026 erreicht haben, also vier Jahre zu früh, zwingt mich ehrlicherweise zu Demut: Auch wir haben das Tempo der monetären und geopolitischen Entwicklung unterschätzt. Gleichzeitig verschiebt das unseren Fokus – das inflationäre Szenario von rund 8.900 US-Dollar bis 2030 wird zunehmend zur eigentlichen Basisprognose.
Wenn man als Prognostiker daneben liegt, sollte man es eingestehen; wir lagen daneben, aber in die richtige Richtung – und das ist die angenehmere Variante des Danebenliegens. Zur Korrektur selbst: Kurzfristig bleibe ich nach dem Bruch der 200-Tage-Linie vorsichtig – ein Test der psychologisch wichtigen Auffangzone um 4.000 US-Dollar, im Extremfall der Vorjahreshochs darunter, wäre lehrbuchmäßig und kein Drama. An der Richtung ändert das aber nichts: kurzfristig vorsichtig, langfristig klar bullish.
Und wo sehen Sie den Goldpreis jetzt in den nächsten Jahren, 2030 oder noch langfristiger – auch laut „In Gold We Trust“-Report?
Stöferle: Für 2030 orientieren wir uns am inflationären Szenario von rund 8.900 US-Dollar. Von heute aus entspricht das einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg von etwa 15 Prozent pro Jahr.
Der lange Höhenflug von Gold ist zuletzt allerdings ins Stocken geraten. Die Deutsche Bank hat ihre Prognose gesenkt, nachdem diese zuvor dem Goldpreis langfristig bis zu 8.000 US-Dollar je Unze gesehen haben. Korrigieren Sie nun ebenfalls Ihre Prognose?
Stöferle: Nein, wir senken nichts. Was sich seit Jänner abgespielt hat, ist eine Konsolidierung nach einem parabolischen Lauf. Es handelt sich aber nicht um einen Trendbruch. Was die Deutsche Bank intern rechnet, kann ich nicht beurteilen; unsere eigene Logik ist unverändert, das Basisszenario ist erreicht und das inflationäre rückt nach. In den 1970er-Jahren gab Gold zwischenzeitlich um rund 50 Prozent nach, in den 2000er-Jahren rund 30 Prozent. Solche Rücksetzer sind Teil jeder Hausse, nicht ihr Ende.
Eigentlich soll Gold als „sicherer Hafen“ in unsicheren Zeiten als Anker im Portfolio funktionieren. Zuletzt zeigte das Edelmetall allerdings ein ähnliches Auf und Ab wie andere Produkte – trotz anhaltender geopolitischer Unsicherheiten wie dem Krieg im Nahen Osten, Zinsunsicherheit und schwächelndem Dollar. Wie erklären Sie das?
Stöferle: Der März-Rücksetzer war eine Liquiditätsbewegung, kein Vertrauensverlust in Gold. In Phasen von Margin Calls wird verkauft, was sich verkaufen lässt – und nichts ist liquider als Gold. Im März 2026 verzeichneten Gold-ETFs mit 11,8 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 84,8 Tonnen den größten monatlichen Abfluss ihrer Geschichte, und Gold fiel zuletzt erstmals seit 2023 unter seine 200-Tage-Linie.
Entscheidend ist aber, wer verkauft hat und wer gekauft hat: Der Westen verkaufte, Asien kaufte. Das ist genau das Muster, das einen Boden bildet, kein Top. Kurzfristig kann der Boden durchaus noch etwas tiefer liegen – das ist eine Frage von Wochen, nicht von Jahren. Gold hat die erste Verschnaufpause dieses Bullenmarktes eingelegt und es wird nicht die letzte gewesen sein.
Auch Ihr Fonds Incrementum Digital & Physical Gold (ISIN: LI0481314990) leidet darunter und ist YTD im Minus. Allerdings auch auf Jahressicht, als der Goldpreis noch fast stetig stieg. Woran liegt das?
Stöferle: Der Grund dafür ist zweifelsohne das Bitcoin-Exposure. Bitcoin hat 2026 deutlich korrigiert, während Gold gleichzeitig von seinem Jänner-Hoch konsolidierte. Eine kombinierte Strategie muss in so einem Umfeld einer reinen Gold-Anlage hinterherhinken. Nur ist die kurze Frist der falsche Maßstab für eine Strategie, die auf monetäre Knappheit über Jahre setzt: Seit Auflage hat der Fonds ein Plus von rund 347 Prozent erzielt, gegenüber rund 163 Prozent bei Gold. Für mich als Manager zählt vor allem die Risikoseite, und dort liefert die Strategie bei rund einem Drittel der Bitcoin-Volatilität eine bessere Sharpe- und Sortino-Ratio als Gold und Bitcoin jeweils einzeln.
Sie sprachen im Interview damals auch davon, dass nicht mehr die westlichen Finanzinvestoren das Geschehen am Goldmarkt dominieren, sondern die Emerging Markets. Die Notenbanken und private Nachfrage aus China, Indien und dem arabischen Raum seien mittlerweile für knapp zwei Drittel der Goldnachfrage verantwortlich. Ist dies weiterhin der Fall?
Stöferle: Ja, struktureller denn je. Die Richtung des Marktes setzen die „Überzeugungskäufer“ – Notenbanken und asiatische Nachfrage –, die weitgehend preisunabhängig kaufen; der Westen bleibt bislang taktisch, nicht strategisch. Erstmals seit rund drei Jahrzehnten hält der öffentliche Sektor mehr Gold als US-Treasuries in den Reserven. Vereinfacht gesagt: Im Osten wird Gold gehortet, im Westen wird es bepreist.
Welche Rolle spielt der neue Fed-Chef Kevin Warsh für die Entwicklung des Goldpreises?
Stöferle: Warsh ist für Gold mittelfristig eher Rücken- als Gegenwind. Sein angekündigter Doppelschlag aus höheren Leitzinsen und gleichzeitiger Bilanzverkürzung verbilligt das kurze Ende der Zinskurve und verteuert das lange. Seine Wette ist ein KI-getriebener Produktivitätsboom, der über höhere Steuereinnahmen das Defizit senkt und das lange Ende entlastet.
Das ist auf dem Papier ein schöner Plan. Bei einer Inflation von zuletzt rund 4 Prozent und einer Fed, die vorerst stillhält, bleibt jedoch die Lücke zwischen Hoffnung und Bilanz das eigentliche Gold-Argument. Ein Notenbankchef, der Zinsen erhöhen und die Bilanz schrumpfen will, jongliert mit zwei Bällen, die in entgegengesetzte Richtungen fliegen; Gold ist die Versicherung dafür, falls beide nicht gefangen werden.
Wie bewerten Sie Minenaktien?
Stöferle: Die Branche hat sich vom Problemschüler zum Musterknaben gewandelt und ist trotzdem noch günstig. Die Free-Cashflow-Marge des GDX stieg zwischen Q1/2023 und Q1/2026 von 4,2 auf 24,5 Prozent, der Gewinn je Aktie von 1,05 auf 4,63 US-Dollar, also um 341 Prozent, während das KGV von 30,8 auf 19,8 fiel. Der Treppenwitz dabei: Trotz eines Plus von 167 Prozent beim GDX in den Jahren 2024 und 2025 sanken dessen ausstehende Anteile um 28 Prozent – die Anleger haben in die Rally hinein verkauft.
Genau hier zahlt sich aktives Management aus: Unser auf Goldaktien spezialisierter Fonds hat seit Auflage rund 151 Prozent erzielt, gegenüber 97 Prozent bei Gold, und das bei geringerem maximalen Drawdown als Gold und der GDX. Gesteuert wird dieses Exposure über unser proprietäres Incrementum Active Aurum-Signal, das den optimalen Zeitpunkt für offensives oder defensives Agieren bestimmt. Es stand von Dezember 2023 bis Oktober 2025 auf offensiv – in dieser Phase legte der HUI-Goldminenindex rund 150 Prozent zu –, wechselte dann auf neutral und steht seit dem 20. März 2026 auf defensiv, ausgelöst durch das deutlich verschlechterte Marktumfeld im Zuge des Iran-Kriegs.
Defensiv ist dabei ausdrücklich keine strukturell negative Einschätzung und kein genereller Verkauf, sondern eine taktische Reduktion des Risikos, um bei besseren Bedingungen wieder aggressiver zustechen zu können. Kurzfristig vorsichtig, langfristig bullish – genau diese Spannung steuert das Signal für uns, ohne unsere strukturelle Überzeugung anzutasten. Es geht eben nicht nur um den Goldpreis, sondern um Margen, Reservenqualität und Kapitaldisziplin der einzelnen Unternehmen. Ein Index wirft dagegen die Perlen und die Sanierungsfälle in einen Topf.
Wie sieht es mit Commodities aus?
Stöferle: Das klassische Rohstoff-Beta ist als Knappheits-Proxy tot. Der Begriff „Rohstoffe“ umfasst Märkte mit völlig unterschiedlichen Angebotsstrukturen, Nachfragezyklen und geopolitischen Risiken. Energie, Industriemetalle, Agrarrohstoffe und Edelmetalle reagieren nicht auf dieselben Treiber und befinden sich häufig sogar in gegensätzlichen Marktphasen. Gewinne finden sich lediglich in einzelnen Engpass-Knoten, die ein breiter Index verwässert; im Regime seit 2020 haben nur 7 von 18 Rohstoffen die Benchmark geschlagen. Bezeichnend ist, dass der Ausbruch der Rohstoffe ohne Edelmetalle erst Anfang 2026 kam. Das unterstreicht, dass der aktuelle Rohstoffzyklus bislang kein homogener Superzyklus ist, sondern eine Abfolge selektiver Knappheitsmärkte.
Wie entwickelt sich die private Goldnachfrage in Deutschland?
Stöferle: Das wichtigste Motiv für die private Anlage in Gold bleibt über die Zeiten bemerkenswert stabil und ist im Übrigen überall dasselbe: Die Vermögenssicherung steht an erster Stelle, danach folgt die Inflations- und Krisenabsicherung. Die Renditeerwartung kommt erst danach. Das bestätigt etwa die für Philoro durchgeführte St.-Gallener Edelmetall-Studie 2025 für den DACH-Raum.
Beim westlichen Privatanleger wirkt allerdings ein Recency-Bias: Gold zeigt seine stärkste relative Performance gerade dann, wenn der Anleger hofft, die Instabilität sei nur vorübergehend, und wird deshalb oft als kurzfristige Absicherung abgetan statt als strukturelle Allokation begriffen. Genau hier liegt der Nachholbedarf des deutschen Sparers. Denn Gold wird gern in der Panik gekauft und in der Euphorie vergessen.
Welche makroökonomischen Entwicklungen werden den Goldmarkt in den nächsten Jahren prägen?
Stöferle: Das Leitmotiv unseres diesjährigen „In Gold We Trust“-Reports bringt es auf den Punkt: „Back to the Monetary Future“ – die Zukunft des Geldes liegt in seiner Vergangenheit. Die Pax Americana und das Fiat-Regime von 1971 zeigen Ermüdungserscheinungen, und Gold gewinnt schrittweise wieder monetäre Bedeutung. Die Treiber sind eine globale Staatsschuldenquote von rund 97 Prozent gegenüber 61 Prozent im Jahr 2007, eine US-Gesamtverschuldung, die seit 1960 um 133 Prozent schneller gewachsen ist als das BIP, eine wieder positive Aktien-Anleihen-Korrelation, fiskalische Dominanz und erhöhte Debasement-Risiken.
In dem Interview sagten sie damals außerdem, dass Gold und Kryptowährungen für Sie absolut komplementär sind. Wie sieht es damit jetzt aus?
Stöferle: Das gilt mehr denn je. Gold steht für monetäre Stabilität, Bitcoin für monetäre Optionalität. Im März 2026 fiel die Korrelation der beiden auf minus 0,88. Das ist der tiefste Stand seit 2022. Das ist kein Versagen der „digitales Gold“-These, sondern ihr stärkstes Argument: Zwei Vermögenswerte mit denselben monetären Eigenschaften, aber niedriger Korrelation ergeben echte Diversifikation. Und das ist messbar.
In unserer kombinierten Strategie schlägt die Mischung aus physischem Gold und aktiv gesteuertem Bitcoin-Exposure risikoadjustiert beide Einzelassets. Wir dürften mit einem kleinen Anflug von Stolz zu den Allerersten gehört haben, die Gold und Bitcoin vor über sechs Jahren in ein investierbares Konzept gegossen haben: Gold ist der Anker, Bitcoin das Beiboot mit wuchtigem Außenbordmotor.
ist geschäftsführender Gesellschafter der Incrementum AG, verantwortlich für Research und Portfoliomanagement.
Er studierte Betriebswirtschaft und Finanzen in den USA sowie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Nach seinem Abschluss wechselte er in die Research-Abteilung der Erste Group, wo er 2007 seinen ersten „In Gold We Trust“-Report veröffentlichte. Im Laufe der Jahre hat sich dieser zu einer der wichtigsten Referenzpublikationen zu den Themen Gold, Geld und Inflation entwickelt. Er ist Mitglied des Verwaltungsrats bei Tudor Gold und Goldstorm Metals. Darüber hinaus ist er als Berater für von Greyerz und Monetary Metals tätig.