Für Daniel Kerbach lautet die entscheidende Frage der kommenden Jahre nicht, ob Gold in ein Portfolio gehört – sondern in welcher Größenordnung. Warum er das so sieht.
Ich halte diese Lesart für zu kurz gegriffen. Was wir gegenwärtig beobachten, ist keine taktische Reaktion auf politische Schlagzeilen. Es ist der Ausdruck einer tiefergehenden Verschiebung im globalen Finanzsystem – eines Regimewechsels, der die Grundfesten der Asset Allocation, wie wir sie seit den 1980er Jahren kennen, in Frage stellt.
Wer die aktuelle Goldpreisentwicklung verstehen will, muss sie im Kontext von fünf strukturellen Kräften lesen, die jeder für sich genommen bereits gewichtig sind. In Summe aber entfalten sie ein Wirkungsgefüge, das sich selbst verstärkt. Es sind diese Rückkopplungen, die aus dem Goldcase weit mehr machen als eine klassische Inflationsabsicherung – und daraus ein Investmentthema formen, das in die Zukunft weist. Sie machen Gold zu einem strategischen Portfoliobaustein für eine Welt, deren monetäre Ordnung sich neu herausbildet.
Strukturelle Niedriginflation ist Geschichte
Die Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs waren geprägt von einer historisch einzigartigen Konstellation: Globalisierung, günstige Energieversorgung, moderate Lohnentwicklung und eine chinesische Angebotsseite, die auf nahezu jedem Weltmarkt disinflationär wirkte. Diese Konstellation gehört der Vergangenheit an.
Deglobalisierung und Reshoring, steigende Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben, strukturell höhere Lohnkosten in alternden Gesellschaften, teurere Energie- und Rohstoffketten, fiskalische Expansion und die zunehmende geopolitische Fragmentierung wirken heute in dieselbe Richtung. Sie erzeugen ein Umfeld, in dem Inflation nicht zwingend permanent hoch, aber deutlich volatiler und im Durchschnitt höher ausfallen dürfte als in den zwei Jahrzehnten bis Januar 2020, dem Beginn der Corona-Pandemie in Europa.
Entscheidend ist dabei aus meiner Sicht nicht die einzelne Monats- oder Jahresrate der Verbraucherpreise. Entscheidend ist die Erwartung, die sich in den Köpfen der Investoren, der Zentralbanken und der Unternehmensplaner festsetzt: dass die Kaufkraft nominaler Forderungen in den kommenden Jahren strukturell erodieren wird. Wo diese Erwartung wächst, verschiebt sich das Verhältnis zwischen realen und nominalen Wertspeichern – zugunsten realer Assets.
Gold ist der reinste Ausdruck dieser Kategorie. Denn das Edelmetall trägt kein Kredit- und kein Emittentenrisiko, es lässt sich nicht per Notenbankbeschluss oder Emissionsprogramm vermehren. Genau das macht es in einem Regime dauerhaft höherer nominaler Geldentwertung so attraktiv.
Die Staatsverschuldung bewegt sich in Richtung fiskalischer Dominanz
Die zweite Kraft ist die strukturell steigende Verschuldung der Industriestaaten. Ich lege bewusst den Schwerpunkt auf die USA, weil dort die Größenordnungen am eindrucksvollsten sind und die Rückkopplungen auf das globale System am unmittelbarsten wirken. Aktuellen Schätzungen zufolge wird die US-Regierung im Jahr 2026 rund 1,25 Billionen Dollar allein für Zinsen aufwenden. Das entspricht täglich über 3 Milliarden Dollar. Die Zinskosten liegen inzwischen höher als die Verteidigungsausgaben und übertreffen viele andere große Haushaltsposten.[1]
Wenn ein Staat einen Großteil seines Bundeshaushalts allein für Zinszahlungen aufwenden muss, verändert sich der geldpolitische Spielraum grundlegend. Die Notenbank kann in einem solchen Umfeld nicht mehr ausschließlich der Preisstabilität verpflichtet sein – sie muss zwangsläufig auch die Refinanzierungsfähigkeit des Fiskus im Blick behalten. Ökonomen nennen das fiskalische Dominanz.[2] Wir sind noch nicht dort, aber wir bewegen uns in diese Richtung. Auch in Deutschland ist diese Debatte in Gang gekommen, wie die aktuelle Diskussion um das AAA-Rating der Bundesrepublik zeigt.[3]
Die Konsequenzen für Investoren sind erheblich. Wo Realzinsen politisch nicht mehr dauerhaft auf hohem Niveau gehalten werden können, wird finanzielle Repression zu einem plausiblen Instrument der Schuldentragfähigkeit. Es ist der bewährteste, weil politisch unauffälligste Weg, Staatsschulden zu bewirtschaften: negative Realzinsen über einen langen Zeitraum, gepaart mit moderat höherer Inflation. Gläubiger von Staatsanleihen tragen in einem solchen Regime die Last der Anpassung. Gold hingegen ist ein Vermögenswert ohne Schuldner. Es kann nicht restrukturiert, nicht inflationiert, nicht mit einer Kapitalverkehrskontrolle belegt werden. Es ist damit fundamental anders konstruiert als eine Staatsanleihe. Darin besteht der eigentliche Wert.
Ich formuliere es zugespitzt: Gold ist die Versicherungspolice gegen die schleichende Entwertung von Staatsschulden. Wer glaubt, dass die Industriestaaten den Schuldenberg der kommenden Dekade allein über Wachstum, Sparsamkeit und moderate Zinsen abtragen werden, benötigt diese Versicherung nicht. Wer daran zweifelt, sollte sie im Portfolio haben.
Dem Dollar erwächst Konkurrenz in einer multipolaren Ordnung
Die dritte Kraft ist der langsame, aber sichtbare Bedeutungsverlust des US-Dollars als alternativloser Weltreservewährung. Ich möchte hier keine Missverständnisse aufkommen lassen: Der Dollar wird auf absehbare Zeit die zentrale Handels- und Reservewährung bleiben. Es gibt keinen kurzfristigen Kandidaten an den Devisenmärkten, der in Bezug auf Tiefe und Liquidität den Greenback ersetzen könnte. Aber Dominanz ist keine Alternativlosigkeit. Und Alternativlosigkeit ist genau das, was in den vergangenen Jahren erodiert ist.
Zentralbanken diversifizieren ihre Reserven zunehmend – in den Euro, in den Schweizer Franken, in den japanischen Yen, in den chinesischen Renminbi. Vor allem aber diversifizieren sie in Gold. Notenbanken weltweit haben in den letzten vier Jahren durchschnittlich 1.000 Tonnen Gold angekauft, was einen deutlichen Anstieg gegenüber dem Durchschnitt von 500 Tonnen im vorangegangenen Jahrzehnt darstellt.[4] Das ist keine sentimentgetriebene Bewegung. Es ist eine strategische Antwort auf eine Welt, in der Reservevermögen zunehmend als geopolitisches Instrument wahrgenommen werden. Die Sanktionen gegen russische Devisenreserven sind eindrucksvoller Beleg einer Entwicklung, die vor zehn Jahren undenkbar erschien.[5]
Gold hat in diesem Kontext einen entscheidenden Vorteil: Es ist niemandes Verbindlichkeit. Es kann nicht eingefroren, nicht sanktioniert, nicht durch die Entscheidung einer fremden Regierung entwertet werden. In einer multipolaren Währungsordnung, in der digitale Zahlungssysteme, staatliche digitale Währungen und private Stablecoins die Landschaft zusätzlich verändern, ist diese Neutralität ein singuläres Merkmal. Kein digitaler Token, keine alternative Reservewährung kann diese Eigenschaft in dieser Reinheit reproduzieren. Deshalb sehe ich Gold in den kommenden Jahren strukturell in einer Rolle, die es seit Aufhebung der Goldkonvertibilität 1971 nicht mehr hatte: als monetäres Anker- und Reserveasset einer multipolaren Ordnung.
Treasuries verlieren ihren Alleinvertretungsanspruch
Damit sind wir bei der vierten Kraft: der schrittweisen Neubewertung von US-Staatsanleihen gegenüber Gold. Über Jahrzehnte war die US-Treasury das unangefochtene liquide Reserveinvestment. Sie war der risikofreie Anker jedes globalen Portfolios und diente als Referenzgröße für Bewertungsmodelle. Dieses Paradigma steht heute erstmals seit den 1970er Jahren ernsthaft zur Diskussion.
Der Grund ist nicht Bonität im engeren Sinne – die USA werden ihre Anleihen bedienen. Der Grund ist die Summe der Risiken, die Treasuries heute tragen: Durationsrisiko in einem volatileren Zinsumfeld, Inflationsrisiko in einem Regime höherer nominaler Geldentwertung, Fiskalrisiko angesichts wachsender Defizite, und für ausländische Investoren zusätzlich Währungsrisiko. Gold trägt keines dieser Risiken. Es hat keine Duration, keinen Schuldner, kein Refinanzierungsrisiko. Es ist der einfachste, radikalste Ausdruck eines Reserveassets, der denkbar ist.
Wichtig ist die Größenordnung, in der dieser Effekt wirken kann. Ich argumentiere ausdrücklich nicht, dass Gold Treasuries vollständig verdrängen wird. Der Treasury-Markt ist um ein Vielfaches größer als der Goldmarkt, und er wird auch in Zukunft die zentrale Funktion des globalen Zahlungs- und Kreditsystems tragen. Aber genau darin liegt die Asymmetrie: Wenn globale Reserveportfolios auch nur marginal ihre Gewichtung zu Lasten von USD-Anleihen und zugunsten von Gold verschieben, entstehen aufgrund der Größenunterschiede erhebliche Preiswirkungen auf dem deutlich kleineren Goldmarkt.
Es braucht keine dramatischen Umschichtungen, um dramatische Preisbewegungen auszulösen. Genau das haben wir in den vergangenen 24 Monaten ansatzweise gesehen. So stieg die Rendite 30-jähriger US-Treasuries im Zeitraum von Juni 2024 bis Juni 2026 um rund 50 Basispunkte auf 4,95 Prozent. Anfang September 2026 liegt die Rendite der 30-jährigen US-Treasuries bei über 5,20 Prozent.
Der Rohstoff-Superzyklus tritt in eine neue Phase
Rohstoffe schließen den Kreis. Die Welt steht vor einem Investitionsbedarf, der historisch nur mit den großen Elektrifizierungswellen des frühen 20. Jahrhunderts vergleichbar ist. Die Transformation der Energiesysteme, der Ausbau der Stromnetze, die Elektrifizierung ganzer Industriezweige, der weltweite Aufbau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz, die Rückverlagerung strategischer Produktionskapazitäten, der Wiederaufbau militärischer Bestände – all das erfordert Rohstoffe in einem Umfang, der weit über das hinausgeht, was die aktuellen Produktionskapazitäten leisten können.
So erwarten beispielsweise die Analysten von S&P Global in einer Anfang des Jahres veröffentlichten Studie, dass das Kupferangebot bis 2040 um 10 Millionen Tonnen hinter der Nachfrage zurückbleiben wird, was ein „systemisches Risiko“ für die weltweite Industrie darstellt. Die Versorgungslücke beziffern sie mit 24 Prozent.[6] Gleichzeitig wurde in vielen Rohstoffsektoren über Jahre zu wenig in neue Kapazitäten investiert. Genehmigungsverfahren dauern eine Dekade, ESG-Auflagen erhöhen die Hürden und die gestiegene politische Unsicherheit in wichtigen Förderregionen erschwert langfristige Investitionsentscheidungen.
Die Konsequenz ist absehbar: Steigende Nachfrage trifft auf eine Angebotsseite, deren kurzfristige Elastizität begrenzt ist. Das ist die klassische Definition eines Rohstoff-Superzyklus, und wir stehen aus meiner Sicht am Beginn einer neuen Phase dieses Zyklus.
Für Gold hat das eine doppelte Wirkung. Erstens: Ein breiter Rohstoffzyklus erzeugt zusätzlichen realwirtschaftlichen Inflationsdruck und verstärkt damit die erste These. Zweitens: Gold selbst ist Teil dieses Komplexes. Es profitiert monetär als Wertspeicher und Reserveasset, und es profitiert real als knapper Rohstoff mit steigenden Förderkosten und limitierter Angebotsausweitung.
Es wäre unseriös, diesen Investmentcase ohne Einschränkung zu formulieren. Der Goldpreis hat einen erheblichen Teil der beschriebenen strukturellen Entwicklung bereits vorweggenommen. Phasen deutlicher Korrekturen bleiben möglich – insbesondere in Umfeldern kurzfristig steigender Realzinsen, plötzlicher USD-Stärke oder ausgeprägter Risikoaversion, in der auch Gold zur Liquiditätsbeschaffung veräußert wird. Eine entsprechende Tendenz war zeitweise im ersten Halbjahr zu beobachten, als die Folgen des Irankriegs Gold vorübergehend unter Druck setzten. Wer Gold als strategische Position aufbaut, muss diese Volatilität aushalten können.
Gold ist zudem kein Cashflow-Asset. Es zahlt keinen Kupon, keine Dividende, keine Miete. In einem klassischen Bewertungsmodell ist es schwer zu greifen. Der Investmentcase ruht ausschließlich auf seiner monetären Funktion und seinem Charakter als knappes reales Gut. Wer diese Perspektive nicht teilt, sollte konsequent auf andere Assetklassen setzen. Wer sie teilt, wird an Gold in den kommenden Jahren nicht vorbeikommen.
Gold wird ein strategischer, kein taktischer Portfoliobaustein
Der überzeugendste Goldcase lautet nicht „Inflation steigt“. Er lautet: Die Welt verschiebt sich von einem schuldenbasierten, USD-dominierten und deflationär geprägten Finanzsystem hin zu einem inflationäreren, multipolaren und rohstoffintensiven Regime. Gold ist eines der wenigen Assets, das gleichzeitig von allen fünf beschriebenen Entwicklungen profitieren kann. Es ist Inflationsschutz, Schutz vor finanzieller Repression, neutrales Reserveasset in einer multipolaren Ordnung, Alternative zu USD-Staatsanleihen und Bestandteil eines neuen Rohstoff-Superzyklus – in einer einzigen Position.
Für institutionelle Investoren bedeutet das nicht, Portfolios auf Gold umzustellen. Es bedeutet, Gold als das zu behandeln, was es in diesem Regime geworden ist: ein strategischer, kein taktischer Portfoliobaustein. Die entscheidende Frage der kommenden Jahre wird nicht sein, ob Gold in ein Portfolio gehört, sondern in welcher Größenordnung.
[1] https://fortune.com/2026/09/07/us-national-debt-interest-1-trillion-1991-bond-yields-scott-bessent/
[2] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/fiskalische-dominanz
[3] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/staatsverschuldung-zinskosten-deutschland-100.html
[4] https://www.gold.org/goldhub/research/central-bank-gold-reserves-survey-2026
[5] https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/banken/auslandsvermoegen-russische-zentralbank-goldreserven-lagern-alle-im-land/28199218.html
[6] https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/metals/010826-copper-supply-gap-to-widen-24-by-2040-as-electrification-accelerates-study