Zehn-Jahres-Rekord bei Gold-ETCs – drei Stimmen, ein Zweifel
Europas Gold-ETCs verzeichnen im August den stärksten Zufluss seit zehn Jahren. Doch ist das eine neue Trendwende? Ein Vorstandssprecher und zwei Vermögensverwalter ordnen ein.
6,9 Milliarden Euro flossen im August in europäische Gold-ETCs, der höchste Monatswert der vergangenen zehn Jahre. Das geht aus einem aktuellen Report von Morningstar hervor. Nach Einschätzung des Analysehauses ist das ein Zeichen dafür, dass sich Anleger zunehmend um Inflationsdruck und Risiken für den Konjunkturausblick sorgen. Der WorldGold Council kommt für den globalen Markt auf noch größere Dimensionen: 18 Milliarden US-Dollar Zufluss in Gold-ETFs weltweit, davon 7,9 Milliarden US-Dollar allein in Europa.
Wer daraus schließt, der Goldpreis stehe am Beginn einer neuen, stabilen Aufwärtsbewegung, dürfte sich allerdings täuschen. Der Kurs war zwischenzeitlich schon wieder auf dem Rückzug – noch bevor die August-Zahlen überhaupt veröffentlicht wurden.
Spekulation statt Strategie
In seinem Gastbeitrag vom 18. August bei DAS INVESTMENT hatte Norbert Hagen, Sprecher des Vorstands der ICM Investmentbank, vorhergesagt, der Gegenwind am Goldmarkt werde sich in den kommenden Monaten in Rückenwind verwandeln. Auf die aktuellen Zahlen angesprochen, sieht er die Sache anders als Morningstar: „Der Anstieg der Käufe in europäische Gold-ETCs ist sicher der seltenen technischen Situation geschuldet und war unseres Erachtens rein spekulativer Natur.“ Der Goldpreis war von rund 4.000 auf 4.600 US-Dollar je Feinunze gestiegen – ein Teil der Investoren habe oberhalb dieser Marke bereits wieder Gewinne mitgenommen. „Insofern ist die Luft erst mal wieder raus und eine Seitwärtsbewegung etabliert“, so der Vorstandssprecher.
Für die kommende Zeit erwartet er, dass der Goldpreis wieder stärker von zyklischen Faktoren wie Zinsen und Dollarkurs bestimmt wird – nicht von strategischen Käufen wie zuletzt 2025, etwa durch Zentralbanken.
Ein zusätzlicher Verdächtiger
Einen möglichen Treiber der August-Rekordzahlen liefert der World Gold Council mit der überraschenden Ankündigung eines Anleihe-Rückkaufprogramms des US-Finanzministeriums am 19. August – einen Tag nach Hagens Gastbeitrag. Auf Nachfrage von DAS INVESTMENT ordnet der Vorstandssprecher das ein: ein von Finanzminister Scott Bessent auf ein Maximalvolumen von 6 Milliarden US-Dollar pro Operation aufgestocktes Rückkaufprogramm, das nach seiner Einschätzung sein Ziel bislang verfehlt habe.
Ein fallender Realzins würde den Goldpreis nach seiner Einschätzung steigen lassen, ebenso ein Schwinden der Glaubwürdigkeit der US-Notenbank Fed. Aktuell blieben die marktbasierten langfristigen Inflationserwartungen trotz des gestiegenen Ölpreises aber fest verankert, und die Geldpolitikunter Fed-Chef Kevin Warsh habe eher einen restriktiven Ton.
Zwei Vermögensverwalter, zwei Wirklichkeiten
Wie sich die Rekordzuflüsse in der Beratungspraxis niederschlagen, zeigt sich uneinheitlich. David Bienbeck, Vorstand der Vermögensverwaltung Albrech & Cie, berichtet davon, dass das Thema in Mandantengesprächen so präsent sei wie lange nicht mehr. Kunden suchten angesichts hoher Staatsschulden, geopolitischer Unsicherheiten und einer spürbaren Geldentwertung gezielt nach Schutz, so Bienbeck. Das Unternehmen kauft nach eigenen Angaben gemäß der Zielallokation auch in die Kursstärke hinein, statt auf Rücksetzer zu warten. In der hauseigenen Allwetter-Strategie liegt die Zielquote für Gold zuletzt bei rund 8 Prozent, in der Spitze habe sie bei 15 Prozent gelegen – das markiere auch bisher die Grenze.
Felix Rohse, Vermögensverwalter bei Rohse Vermögensmanagement, berichtet von einem deutlich ruhigeren Bild. Ein gestiegenes Kundeninteresse habe er vor allem zu Jahresbeginn wahrgenommen, als der Goldpreis in Richtung der damaligen Rekordstände gestiegen sei. Die starken Zuflüsse im August hätten sich bei seinen Kunden dagegen bislang nicht in einer erneuten Nachfragewelle oder zusätzlichen Depotzuflüssen niedergeschlagen. Die Goldquote werde grundsätzlich nicht wegen kurzfristiger Marktbewegungen verändert und liege bei der überwiegenden Mehrheit der Kunden unter 10 Prozent des Depotvolumens.
Wie tragfähig ist der Zufluss?
Auf das Rückschlagrisiko angesprochen, das von ETF- und ETC-Zuflüssen ausgeht, äußern sich beide Vermögensverwalter ähnlich vorsichtig. Bienbeck hält das Risiko bei ETC-getriebenen Rallys für höher, weil Finanzinvestoren bei Gewinnmitnahmen oder steigenden Anleiherenditen schneller verkauften als Zentralbanken. Die physische Nachfrage der Notenbanken, insbesondere aus Schwellenländern, bilde jedoch weiterhin ein solides Fundament. Kurzfristige Volatilität durch ETC-Abflüsse sei zwar jederzeit möglich, ändere aber nichts am intakten, langfristigen Aufwärtstrend, so Bienbeck. Auch der Charakter der Goldposition als Portfolioabsicherung bleibe aus seiner Sicht trotz zwischenzeitlicher Schwankungen erhalten.
Rohse verweist darauf, dass ein Teil des Rückschlags nach dem starken Anstieg im August bereits eingetreten sei – ein Beleg dafür, dass hohe Zuflüsse keine Garantie für dauerhaft steigende Kurse seien. Seine eigene Positionierung ändere das jedoch nicht: Gold bleibe langfristiger Bestandteil der Kundenportfolios, unabhängig von kurzfristigen Zu- oder Abflüssen.
Was von der Rekordzahl bleibt, hängt davon ab, wen man fragt: ein diagnostiziertes Absicherungsbedürfnis, eine spekulative Übertreibung – oder für den einen Vermögensverwalter ein Kaufsignal, für den anderen ein Grund zum Abwarten.
Maria Lentz ist noch relativ neu in der Redaktion von DAS INVESTMENT. Schon seit April 2024 Teil des Teams, legte sie nach zwei intensiven Monaten eine Babypause ein und ist seit Oktober 2025 wieder dabei – mit frischem Blick und journalistischer Neugier. Zuvor arbeitete sie nach ihrem Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Rostock für die Ostsee-Zeitung, das Redaktionsnetzwerk Deutschland und die Neue Osnabrücker Zeitung.
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