Gold in der Krise

Selbst fanatische Anhänger wenden sich nun vom Gold ab

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Beim Bullion Trading-Shop in New York sind die Absätze mit Münzen aus Edelmetallen im Mai um 35 Prozent eingebrochen, wie deren Eigentümer Isaac Kahan zu berichten weiß. Auch die weltweit größte zentrale Münze, US Mint, hat im Mai den schwächsten Absatz von der Goldmünzen „American Eagle“ seit acht Jahren verzeichnet. Ähnliche Signale kommen aus Australien, dem weltweit zweitgrößten Produzenten von Goldmünzen. Einer Prognose von TD Securities wird die Nachfrage für Edelmetallmünzen weltweit voraussichtlich auf den niedrigsten Stand seit 2008 fallen.

„Viele Münzkäufer waren stets geradezu fanatische Anhänger von Gold als Investment. Wenn selbst die jetzt wegbleiben, dann muss sie etwas vom Glauben abgebracht haben“, sagt der Marktstratege Phil Streible von RJO Futures in Chicago, der sich seit 15 Jahren mit der Goldpreisentwicklung auseinandersetzt. Sein Fazit: „Die Nachfrage für sämtliche Arten physischen Goldes ist angeschlagen“.

Der Goldpreis ist bereits seit etwa zwei Jahren in einem Bärenmarkt gefangen. Sorgen um eine stärkere Inflation haben sich im Laufe dieser Zeit als übertrieben erwiesen, der Dollar ist wieder erstarkt - vor allem aber haben die Aktienkurse in den USA Rekordniveaus erreicht.

Bestätigt wird das einbrechende Interesse am gelben Edelmetall von den schwindenden Zuflüssen in mit Gold unterlegten ETFs, die auf den niedrigsten Stand seit 2009 gefallen sind. Überdies lässt die Nachfrage für Gold zur Verwendung in der Schmuckindustrie zunehmend nach - im ersten Quartal um fünf Prozent, wie das World Gold Council im Mai mitteilte. Insbesondere verlaufe das Goldgeschäft im Nahen Osten und in China zurückhaltend.

Die weltweite Goldnachfrage werde in diesem Jahr um 12 Prozent auf 220 Tonnen fallen, den niedrigsten Wert seit 2008, erwartet Bart Melek, Leiter Rohstoffstrategie bei TD Securities in Toronto.

„Was wir beobachten, kommt einer kompletten Kapitulation gleich“, sagt der leitende Investmentstratege Rob Haworth von U.S. Bank Wealth Management in Seattle. Er ist nach eigenen Angaben bei Rohstoffen einschließlich Gold derzeit untergewichtet. „Die physische Nachfrage ist sehr schwach und das lässt uns weiter fallende Notierungen erwarten“, sagt er weiter.

Der Goldpreis hatte im September 2011 bei 1921,17 Dollar je Feinunze einen Rekordstand markiert. Seinerzeit wurde spekuliert, dass das praktische Nullzinsniveau in den USA den Dollar schwächen werde und zugleich die Inflation anfachen würde. Beides trat nicht ein; der Dollar erholte sich kräftig und fallende Preise für Energie und Lebensmittel dämpften die Inflation. Derzeit bewegt sich der Goldpreis nach unten, und an der Comex in New York wurde der Goldfuture unter 1200 Dollar für die Feinunze ermittelt. Wieder steigende Leitzinsen in den USA macht Gold-Investments nochmals unattraktiver, denn anders als etwa Anleihen kann Gold Rendite ausschließlich über seine Preissteigerungen generieren.

Nur rund sechs Prozent des globalen Goldhandels wird über Münzen abgewickelt, wie die britische Bank Barclays schätzt. Dabei werden insbesondere Kleinanleger von Goldmünzen angesprochen, denn sie bieten eine einzigartig niedrige Stückelung. Bereits für derzeit 141 Dollar (126 Euro) ist etwa eine 1/10 American Eagle in den USA zu erwerben. Zum Vergleich: Ein Goldbarren von 100 Gramm kostet mehr als 3000 Dollar und ein einzelner Goldfuture ist erst ab 118.000 Dollar zu haben.

Nicht alle Auguren sind allerdings pessimistisch für den Goldpreis. Die Bank of America prognostiziert einen Durchschnittspreis in diesem Jahr von 1248 Dollar und ein Ansteigen auf 1338 Dollar 2016. Die US-Nortenbank Fed werde keinen aggressiven Leitzinsanstieg vornehmen, was den Goldpreis stützen wird, hieß es von Analyst Michael Widmer. Auch HSBC Securities (USA) und die Commerzbank erwarten wieder höhere Goldpreise.

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