Jahrzehntelang folgte der Goldpreis einer alten, weit bekannten Regel: Steigen die Realrenditen, fällt der Goldpreis – und umgekehrt. Diese Beziehung war so verlässlich, dass sie zu einer Faustregel für eine ganze Anlegergeneration wurde.

Doch mit der Zinswende im Jahr 2022 verlor auch dieser Glaubenssatz seine Berechtigung. Das Faszinierende an Finanzmärkten ist, dass alte Gewissheiten jahrzehntelang bestehen können, nur um dann scheinbar von einem auf den anderen Tag ihre Gültigkeit zu verlieren. 

Eine Untersuchung zeigt, wie stark sich der Goldpreis von den Realrenditen entkoppelt hat. Sie vergleicht die Korrelation zwischen 10-jährigen Tips-Renditen  und dem Goldpreis in US-Dollar vor und nach 2022.

Tips steht für Treasury Inflation Protected Securities. Das sind inflationsindexierte US-Staatsanleihen. Steigt die Inflation, erhalten Anleger eine höhere nominale Ablaufrendite als Ausgleich. Von 2003 bis 2021 lag die Korrelation zwischen dem Goldpreis und der Rendite von US-Tips bei rund 82 Prozent. Seit 2022 ist dieser klare Zusammenhang nahezu vollständig zusammengebrochen.

Zusammenhang zwischen Goldpreis und Realrenditen
Bildquelle: Hansen & Heinrich

Drei Treiber im neuen Umfeld

Drei wesentliche Treiber sorgen im aktuellen Umfeld dafür, dass das Edelmetall weiterhin gefragt bleibt.

1. Zentralbanken kaufen mehr Gold

In den vergangenen Jahren kauften vor allem Zentralbanken das Edelmetall. Sie sichern damit nicht nur die heimische Währung in einem zunehmend von Inflation geprägten Umfeld. Ihre Motive sind auch geopolitischer Natur: Nachdem der Ukraine-Krieg 2022 begann und Russland aus dem Swift-System ausgeschlossen wurde, betrachten viele Staaten ihre Goldreserven als Frage der Souveränität und der nationalen Sicherheit.

2. Die Inflation bleibt strukturell hoch

Seit 2020 hält sich die Inflation strukturell höher als zuvor. Die Reaktionen auf die Corona-Pandemie befeuerten diese Entwicklung: Notenbanken weiteten die Geldmenge stark aus, unter anderem durch „Helikoptergeld“ an große Teile der Bevölkerung. Zeitweise stiegen die Inflationsraten dadurch in den zweistelligen Bereich.

Mittlerweile ist die Teuerung zwar deutlich zurückgegangen. Dennoch kämpfen Notenbanker in entwickelten Ländern weiterhin mit einer dauerhaft höheren Kerninflation. Die Gründe dafür sind nicht kurzfristig, sondern struktureller Natur: Hohe Staatsdefizite sowie die demografische Entwicklung halten das Inflationsniveau auch künftig erhöht.

3. Der „Debasement-Trade“ gewinnt an Bedeutung

Dieses Narrativ geht Hand in Hand mit dem höheren Inflationsniveau der 2020er-Jahre. Sie besagt: Zentralbanken, Geschäftsbanken und Staaten entwerten schleichend die Fiat-Währungen Jahr für Jahr, indem sie die Geldmenge vergrößern. Hohe Staatsdefizite und eine wachsende Geldmenge lassen das Vertrauen der Verbraucher und Investoren in die jeweilige Währung sinken.

Das neu geschaffene Geld fließt deshalb vor allem in Finanzanlagen wie Immobilien, Aktien oder Gold. Gold eignet sich dafür als einfachstes Vehikel, dieser These Ausdruck zu verleihen – unabhängig von steigenden Gewinnen, Kommentaren von Unternehmenschefs oder geopolitischem Risiko. Seine Wertentwicklung folgt einer einfachen Gleichung aus Angebot und Nachfrage.

Auch Aktien und Anleihen korrelieren anders

Nicht nur Gold verhält sich anders als früher. Auch die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen hat sich im aktuellen Umfeld deutlich verändert. Das klassische 60/40-Portfolio beruht auf der Annahme: Steigen Aktienkurse, fallen Anleihekurse – und umgekehrt. Daraus sollte theoretisch ein guter Diversifikationseffekt entstehen. Im aktuellen Marktumfeld muss man dieses Versprechen aber mindestens stark hinterfragen.

2022 bleibt das einprägsamste Beispiel dafür, dass Korrelationen nicht in Stein gemeißelt sind. In diesem Jahr verloren globale Aktien- und Anleiheindizes gleichzeitig zweistellig an Wert. Von Diversifikation keine Spur. Umso wichtiger bleibt es für Anleger, mehrere Anlageklassen zu kombinieren – dazu zählen auch Gold und Goldminen-Aktien.

Was der Portfoliovergleich zeigt

Wie greifbar der Diversifikationseffekt tatsächlich ist, zeigt ein einfacher Portfoliovergleich seit 2020: Eine Beimischung von 10 Prozent Gold zu einem klassischen 60/40-Portfolio aus globalen Aktien und globalen Anleihen hätte die Gesamtrendite von 61,8 auf 74,1 Prozent erhöht. Der maximale Kursrückgang wäre von minus 22,4 auf minus 20,9 Prozent gesunken, die Volatilität von 10,1 auf 9,6 Prozent gefallen und die Sharpe Ratio von 0,79 auf 0,95 gestiegen.

Historische Werte versprechen selbstverständlich nichts für die Zukunft. Sie zeigen aber, wie deutlich der Diversifikationseffekt in der Praxis wirken kann.

Gold bleibt im Portfolio – aus neuen Gründen

Für ein diversifiziertes Portfolio stellt sich also nicht die Frage, ob Gold eine Rolle spielt, sondern welche. In der vergangenen Dekade war das Edelmetall noch eine „Wette“ auf die Entwicklung des Realzinses. Im aktuellen Umfeld sprechen zwei deutlich stärkere Argumente für Gold: Es dient als echte Portfoliodiversifikation und als klare Positionierung angesichts des wachsenden Vertrauensverlusts in Staaten und Währungshüter.

Gold erzählte lange eine Geschichte über Realrenditen. Heute erzählt es eine Geschichte über Vertrauen. Genau deshalb gehört es weiterhin ins Portfolio: als effektiver Diversifikationsbaustein im Alltag und als Feuerversicherung für den Ernstfall.

Über den Autor

Nicolas Glasek
Andreas Fritz (r.) und Nicolas Glasek von Hansen & Heinrich

ist Portfoliomanager für Anleihen beim unabhängigen Vermögensverwalter Hansen & Heinrich in Berlin.