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Edelmetall-Experte Ronald-Peter Stöferle
Die USA entdecken ihren Goldschatz wieder – was das bedeuten könnte
Ronald P. Stöferle ist Partner bei Incrementum und dort für Research und Portfolio-Management zuständig. Bildquelle: Incrementum / Canva
Die USA entdecken Gold als wirtschaftspolitisches Element für sich wieder. Ronald Stöferle erläutert, welche Folgen dies für Reserven, Staatsanleihen und Stablecoins haben könnte.
Eine der vielen Ideen, die im Zuge der Amtsübernahme von Donald Trump im Januar die Runde Diskussionen auslöste, ist ein möglicher Mar-a-Lago-Akkord, in Anlehnung an die beiden großen Währungsabkommen in den 1980er-Jahren, dem Plaza-Akkord (1985) und dem Louvre-Akkord (1987).
Wie in den 1980er-Jahren soll eine derartige Vereinbarung zwischen den führenden Wirtschaftsmächten globale makroökonomische Zahlungsbilanzungleichgewichte beheben und den US-Dollar abwerten. Im Unterschied zu den 1980er-Jahren soll der Mar-a-Lago-Akkord jedoch nicht als multi-laterale Vereinbarung ausgestaltet werden, sondern in Form zahlreicher bi-lateraler Abkommen umgesetzt werden.
Die zahlreichen Handelsabkommen mit dem Ziel einer Verringerung des US-Handelsbilanzdefizits mit dem Rest der Welt sind ein Baustein der von den USA unter Trump angestrebten globalen Neuordnung. Sofern diese Handelsabkommen tatsächlich den gewünschten Erfolg erzielen, wären die globalen Auswirkungen auf die Handelsströme nicht weniger markant wie auf die Finanzmärkte.
Geringere US-Leistungsbilanzdefizite würden nicht nur die weltweite Verfügbarkeit von US-Dollar mindern, sondern auch die Kapitalzuflüsse in die USA und dementsprechend die US-Aktien- und Anleihemärkte unter Druck setzen. Der Vordenker der Neuaufsetzung der US-Handelspolitik und der globalen Währungsordnung, Stephen Miran, fungiert seit März als Vorsitzender des Councils of Economic Advisers (CEA) im Weißen Haus. Im August wurde er von Trump als Mitglied des Board of Governors der Federal Reserve nominiert. Die für die Bestellung notwendige Bestätigung des Senats erfolgte Mitte September.
Die USA entdecken ihren Goldschatz
Im Zuge der Diskussionen um die von Trump und seiner Administration gewünschten innen- wie außenpolitischen, wirtschafts- wie handelspolitischen Neuordnung kam eine weitere Idee auf, dass die USA ihren beträchtlichen Goldschatz heben könnten.
Aktuell sind die im Eigentum des US-Finanzministerium befindlichen Goldreserven in der Bilanz der Federal Reserve zum Wert von lediglich 42,22 USD pro Feinunze ausgewiesen. Dies war der Wert einer Unze Feingold im Jahr 1973 nach der letzten offiziellen Abwertung des US-Dollar gegenüber Gold. Als weitere Besonderheit ist hervorzuheben, dass in den USA das Finanzministerium Eigentümer des Goldes ist und nicht wie sonst üblich die Zentralbank.
Mit einer Aufwertung auf den aktuellen Goldpreis von rund 3.300 US-Dollar könnten die USA knapp 900 Milliarden US-Dollar einmalig heben wie etwa die Schweiz im Jahr 2000. Damals realisierte die Schweizerische Nationalbank (SNB) einen Aufwertungsgewinn in Höhe von 28 Milliarden Schweizer Franken im Zuge einer Neubewertung ihrer Goldbestände, der an die Kantone ausgeschüttet und für zum Teil erhebliche Steuersenkungen genutzt wurde. Finanzminister Scott Bessent nahm diesen Gerüchten allerdings bereits deutlich Wind aus den Segeln.
Unbeschadet der Ablehnung wird die Rolle von Gold als seriöses und wertvolles Asset immer bedeutender. Gold verlässt Schritt für Schritt die bisherige Außenseiterrolle, gerade auch weil langgediente sichere Anker wie Staatsanleihen im Besonderen, die US-Treasuries und die deutschen Bundesanleihen im Besonderen zunehmend unter Druck geraten, und das großteils selbstverschuldet.
Judy Sheltons Vorschlag von goldgedeckten Staatsanleihen
Eine weitere Verwendungsmöglichkeit für den US-Goldschatz stammt von Judy Shelton. Schon vor vielen Jahren präsentierte Shelton, die als ein möglicher Nachfolger von Jerome Powell gilt, dessen Amtszeit 2026 endet, ihren Plan einer goldgedeckten Staatsanleihe. Der Plan ist einfach und umfasst zwei Hauptkomponenten: die Goldkonvertierbarkeit und die weiter oben erwähnte Neubewertung der derzeitigen Goldreserven der USA.
Ausgewählte Emissionen des US-Finanzministerium mit zum Beispiel 50-jähriger Laufzeit würden eine Option für den Anleihegläubiger enthalten, die Anleihe zu einer vorher festgelegten Goldmenge pro 1.000 US-Dollar-Nennwert in Gold einzulösen.
Egal ob dieser Plan umgesetzt wird oder nicht. Er ist ein weiterer Beleg dafür, dass Gold als seriöser Vermögenswert zur Lösung schwerwiegender ökonomischer Probleme angesehen wird.
Stablecoins: Eine Gegenkraft zur De-Dollarization?
Goldgedeckte Staatsanleihen würden die Attraktivität des US-Dollars wieder stärken. Seit vielen Jahrzehnten befindet sich der Anteil des US-Dollar an den weltweiten Währungsreserven – von einem sehr hohen Niveau ausgehend – in einem säkularen Abwärtstrend und hat zu Beginn der 2020er-Jahre die 60-Prozent-Marke nach unten durchbrochen. Dennoch liegt der US-Dollar unangefochten an der Spitze der wichtigsten Zentralbankreserven, wobei Gold vor Kurzem den Euro als zweitwichtigsten Vermögenswert ablöste.
Während die Brics-Länder die De-Dollarization vorantreiben und Alternativen zum US-Dollar forcieren, haben sich Stablecoins als Gegengewicht etabliert – insbesondere im globalen Süden. Als digitale Technologielösung bieten sie eine Einstiegsmöglichkeit in US-Dollar-basierte Liquidität, welche die Nachfrage nach der Weltreservewährung in den Schwellenländern verstärkt.
Mit einer Marktkapitalisierung von rund 230 Milliarden US-Dollar und der Abwicklung von Transaktionen im Wert von über 10 Billiarden US-Dollar jährlich, in Form von grenzüberschreitenden Überweisungen, Devisenhandel sowie On-/Off-Ramping in andere Kryptowährungen und Zahlungen, sind Stablecoins bereits jetzt eine wichtige dollarisierende Kraft.
Die Trump-Administration hat diese Chance erkannt, wie Finanzminister Bessent auf dem White House Digital Asset Summit 2025 ausdrücklich erklärte: „As President Trump has directed, we are going to keep the US the dominant reserve currency in the world, and we will use stablecoins to do that.“
Was Stablecoins im Hinblick auf die De-Dollarization so bemerkenswert macht, ist die Zusammensetzung ihrer Reserven. Tether ist mit circa 100 Milliarden US-Dollar der größte Stablecoin-Emittent und war 2024 der siebtgrößte Käufer von US-Staatsanleihen. Tethers Reserven bestehen zu etwa 82 Prozent aus Bargeld und Bargeldäquivalenten, 3,7 Prozent aus Edelmetallen, 5,5 Prozent aus Bitcoin und der Rest aus anderen Anlagen.
Auch mit Gold unterlegte Stablecoins sind auf dem Vormarsch. Tether hat 2024 USD₮ lanciert, einen Stablecoin, der mit einem anderen Tether-Token, genannt XAUt, unterlegt ist. Bei diesem handelt es sich um einen Token, der direkt mit physischen Goldbarren hinterlegt ist und gegen diese eingelöst werden kann.
Obwohl der Marktanteil für goldgedeckte Stablecoins im Vergleich zu USD-gebundenen Stablecoins wie USDT bescheiden bleibt, gilt, wie der ehemalige Vaneck-Manager Gabor Gurbacs anmerkt: „Tether Gold is what the dollar used to be before 1971.“
Fazit
Mit dem Amtsantritt von Donald Trump hat die Ungewissheit in der internationalen Politik und auf den globalen Finanzmärkten deutlich zugenommen. Wie lange diese Phase, insbesondere beim neu hinzugetretenen Faktor der durchaus erratisch wirkenden US-Zollpolitik, andauern wird, wird sich weisen.
Gewiss ist, dass Gold von der höheren Unsicherheit profitiert. Gewiss ist ebenso, dass die Rolle von Gold als neutraler Vermögenswert ohne Gegenparteirisiko gestärkt wurde. Neu ist, dass das Edelmetall zunehmend als wirtschaftspolitisches Instrument wiederentdeckt wird. Daher sollte Gold auch für Anleger weiter an Attraktivität gewinnen.
