Die Bilder ähneln sich verblüffend. Im Januar 1980 bildeten sich Schlangen vor Goldgeschäften in Manhattan, London, Zürich. Menschen brachten Schmuck, Uhren, Münzen – alles, was Gold enthielt, um es zu verkaufen. Der Preis hatte gerade ein Intraday-Hoch von 850 US-Dollar pro Unze erreicht, ein schwindelerregendes Niveau. Die meisten wollten ihre Gewinne realisieren, bevor es zu spät war. Und tatsächlich zeigte sich wenig später: Sie hatten recht. Der Goldpreis fiel in den Bereich von 300 bis 400 Dollar und blieb über Jahre hinweg auf niedrigem Niveau.

Fast ein halbes Jahrhundert später, am Morgen des 26. Januar 2026, ereignet sich etwas Ähnliches – und doch fundamental Anderes. Gold-Futures an der Comex durchbrechen erstmals die Marke von 5.000 Dollar pro Unze. Wieder berichten Händler von starkem Andrang. Wieder sprechen die Medien vom „Tod des Dollars“. Doch diesmal fehlt die entscheidende Zutat, die 1980 die Rallye beendete: die Möglichkeit einer glaubwürdigen geldpolitischen Antwort.

Das Geld fließt in Gold 

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Seit Jahresbeginn sind mehr als zwei Milliarden Euro in europäische Gold-ETFs geflossen, wie Daten des Researchhauses Morningstar zeigen. Kenneth Lamont, leitender Analyst bei Morningstar, beobachtet dabei eine bemerkenswerte Verschiebung in der Investorenpsychologie: „Während die Preisdynamik eindeutig kurzfristige Spekulanten anzieht, reflektiert die Rallye auch ein tieferes Gefühl des Unbehagens unter Investoren.“ Gold habe seine Rolle als „Armageddon-Asset“ zurückerlangt – als ultimative Versicherung gegen den Zusammenbruch des bestehenden Systems.

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Um zu verstehen, warum die aktuelle Goldpreis-Explosion mehr ist als nur eine weitere spekulative Übertreibung, lohnt der Blick zurück. Die Geschichte des Goldes in den vergangenen fünf Jahrzehnten liest sich wie eine Chronik des Vertrauens – oder genauer: des Misstrauens – in Papierwährungen. Und sie zeigt ein Muster, das sich mit bemerkenswerter Präzision wiederholt, bis es das nicht mehr tut.

Der erste Superzyklus: Als Nixon das Goldfenster schloss

Die moderne Ära des Goldes als Investment-Asset beginnt nicht mit einem Kauf, sondern mit einer Verweigerung. Am 15. August 1971 verkündet US-Präsident Richard Nixon, dass die Vereinigten Staaten nicht länger bereit seien, Dollar gegen Gold zu tauschen. Was als temporäre Maßnahme gedacht war, markiert das Ende des Bretton-Woods-Systems und befreit den Goldpreis aus seiner jahrzehntelangen Fixierung bei 35 Dollar pro Unze.

Was folgt, ist keine geordnete Preisfindung, sondern monetäres Chaos. Der Dollar, einst Anker der Weltwirtschaft, verliert rapide an Kaufkraft. Das Ölembargo von 1973 befeuert eine Kosten-Push-Inflation, auf die die Federal Reserve keine überzeugende Antwort findet. Gold explodiert. Innerhalb weniger Jahre steigt der Preis auf rund 195 Dollar pro Unze.

7. August 1971 – Die amerikanische Dollarkrise: Im Gesicht des amerikanischen Finanzministers John B. Conally (Foto) lässt sich die aktuelle Situation des US-Dollars ablesen. Präsident Nixon hielt eine Fernseh- und Radioansprache, die dazu beitragen sollt
7. August 1971 – Die amerikanische Dollarkrise: Im Gesicht des amerikanischen Finanzministers John B. Conally (Foto) lässt sich die aktuelle Situation des US-Dollars ablesen. Präsident Nixon hielt eine Fernseh- und Radioansprache, die dazu beitragen sollte, die Wirtschaft und Währung der USA zu stärken. Dazu gehören die Konvertibilität des Dollars in Gold, ein dreimonatiger Stopp der Gehalts-, Prämien- und Mietzahlungen, eine Sondersteuer von 10 Prozent auf ausländische Importe sowie weitere Steueränderungen für die Wirtschaft. | Bildquelle: Imago Images / United Archives Keystone

Ende 1974 erreicht die spekulative Euphorie ihren ersten Höhepunkt. Der Grund: Am 31. Dezember endet das jahrzehntelange Verbot für US-Bürger, monetäres Gold zu besitzen. Der Markt rechnet mit einer Flut amerikanischen Kapitals. Doch als der Stichtag kommt, bleibt die erwartete Nachfrage aus. Der Goldpreis kollabiert um fast 50 Prozent und fällt bis August 1976 in den Bereich von knapp über 100 Dollar.

Es ist eine Lektion, die bis heute gilt: Selbst in strukturellen Bullenmärkten gibt es brutale Korrekturen. Ein Anleger, der Ende 1974 einstieg, verlor binnen weniger Jahre fast die Hälfte seines Kapitals – obwohl die Inflation weiter hoch blieb und sich an den fundamentalen Rahmenbedingungen wenig änderte.

Doch der Ausverkauf erweist sich als Bärenfalle. Ab 1976 beginnt die explosive zweite Phase. Diesmal geht es nicht mehr nur um Inflation. Es geht um Vertrauen – oder dessen völligen Verlust. Die iranische Revolution lässt 1979 die Ölpreise erneut explodieren. Die Sowjetunion marschiert in Afghanistan ein. Und die Federal Reserve unter Arthur Burns wirkt hilflos, unfähig oder unwillig, die Geldpolitik konsequent zu straffen.

Von rund 100 Dollar im Jahr 1976 schießt Gold auf ein Hoch von 850 Dollar im Januar 1980. Die Manie ist greifbar. Medien sprechen vom Ende des US-Dollars. Anlageberater empfehlen, große Teile des Vermögens in Edelmetallen zu halten.

Dann kommt Paul Volcker.

Der neue Fed-Vorsitzende versteht, was seine Vorgänger nicht begriffen haben: Inflation lässt sich nicht mit kosmetischen Zinsschritten besiegen. Volcker treibt die Federal Funds Rate zeitweise in die Nähe von 20 Prozent. Die Wirtschaft rutscht in eine tiefe Rezession. Doch die Inflationspsychologie bricht. Die Realzinsen werden deutlich positiv. Sichere Staatsanleihen werfen zeitweise Renditen von 15 Prozent und mehr ab.

Die Opportunitätskosten von zinslosem Gold explodieren. Der Preis fällt deutlich und verharrt in den folgenden Jahrzehnten auf niedrigem Niveau. Der erste Superzyklus endet nicht durch Markterschöpfung, sondern durch monetäre Exekution.

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Der zweite Superzyklus: ETFs und die Liquiditätsflut

Nach dem Platzen der Dotcom-Blase und den Anschlägen vom 11. September 2001 beginnt ein neuer Goldzyklus – mit anderer DNA. Ging es in den 1970ern um den Preis des Geldes, dreht sich dieser Zyklus um dessen Menge und um das Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems.

Gold bildet um die Jahrtausendwende einen Boden bei rund 250 Dollar. Die initiale Rallye wird durch aggressive Zinssenkungen der Federal Reserve unter Alan Greenspan getragen. Doch entscheidend ist eine strukturelle Innovation: Im November 2004 wird mit dem SPDR Gold Shares der erste große Gold-ETF in den USA aufgelegt. Gold wird finanziell zugänglich, skalierbar, institutionalisierbar.

Als 2008 die Finanzkrise eskaliert, hat Gold erstmals die Marke von 1.000 Dollar erreicht. Doch im Höhepunkt der Panik verkaufen Investoren Gold – nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. In einer Liquiditätskrise wird verkauft, was liquid ist.

Übertragungswagen vor dem Hauptsitz der Investmentbank Lehman Brothers nach der Finanzkrise in New York
Übertragungswagen vor dem Hauptsitz der Investmentbank Lehman Brothers nach der Finanzkrise in New York | Bildquelle: Imago Images / UPI Photo

Die wahre Beschleunigung beginnt erst mit dem Quantitative Easing. Die massive Ausweitung der Zentralbankbilanzen erzeugt das Narrativ einer bevorstehenden Entwertung des Papiergeldes. Gold wird zur Versicherung gegen systemische Risiken.

Im September 2011 erreicht der Goldpreis mit rund 1.920 Dollar ein nominales Allzeithoch. Die Herabstufung der USA durch Standard & Poor’s und die Eskalation der Eurokrise verstärken die Bewegung.

Doch auch dieser Zyklus endet abrupt. Im April 2013 kommt es zu einem massiven Abverkauf an den Terminmärkten. Innerhalb von zwei Tagen verliert Gold mehr als 15 Prozent. Gerüchte über außergewöhnlich große Verkaufsorders machen die Runde. Der fundamentale Wendepunkt ist jedoch ein anderer: Fed-Chef Ben Bernanke signalisiert ein mögliches Ende der Anleihekäufe. Die Realzinsen steigen, das Gold-Narrativ zerfällt.

Bis Ende 2015 fällt der Goldpreis auf rund 1.050 Dollar. Der zweite Superzyklus ist beendet.

Der dritte Superzyklus: Wenn Sicherheit politisch wird

Der dritte Zyklus beginnt leise. Ende 2018 versucht die Fed, die Geldpolitik zu normalisieren – und scheitert am Aktienmarkt. Anfang 2019 folgt der berühmte „Pivot“. Gold beginnt zu steigen.

Die Corona-Pandemie wirkt als Brandbeschleuniger. Noch nie wurden fiskalische Defizite in diesem Ausmaß monetarisiert. Im August 2020 erreicht Gold ein neues Hoch bei über 2.000 Dollar. Als 2022 die Zinsen steigen, sagen einige Modelle einen Goldcrash voraus.

Er bleibt aus.

Historisch reagierte Gold in vielen Phasen klar negativ auf steigende Realzinsen. Doch dieses Mal entkoppelt sich der Markt. Der Grund liegt nicht in der Geldpolitik, sondern in der Geopolitik.

Ende Februar 2022 friert der Westen 300 Milliarden Dollar an russischen Zentralbankreserven ein – als Reaktion auf die Invasion der Ukraine. Dieser Akt, juristisch fragwürdig und geostrategisch verständlich, sendet ein Signal an jede bündnisfreie Zentralbank von China über Indien bis Saudi-Arabien: US-Staatsanleihen sind kein risikofreier Wertspeicher mehr.

Die Reaktion ist tiefgreifend. Zentralbanken diversifizieren massiv aus Dollar-Assets heraus. Die Nachfrage des „offiziellen Sektors“ ersetzt westliche Investoren als primären Preistreiber. Die People's Bank of China kauft Monat für Monat Gold, offiziell – und noch mehr inoffiziell über Staatsfonds, um das wahre Ausmaß der Akkumulation zu verschleiern. Die Polnische Nationalbank startet einen aggressiven Kaufrausch mit dem Ziel, den Goldanteil ihrer Reserven weit über 20 Prozent hinaus zu heben.

Gold entkoppelt sich von den Realzinsen, weil US-Staatsanleihen nicht mehr der risikofreie Konkurrent sind. Wenn das „risikofreie“ Asset risikobehaftet wird, bricht das Opportunitätskostenmodell zusammen. Gold wird erneut zum geopolitisch neutralen Wertspeicher.

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Die Beschleunigung auf 5.000 Dollar

Im Jahr 2025 tritt der Markt in eine neue Phase: Fiskaldominanz. Der Begriff beschreibt eine Situation, in der die Schuldenlast so groß wird, dass die Geldpolitik den fiskalischen Bedürfnissen dienen muss. Die Zinsausgaben explodieren. Und der Markt beginnt zu begreifen: Die Federal Reserve kann hohe Realzinsen nicht unbegrenzt aufrechterhalten, ohne das Finanzministerium in den Bankrott zu treiben. 

„Higher for longer“ – das Mantra der Fed – ist mathematisch kaum durchzuhalten. Ein dauerhaft höherer durchschnittlicher Refinanzierungssatz würde – über die Zeit – Zinsausgaben in der Größenordnung hunderter Milliarden Dollar bedeuten.

Goldmarkt in Neyshabur: Zwei Frauen betrachten Goldschmuck in einem Schaufenster, während Menschen auf einer Straße in Neyshabur, Iran, am 31. Dezember 2025 vorbeigehen. Der iranische Rial ist gegenüber dem US-Dollar auf ein Rekordtief gefallen, was viele
Goldmarkt in Neyshabur: Zwei Frauen betrachten Goldschmuck in einem Schaufenster, während Menschen auf einer Straße in Neyshabur, Iran, am 31. Dezember 2025 vorbeigehen. Der iranische Rial ist gegenüber dem US-Dollar auf ein Rekordtief gefallen, was viele Bürger dazu veranlasst hat, in Gold als sichere Anlage zu investieren, um ihre Ersparnisse vor der hohen Inflation zu schützen. | Bildquelle: Imago Images / Middle East Images

Gold profitiert von dieser Erkenntnis. Ende 2025 beschleunigt sich die Rallye. Westliche Privatanleger, die jahrelang am Rand standen, kehren zurück. Die ETF-Zuflüsse in Europa allein – mehr als zwei Milliarden Euro seit Jahresbeginn 2026 – belegen die Dimension dieser Rotation. Geopolitische Spannungen – von Taiwan bis zum Nahen Osten – halten die Kriegsprämie hoch. Optionen, Marktpositionierung und Engpässe am physischen Markt könnten die Bewegung zusätzlich verstärkt haben.

Am 26. Januar 2026 überschreitet Gold schließlich die Marke von 5.000 Dollar, wenige Monate nachdem die Rekordmarke von 4.000 Dollar fiel.

Merkmal 1970er Zyklus (Inflation) 2000er Zyklus (Liquidität) 2020er Zyklus (Fiskal/Souverän)
Dauer 1971 – 1980 (9 Jahre) 2001 – 2011 (10 Jahre) 2019 – Heute (7+ Jahre)
Startpreis 35 USD ~250 USD ~1.200 USD
Spitzenpreis 850 USD (Jan 1980) 1.920 USD (Sep 2011) >5.000 USD (Jan 2026)
Gesamtgewinn ~2.300 % ~670 % ~315 % (bis dato)
Haupttreiber VPI-Inflation, Ölschocks, Ende des Goldstandards Bankensolvenz, QE, Dollarschwäche Staatsschuldenniveaus, Sanktionen, Zentralbankkäufe
Realzinsen Stark Negativ Negativ bis Null Entkoppelt (stiegen, während Zinsen hoch waren)
Primärkäufer Westliche Privatanleger & Spekulanten Westliche Fonds (ETFs) & Hedgefonds Östliche Zentralbanken (China, Polen, Indien)
Das Ende Volcker-Schock (Hohe Realzinsen) Taper Tantrum (Steigende Realzinsen) Unbekannt 

 

Warum diesmal anders ist

Der Durchbruch der 5.000-Dollar-Marke ist nicht bloß eine Zahl. Es ist ein Urteil des Marktes. Anders als 1980 kommt kein Volcker, um den Dollar zu retten, weil die Schuldenmathematik es nicht mehr erlaubt. Die Federal Reserve steht zwischen Inflationsrisiko und Schuldenkrise.

Entscheidend ist die Käuferstruktur. In den 1970ern waren es westliche Spekulanten. In den 2000ern ETFs und Hedgefonds. Heute sind es vorwiegend östliche Zentralbanken – von Peking über Neu-Delhi bis Warschau. Diese Käufer reagieren nicht auf Quartalszahlen oder Zinsänderungen. Sie akkumulieren strategisch, über Jahre, um ihre Währungsreserven zu diversifizieren.

Die Rally wird vermutlich erst enden, wenn die strukturellen Ungleichgewichte der Staatsschuldenmärkte gelöst sind – durch finanzielle Repression, einen monetären Reset oder einen grundlegenden Umbau des Systems.

Die Bilder von 1980 und 2026 ähneln sich nur oberflächlich. Damals gab es eine Lösung. Heute nicht mehr. Die Käufer von heute wetten nicht auf eine Krise – sie reagieren auf eine, die längst Realität ist.