Eine bemerkenswerte Trendwende zeichnet sich ab: Der renommierte Ökonom Mohamed El-Erian bestätigte jüngst, dass die direkten Goldbestände der Zentralbanken nun erstmals seit 1996 deren US-Staatsanleihenbestände als Prozentsatz der Devisenreserven übersteigen. Diese strukturelle Verschiebung ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer bewussten Diversifizierungsstrategie, die durch die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre beschleunigt wurde.
Konkrete Zahlen unterstreichen die Dimension dieses Wandels: Zentralbanken kauften 2024 zum dritten Mal in Folge über 1.000 Tonnen Gold, mehr als das Doppelte des langjährigen Durchschnitts von 473 Tonnen jährlich. Polen führt das Ranking mit 90 Tonnen an, gefolgt von der Türkei mit 75 Tonnen. Selbst etablierte Goldhalter wie Deutschland verkauften lediglich 1,12 Tonnen für Münzprägungen, während die Gesamtreserven der Zentralbanken mit 36.197 Tonnen einen neuen Höchststand erreichten.
Vertrauen in den US-Dollar schwindet
Der Anteil der Zentralbankkäufe an der weltweiten Goldnachfrage verdeutlicht die Tragweite: von nur zwei Prozent im Jahr 2010 auf 23 Prozent in 2024. Diese Entwicklung reflektiert nicht nur die Suche nach Diversifikation, sondern auch das schwindende Vertrauen in die traditionelle Dominanz des US-Dollars. China reduzierte seine US-Staatsanleihenbestände von 1,1 Billionen Dollar vor dem Ukraine-Krieg auf etwa 775 Milliarden Dollar, während es gleichzeitig massiv Gold akkumuliert.
Besonders aufschlussreich ist dabei die Beobachtung von Bank of America-Analysten: Der Wert des von staatlichen Investoren gehaltenen Goldes beträgt inzwischen 18 Prozent der US-Staatsverschuldung, fünf Prozentpunkte mehr als noch vor zehn Jahren.
Zu diesen Verschiebungen kommt eine wachsende Unsicherheit über die Stabilität der US-Geldpolitik selbst hinzu. Die Unabhängigkeit der US-Notenbank wird zunehmend infrage gestellt. Trump hat angekündigt, eine Ablösung von Fed-Chef Jerome Powell anzustreben, während er zugleich öffentlich Druck für Zinssenkungen macht. Solche Entwicklungen untermauern die Befürchtungen vieler Zentralbanken vor einer Politisierung der US-amerikanischen Geldpolitik und verstärken den Trend zu alternativen Währungsreserven.
Die Zahlen der französischen Schuldenkrise verdeutlichen zusätzlich die Fragilität traditioneller Reservewährungen: Mit einer Schuldenquote von 114 Prozent des BIP und einem Defizit von sechs Prozent zahlt Frankreich inzwischen höhere Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen als Griechenland.
Goldpreis dürfte weiter steigen
Für Anleger ergeben sich daraus klare Implikationen. Goldman Sachs prognostiziert einen Goldpreisanstieg auf 4.000 US-Dollar bis 2026, zum Jahresende 2025 halten die meisten Analysten einen Goldpreis von 3.500 US-Dollar pro Feinunze für realistisch. Wiederum Goldman Sachs schätzt, dass bereits 100 Tonnen zusätzliche physische Nachfrage den Goldpreis um mindestens 2,4 Prozent anheben.
Die fundamentalen Treiber sprechen für eine nachhaltige Unterstützung des Goldpreises. Die US-Staatsschuldenquote liegt bei 121 Prozent des BIP und dürfte unter der aktuellen Regierung weiter steigen. Gleichzeitig planen laut World Gold Council 43 Prozent der befragten Zentralbanken eine weitere Erhöhung ihrer Goldreserven, der höchste Wert seit acht Jahren.
Trotz der Vorteile von Gold sollten Anleger die Besonderheiten dieser Anlageklasse sorgfältig im Blick behalten. Nach Phasen kräftiger Zuflüsse sind zwischenzeitliche Rückschläge nicht ungewöhnlich, und Höchststände führen oft zu kurzfristigen Schwankungen. Hinzu kommen Unterschiede in Liquidität und Kosten zwischen physischem Gold und börsengehandelten Produkten. Auch steuerliche Aspekte sowie ESG-Kriterien spielen gerade für institutionelle Investoren eine zunehmende Rolle.
Entscheidend ist daher, die passende Struktur zu wählen – sei es physisch hinterlegt, als ETF oder ETC – und Aspekte wie Verwahrung, Bonität der Gegenparteien und Währungsrisiken einzubeziehen. Wer Gold als strategischen Baustein nutzen möchte, sollte nicht nur die makroökonomischen Treiber, sondern auch die Qualität der Anlagevehikel und regulatorische Vorgaben berücksichtigen.
Rolle von Gold in Portfolios neu zu bewerten
Die aktuelle Goldpreisentwicklung unterscheidet sich dabei indes fundamental von früheren Phasen. Während das Edelmetall traditionell bei steigenden Zinsen unter Druck geriet, hat es sich von diesem Muster entkoppelt. Die Nachfrage der Zentralbanken bildet eine strukturelle Untergrenze, die unabhängig von kurzfristigen Zinsbewegungen wirkt.
Für konservative Portfolios bedeutet dies eine Neubewertung der Rolle von Gold. Die Empfehlung einer behutsamen Allokation von zehn bis 20 Prozent in Edelmetalle – beispielsweise kombiniert mit hochwertigen Unternehmensanleihen und dividendenstarken Aktien – spiegelt diese neue Realität wider.
Gold ist damit nicht mehr nur Krisenwährung, sondern Baustein einer diversifizierten Währungsreservenstrategie in einer multipolaren Welt. Wer diese Entwicklung frühzeitig erkennt und behutsam in sein Portfolio integriert, positioniert sich für die Realitäten des 21. Jahrhunderts.
Über den Autor:
Mirko Kohlbrecher ist Prokurist und Vermögensbetreuer beim Vermögensverwalter Spiekermann & Co.
