Goldman-Chefvolkswirt: Wird die Eurozone auseinanderbrechen?

Dirk Schumacher, Quelle: Goldman Sachs - all rights reserved.

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Frage: Herr Schumacher, im Jahr 2010 hat die Wirtschaft im Euroraum auf den Wachstumspfad zurückgefunden. Welche Entwicklung erwarten Sie im Jahr 2011?

Dirk Schumacher
: Im Kern gehen wir heute davon aus, dass sich die positive Entwicklung aus 2010 – mit Ausnahme einiger Peripheriestaaten, in denen es weiterhin Probleme geben könnte – fortsetzen wird. Insgesamt rechnen wir für die Eurozone im Jahr 2010 mit einem BIP-Wachstum von rund 2,0 Prozent. Unserer Erwartung nach wird dieses Wachstum vor allem der Tatsache geschuldet sein, dass die Binnennachfrage in vielen Ländern der Eurozone weiter an Fahrt gewinnen wird. Wir gehen davon aus, dass viele Unternehmen dazu übergehen werden, wieder in umfangreicherem Maße Investitionen vorzunehmen, während auf Seiten des öffentlichen Sektors ein spürbarer Rückgang der Ausgabenbereitschaft auszumachen sein wird. Natürlich wird aber auch die Exportwirtschaft weiter einen Gutteil zum Gesamtwachstum der Eurozone beisteuern, und hier insbesondere die Länder, die über ein hohes Exportaufkommen in die wachstumsstarken Schwellenländer verfügen.

Frage: Das klingt insgesamt recht optimistisch. Wo liegen Ihrer Meinung nach die wesentlichen Risiken?

Schumacher
:  Das größte Risiko besteht unserer Ansicht nach weiterhin in der prekären Finanzlage einiger Peripherieländer der Eurozone. Hier könnten sich negative Folgen auch für den Rest Europas ergeben, und dies liegt weniger in den direkten Handelsbeziehungen begründet, sondern vielmehr in den Risiken einer Übertragung der Probleme durch das globale Finanzsystem. Insgesamt schätzen wir aber das Risiko hier als überschaubar ein: der Mehrheitswillen der europäischen Regierungen zielt klar darauf ab, alles dafür zu tun, dass die Probleme einiger Peripheriestaaten nicht auf den Rest der Eurozone überschwappen.

Frage: Wird sich der Schuldenstand von Ländern wie Griechenland, Irland oder Portugal zu einem dauerhaften Problem entwickeln?

Schumacher: Sagen wir es so: Wir werden voraussichtlich auch in den kommenden Monaten nicht vor negativen Überraschungen gefeit sein. Die Probleme in der Peripherie sind aber an sich nicht über einen Kamm zu scheren. Wenn wir uns die aktuellen Entwicklungen ansehen, hat Griechenland nach wie vor den schwersten Weg vor sich. Spanien steht unter diesen Ländern sicherlich noch am besten da, trotz zusätzlicher Belastungen durch den Finanzsektor. Wir glauben, dass nach wie vor ein Risiko von den volatilen Staatsanleihemärkten ausgeht, würden aber im Zweifel auch von einer starken Reaktion der Politik ausgehen, sollte sich die Lage in den kommenden Monaten nicht beruhigen. Trotz der bestehenden Probleme ist die gesamtwirtschaftliche Erholung der Eurozone heute wesentlich nachhaltiger und stabiler als noch vor Jahresfrist, sodass der derzeitige Aufschwung in einigen Ländern nicht gefährdet sein dürfte.

Frage
: Wird die Eurozone in zwölf Monaten Ihrer Meinung nach signifikant besser dastehen als jetzt, oder ist gar ein Auseinanderbrechen der Währungsunion zu befürchten?

Schumacher: Wie bereits gesagt, gehen wir von einer weiteren Erholung aus, auch wenn der Weg für einige Länder durch - Wachstumsimpuls vom Privatkonsum aus sehr steinig bleiben kann. Die Frage hingegen, ob die Eurozone mittelfristig vor einem Zerfall steht, würden wir aber mit einem klaren Nein beantworten: Zwar wird die Peripherie durch einen schmerzhaften Anpassungsprozess gehen, aber langfristig wiegen die Vorteile des Euro dies auf. Ein Austritt aus der Eurozone brächte auch massive Verwerfungen mit sich. So würde etwa das Bankensystem des betroffenen Landes durch einen solchen Schritt massiv geschädigt.

Frage: Wie schätzen Sie die Aussichten für Deutschland ein? Wird die Bundesrepublik weiter der Wachstumsmotor innerhalb der EU bleiben?