Aktualisiert am 15.09.2016 - 10:02 UhrLesedauer: 5 Minuten

Goldman Sachs Asset Management: Historische Zinswende steht bevor

Andrew Wilson
Andrew Wilson


DAS INVESTMENT: Jahrelang sind die Anleiherenditen tendenziell immer nur gesunken. Ist das nun vorbei, haben wir im Sommer 2013 eine historische Zinswende gesehen?


Andrew Wilson: Wir denken ja. Das Jahr 2013 markiert wahrscheinlich den Beginn eines längerfristigen, möglicherweise auch kräftigen Zinsanstiegs, insbesondere in den USA. In den anderen etablierten Industriestaaten könnte sich diese Normalisierung des Renditeniveaus zwar noch verzögern. Den Trend zu wieder steigenden Zinsen halten wir jedoch für dauerhaft, er könnte Jahre anhalten. Zunächst wird die US-Notenbank (Fed) damit beginnen, ihre Anleihekäufe zu reduzieren.

Bisher hat die US-Notenbank ja nur angekündigt, ihre Anleihekäufe einzuschränken. Wann könnte sie ihren Worten Taten folgen lassen?

Nach unserer Ansicht wird die Fed ihr Quantitative Easing-Programm noch in diesem Jahr zurückfahren. Unserem Basisszenario zufolge wird die Fed dieses „Tapering“ nach dem Treffen ihres Offenmarktausschusses am 18. September ankündigen. Dieses Szenario dürfte der Anleihemarkt inzwischen voll eingepreist haben. Wartet die Fed länger, könnte es sogar zu einer Überraschungsrally am Bondmarkt kommen. Wir halten es für wahrscheinlich, dass die Fed zunächst eine Drosselung ihrer Anleihekäufe um 10 bis 20 Mrd. US-Dollar je Monat ankündigt. Wie stark diese aber genau ausfällt, wird dann von den weiteren US-Konjunkturdaten abhängen.

Benötigt die amerikanische Wirtschaft keine unkonventionellen Stützungsmaßnahmen mehr?

Die gestiegenen Zinsen haben die Konjunkturdaten in einigen Wirtschaftssektoren zwar etwas gedämpfter aussehen lassen, beispielsweise am Häusermarkt. Nichtsdestotrotz befindet sich die US-Wirtschaft in guter Verfassung. Besonders robust entwickelt sich der private Sektor: Bei den Endverbrauchern und bei Unternehmen beobachten wir Wachstumsraten von 3 bis 4 Prozent. Berücksichtigt man auch den öffentlichen Sektor, dürften die USA nach unseren Schätzungen 2013 insgesamt ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 2,5 Prozent erreichen.

Warum haben die Kapitalmarktrenditen in den USA außerdem noch so kräftig zugelegt?

Nach unserer Einschätzung gehen von der Ernennung des nächsten Fed-Chefs gewisse Schwankungsrisiken aus. Die Nominierung eines Nachfolgers für den derzeitigen Amtsinhaber Ben Bernanke wird für die kommenden Wochen erwartet. Zuletzt war die Rede davon, dass die US-Regierung Lawrence Summers favorisiere. Dabei handelt es sich um den früheren Direktor des „National Economic Councils“, ein Wirtschaftsgremium, das den Präsidenten berät. Summers Einstellung zur Geldpolitik ist unklar. Seine Grundhaltung wird als weniger expansiv eingestuft als diejenige der derzeitigen Fed-Vizechefin Janet Yellen. Frau Yellen ist eine Verfechterin geldpolitischer Anreize; sie gehört ebenfalls zu den Favoriten für Bernankes Nachfolge.

Wie stark könnten die Kapitalmarktrenditen in den USA und auch in Deutschland denn steigen, sagen wir auf Sicht von zwei bis drei Jahren?

In den USA könnten die 10-Jahres-Renditen zum Jahreswechsel in den Bereich von 3 bis 3,25 Prozent vorstoßen. Diese Einschätzung basiert auf der aktuellen Tendenz der Wirtschaftsdaten. In den kommenden Jahren könnten die Renditen dann 4 Prozent oder mehr erreichen, sollte die Wirtschaft in ein reiferes Stadium der Erholung eintreten. Wir denken, dass der deutsche Rentenmarkt eine Korrelation mit den USA zeigen wird. Allerdings sollten die Renditen in Deutschland in geringerem Tempo anziehen als in den USA. Denn Wachstum und Inflation dürften im Vergleich zu den USA in Deutschland niedriger ausfallen und die europäische Geldpolitik wird im Euroraum wohl länger expansiv bleiben.

Warum hat die Reaktion der Investoren die Rentenmärkte der Schwellenländer besonders heftig getroffen? Immerhin verfügen viele dieser Staaten über gesunde volkswirtschaftliche Kennzahlen.

Hier sind gleich zwei wesentliche Marktantriebskräfte weggefallen: Die geldpolitischen Stimuli insbesondere der Fed und das starke Wachstum in China. Die Zentralbanken hatten die Renditen in den etablierten Rentenmärkten auf historische Tiefstände gebracht. Dies verleitete die Investoren dazu, in höher verzinsliche Segmente zu investieren. Die starken Mittelzuflüsse der vergangenen Jahre kehrten sich zuletzt jedoch ins Gegenteil um. Dennoch bieten die Emerging Markets weiterhin eine Kombination aus attraktiven Renditen, sich verbessernder Kreditwürdigkeit bei robustem Wirtschaftswachstum, niedriger Verschuldung und respektabler Haushaltsdisziplin. Wir sehen diese Faktoren als Bestandteil einer Evolution in den Schwellenländern, was die Bewertungen dort stützen sollte. Kurzfristig betrachten wir dieses Marktsegment allerdings noch mit Vorsicht. Ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis weisen derzeit hingegen Anleihen öffentlicher Schuldner aus den USA auf.

Wie sollen sich Rentenanleger nun verhalten? Sollen sie alles verkaufen und Cash horten?

Das hielten wir für keine gute Lösung. Viele Investoren wollen stetige laufende Erträge erzielen, ohne überdurchschnittliche Aktienrisiken einzugehen. Sie suchen eine Rentenstrategie, mit der sie nicht auf Bonds sitzen bleiben, die kaum einen oder sogar einen negativen Ertrag versprechen. Eine Lösung, die manche Investoren erwägen, besteht in der Zweiteilung des Rentenportfolios. Das erste Portfolio konzentriert sich auf Zinsrisiken und dient als Absicherung gegenüber Aktienanlagen. Das zweite orientiert sich nicht an einer Benchmark, sondern konzentriert sich auf die Generierung attraktiver absoluter Erträge auf Basis von Opportunitäten im weltweiten Anlageuniversum. Dieses Portfolio soll das Ertragspotenzial des Gesamtvermögens steigern und auch zu einer besseren Diversifikation führen.

Wie baut man denn ein solches Portfolio?

Im Umfeld steigender Zinsen halten wir es für entscheidend, sich nach einem festgeschriebenen Investmentprozess zu richten. Man sollte auch den Fehler vermeiden, einzelne Bondmarkt-Segmente isoliert zu analysieren und dann bis auf weiteres an den identifizierten Anlagefavoriten festzuhalten. Es verspricht mehr Erfolg, möglichst viele unterschiedliche Marktsegmente gleichzeitig im Blick zu haben und die sich bietenden Gelegenheiten jeweils flexibel zu nutzen. Der Mehrwert eines flexiblen Portfolios hängt von den Fähigkeiten des Fondsmanagements ab, an das Investmententscheidungen delegiert werden sollten. Flexibel handelnde Portfoliomanager werden die sich permanent ändernden Chancen und Risiken an den Anleihemärkten kontinuierlich bewerten, um sich jeweils zeitnah aus taktischem und strategischem Blickwinkel Erfolg versprechend zu positionieren.

Tipps der Redaktion
Rentenfonds: Chancen, Risiken, Kosten
Jason Singer: „Bond-Anleger müssen flexibel sein“
Goldman Sachs Asset Management legt Rentenfonds für Schwellenmärkte auf
Mehr zum Thema