Andrew Wilson, CEO Fixed Income, Goldman Sachs Asset Management

Andrew Wilson, CEO Fixed Income, Goldman Sachs Asset Management

Goldman Sachs Asset Management

US-Aufschwung lässt Anleiherenditen steigen

DAS INVESTMENT.com: Wie begründen Sie diese Einschätzung?

Andrew Wilson: In den Industriestaaten kommt die Konjunktur auf breiter Front in Fahrt. Großbritannien und die USA dürften besonders stark expandieren. In beiden Staaten sollte das BIP 2014 um mehr als 3 Prozent zulegen. Dies war zu Beginn des Jahres noch nicht sichtbar, weil insbesondere der harte Winter in den USA den Aufschwung dämpfte. Die zukünftige Erholung könnte nun umso kraftvoller ausfallen – mit entsprechenden Auswirkungen auf Arbeitsmarkt, Inflation und Geldpolitik.

Stichwort Geldpolitik – wie wird sich die US-Notenbank verhalten?

Die Fed fährt ihre laufenden Anleihekäufe ja ohnehin planmäßig zurück. Nach Andeutung der Verantwortlichen könnte 2016 die erste Leitzinsanhebung folgen. Wir meinen jedoch, dass ein unerwartet kräftiger Aufschwung am Arbeitsmarkt die Notenbank eventuell schon 2015 zum Handeln zwingt.

Eine US-Leitzinsanhebung sollte dann auch zu steigenden Kapitalmarktrenditen führen…

In der Tat. In Nordamerika dürften die Renditen von Staatspapieren anziehen. Die Anleger werden eine Entschädigung dafür fordern, dass sie bei steigendem Wachstum und möglicherweise höherer Inflation investieren. Künftige Unsicherheiten über die tatsächliche Stärke der Wirtschaft und über Änderungen der US-Geldpolitik dürften die Risikoprämien am Bondmarkt steigen lassen. Wir könnten uns vorstellen, dass die Renditen fünfjähriger US-Staatstitel in den nächsten Quartalen um 75 Basispunkte anziehen werden und anschließend weiter klettern.       

Erwarten Sie, dass die Anleiherenditen auch im Euroraum zügig anziehen?

Nein. Trotz der unbestreitbaren wirtschaftlichen Fortschritte werden Wachstum und Teuerungsraten im Euroraum zunächst auf relativ niedrigem Niveau verharren. Denn die hohe Arbeitslosigkeit konnte bisher kaum abgebaut werden. Löhne und Gehälter sanken teilweise, der private Verbrauch stagnierte und der starke Euro bremste die Exportwirtschaft. Wichtigster Faktor zurzeit: Die renditesuchenden Investoren haben die Bondmärkte der Euro-Peripheriestaaten wiederentdeckt. Deren Refinanzierungskosten konnten sich entscheidend verbessern.

Welche Rentenmarkt-Strategien leitet Goldman Sachs aus diesem Szenario ab?

Einfach nur an den Anleihemärkten investiert zu sein, verspricht keinen Erfolg mehr. Wir präferieren eine flexible Strategie, die auch im Umfeld steigender Kapitalmarktrenditen positive Erträge generiert. Staatsanleihen aus den USA und Großbritannien sehen wir momentan kritisch. Diese Papiere haben lange von der expansiven Geldpolitik profitiert. Das ist jetzt passé. In unserem Global Strategic Income Bond Portfolio haben wir die Duration dieser Titel deutlich in den negativen Bereich gefahren. Wir profitieren also, wenn die Zinsen dieser Anleihen wie erwartet anziehen.         

Wo sehen Sie denn noch Anlagechancen?

Wir bevorzugen Zinspapiere, die vom Konjunkturaufschwung profitieren. Hierzu zählen wir Unternehmensanleihen speziell aus dem High-Yield-Sektor. Auch die Schuldtitel von Finanzinstituten finden wir interessant. In den USA halten wir außerdem Hypothekenanleihen nichtstaatlicher Emittenten für kaufenswert, da wir den US-Häusermarkt im Aufwind sehen. Angesichts des Konjunkturaufschwungs verbessern sich die Bonitäten von Unternehmen auf breiter Front. Das sorgt für niedrige Ausfallraten.

Können Investoren in den genannten Segmenten denn noch mit Kursgewinnen rechnen?

Eher weniger. High-Yield zählt vor allem wegen der höheren Ablaufrenditen zu unseren Favoriten. Kurszuwächse durch ein weiteres Abschmelzen der Risikoaufschläge (Spreads) sind aktuell kaum noch zu erwarten. Gegenüber Investmentgrade-Unternehmensanleihen nehmen wir zurzeit eine neutrale Haltung ein.

Wie positionieren Sie sich in Europa?

In der Eurozone waren wir tendenziell eher long. Nach der Rallye der vergangenen Wochen lassen wir nun aber verstärkt Vorsicht walten. So haben wir Rentenpapiere der Peripheriestaaten zuletzt reduziert. Im Euroraum sollten die Zinsen wie geschildert zwar längst nicht so schnell anziehen wie beispielsweise in Nordamerika. Die Renditen befinden sich aber auch hier nahe historischer Tiefstände, die zukünftig wohl nicht mehr unterschritten werden.

Welche weiteren Renditequellen nutzen Sie?

Wegen des stärkeren Wachstums in den USA sollten die Renditen bei Treasury-Bonds stärker zulegen als bei deutschen Bundesanleihen. Von dieser Erwartung lässt sich mit einer Relative-Value-Strategie profitieren. Bei Schwellenländer-Bonds differenzieren wir stark. Hier meiden wir Rentenmärkte, die unter einem schwächeren BIP-Wachstum in China leiden könnten. Dagegen favorisieren wir zum Beispiel Mexiko, das von der stärkeren Konjunktur in den USA mitgezogen wird.

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