57.000. Diese Zahl hat gereicht, um an den Finanzmärkten binnen Stunden die Zinserwartungen neu zu sortieren. Der US-Arbeitsmarkt schuf im Juni nur 57.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft, so steht es im aktuellen Arbeitsmarktbericht vom 2. Juli. Ökonomen hatten mit rund 110.000 gerechnet. Die Vormonate wurden zudem kräftig nach unten korrigiert: Mai von 172.000 auf 129.000, April von 179.000 auf 148.000 Stellen.

Die Arbeitslosenquote sank trotzdem leicht auf 4,2 Prozent, nach 4,3 Prozent im Mai. Der Grund dafür ist keine gute Nachricht: Weniger Menschen suchten aktiv einen Job, die Erwerbsbeteiligung ging zurück.

Dollar schwächer, Gold stärker

An den US-Finanzmärkten war die Reaktion eindeutig. Der Dollar-Index gab merklich nach, die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen blieb bei 4,47 Prozent allerdings nahezu unverändert.

Der Goldpreis dagegen sprang binnen Stunden von 4.065 auf 4.122 Dollar je Feinunze. Ein Plus von 2,3 Prozent an einem einzigen Handelstag. Bis zum Schluss der vergangenen Handelswoche kletterte die Notierung weiter auf 4.174 Dollar. Nach vier Verlustwochen in Folge verzeichnete Gold damit wieder einen Wochengewinn.

Für deutsche Anleger zählt am Ende die Umrechnung in Euro. Bei einem EUR/USD-Kurs von rund 1,14 entspricht der aktuelle Goldpreis etwa 3.660 Euro je Feinunze. Wer ungesichert in Dollar-Gold investiert ist, spürt die Dollarschwäche unmittelbar: Der Kursgewinn in Dollar wird für Euro-Anleger teilweise wieder aufgezehrt, wenn der Dollar gegenüber dem Euro nachgibt.

Der erste Stresstest für Warshs neue Linie

Ob der Fed-Chef seinem restriktiven Kurs standhält, zeigt sich nicht in Pressekonferenzen, sondern im nächsten Marktstress - das schrieb DAS INVESTMENT nach Warshs erster Sitzung Mitte Juni. Genau dieser Moment ist jetzt da. Die Bewegung an den Märkten läuft dabei in weiten Teilen in die Gegenrichtung von damals.

Nach der Fed-Sitzung im Juni waren die Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen von 4,06 auf 4,22 Prozent gestiegen, die zehnjährigen von 4,43 auf 4,50 Prozent, der Euro war unter 1,15 Dollar gefallen. Der Markt preiste zu diesem Zeitpunkt eine Zinserhöhung bis Oktober vollständig ein.

Der schwache Arbeitsmarktbericht hat diese Rechnung nun infrage gestellt: Der Dollar gibt nach, die Wahrscheinlichkeit einer Oktober-Erhöhung sinkt spürbar, Gold ist der klarste Nutznießer der Bewegung. Anders gesagt: Warshs auf Preisstabilität ausgerichtete Linie hat noch nicht einmal drei Wochen ungetestet durchgehalten.

Zwei Ökonomen, zwei Einschätzungen

Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner bringt es, wie der Finanznachrichtendienst Dow Jones Newswires berichtet, auf den Punkt: Der Druck für eine Zinserhöhung auf der Fed-Sitzung Ende Juli lasse weiter nach, für dieses Jahr rechne er weiterhin mit unveränderten Leitzinsen.

Nicht alle Marktbeobachter ziehen daraus denselben Schluss. Santander-Ökonom Stephen Stanley hält, ebenfalls laut Dow Jones Newswires, die Reaktion der Finanzmärkte für überzogen: Ein einzelner Bericht ändere die Einschätzung der Fed-Entscheider nur geringfügig, die meisten betrachteten den Arbeitsmarkt weiterhin als stabil.

Die Ausgangslage ist dabei keine rein amerikanische Geschichte. Auch die EZB hat im Juni auf die stark gestiegene Inflation reagiert und den Leitzins erstmals seit fast drei Jahren angehoben, um dem Kaufkraftverlust entgegenzuwirken. Die Fed diskutiert eine Erhöhung bislang nur, hat sich aber noch nicht dazu durchgerungen.

Trotz Erholung weit vom Rekordhoch entfernt

Solange diese Frage offen bleibt, bleibt auch der Goldpreis in Bewegung. Bei aller Aufmerksamkeit für den Wochengewinn darf dabei eine Zahl nicht untergehen: Selbst nach dem Sprung über 4.100 Dollar notiert Gold rund 25 Prozent unter dem Allzeithoch von knapp 5.600 Dollar, das Ende Januar erreicht wurde. Der Kursverlauf der vergangenen Monate war geprägt von einer deutlichen Korrektur unter die 200-Tage-Linie. Der aktuelle Anstieg ist damit zunächst eine Stabilisierung nach einem heftigen Rücksetzer, keine neue Rally.

Wie es weitergeht, hängt maßgeblich davon ab, ob die Fed ihre restriktive Haltung angesichts der schwächeren Konjunkturdaten tatsächlich aufweicht. Ronald Stöferle, Fondsmanager bei Incrementum, hatte den Rücksetzer bereits Anfang Juli im Interview mit DAS INVESTMENT eingeordnet: Der Westen habe verkauft, Asien gekauft, ein Muster, das für ihn eher auf einen Boden als auf ein Top hindeutet. Frühere Kursziele seines Teams seien bereits Jahre früher als erwartet erreicht worden, so Stöferle, weshalb ein zuvor nur als Inflationsszenario eingestuftes Ziel von 8.900 Dollar bis 2030 zunehmend zur Basisprognose werde.

Auf der anderen Seite mahnen Analysten von Commerzbank und J.P. Morgan zur Vorsicht. Die Rally könnte schnell an Kraft verlieren, sollten sich die Wirtschaftsdaten wieder verbessern oder die Fed entgegen der aktuellen Markterwartung doch früher an der Zinsschraube drehen. J.P. Morgan siedelt sein Kursziel für das vierte Quartal bei rund 4.500 Dollar an, Goldman Sachs bei 4.900 Dollar – beide Institute haben ihre Prognosen zuletzt aber bereits nach unten angepasst, nachdem klar wurde, dass die Fed 2026 wohl nicht senken wird.

Warum Gold so empfindlich auf Warsh reagiert

Dass Gold so empfindlich auf die Personalie Warsh reagiert, ist kein neues Phänomen. Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan AM, beobachtete bereits im Mai, noch vor der offiziellen Ernennung, eine erste Schwächephase im Goldpreis, ausgelöst durch die Erleichterung der Märkte, dass die Fed unter dem neuen Vorsitzenden möglicherweise nicht mehr auf einen aggressiven Zinssenkungskurs einschwenkt. Für das laufende Jahr rechnet Galler nur mit moderatem Aufwärtspotenzial bei Gold.

Sein Argument: Hohe Preise dämpfen die eigene Nachfrage. Zentralbanken kauften bei steigenden Notierungen tendenziell zurückhaltender ein, die Schmuckindustrie reduziere den Goldgehalt ihrer Produkte. Das schließt kurzfristige Gegenbewegungen wie den jüngsten Sprung über 4.100 Dollar nicht aus, im Gegenteil: Der World Gold Council registrierte für Mai einen erneuten Anstieg der offiziellen Goldreserven um 41 Tonnen, den dritten monatlichen Zuwachs in Folge. Am längerfristigen Bild ändert das für Galler aber wenig. Strukturell bleibt Gold für ihn eine Absicherung gegen Geldentwertung und geopolitische Risiken, an die Erwartungen für weitere Kursziele rät er Beratern aber, moderater heranzugehen.

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Auch Silber profitierte im Übrigen von der Entwicklung und beendete eine siebenwöchige Verlustserie – mit einer stärkeren Erholung als Gold selbst.

Die nächsten Termine

Zwei Termine dürften die Richtung in den kommenden Wochen vorgeben: der US-Inflationsbericht am 14. Juli und die FOMC-Sitzung am 28. und 29. Juli, bei der allerdings keine neuen Wirtschaftsprojektionen veröffentlicht werden. Die nächste Sitzung mit aktualisiertem Dot Plot folgt erst am 15. und 16. September. Bis dahin dürfte jede weitere US-Konjunkturzahl den Goldpreis bewegen – in welche Richtung, darüber sind sich die Marktteilnehmer derzeit uneins.