Portfoliomanager von Van Eck „Was 2022 noch gegen Gold sprach, hat sich zum Positiven gewendet“
Einiges, was im Jahr 2022 gegen Gold sprach, hat sich mit dem Jahreswechsel zum Positiven gewendet. Die Inflation erreichte etwa Mitte des Jahres ihren Höhepunkt und scheint nun zu sinken. Viele Einzelhändler und Hersteller hatten aufgeblähte Lagerbestände, und Häfen, Eisenbahnen und Paketlieferwagen haben freie Kapazitäten. Dies veranlasste die Fed, ihre Zinserhöhungen im Dezember zu reduzieren, wobei weitere Reduzierungen oder Pausen im Jahr 2023 wahrscheinlich sind. Der Bullenmarkt des Dollars könnte zu Ende gehen, da die Zinssätze für US-Staatsanleihen gegenüber den Höchstständen vom Oktober gesunken sind. Der DXY ist von seinem 20-Jahres-Hoch im September um 9,8 Prozent gefallen, und wir rechnen mit einer weiteren Abschwächung des US-Dollars, falls sich eine Rezession entwickelt.
Das spricht für eine wirtschaftliche Schwächephase im Jahr 2023:
- Rekord-Inversion der Renditekurve
- Eine weitverbreitete Meinung ist, dass sich die Politik der Fed mit einer Verzögerung in der Wirtschaft bemerkbar macht. Im Jahr 2023 wird die Wirtschaft die Kraft eines der aggressivsten Zinserhöhungszyklen der Geschichte zu spüren bekommen
- Ein taumelnder Immobilienmarkt aufgrund hoher Hypothekenzinsen und unerschwinglicher Preise. Nach Angaben der Redfin Corporation fielen die Verkäufe von Luxusimmobilien in den drei Monaten, die im November endeten, um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dies war der stärkste Rückgang seit 2012
- Verbraucher werden voraussichtlich im Jahr 2023 den letzten Teil ihrer Ersparnisse aus der Pandemiezeit ausgeben
Geopolitische Spannungen und Deglobalisierung veranlassen viele nicht westliche Zentralbanken, sich vom Dollar abzuwenden. In puncto Netto-Goldkäufe durch die Zentralbanken war 2022 eines der stärksten Jahre in der Geschichte. Aufgrund der westlichen Sanktionen wurde mehr als die Hälfte der russischen Devisenreserven in Höhe von 500 Milliarden Dollar eingefroren. Seitdem wächst die Zurückhaltung, bei Devisenreserven und Handel auf den Dollar zu setzen. Viele Länder sehen keine Garantien dafür, dass die USA den Dollar nicht als Vergeltung für ein zukünftiges Vergehen einsetzen, das weniger ungeheuerlich ist als die Bombardierung eines Nachbarn. Wenn sich diese neue Weltordnung entwickelt, könnte die Nachfrage nach US-Staatsanleihen, die es den USA ermöglichen, ihren defizitären Lebensstil aufrechtzuerhalten, zurückgehen.
Das Finanzsystem war über ein Jahrzehnt lang geprägt von einer extrem lockeren und beispiellosen Geldpolitik mit äußerst niedrigen Zinssätzen und einer massiven quantitative Lockerung. Mit ihrer ersten Zinserhöhung im März hat die Fed gerade erst den Versuch unternommen, ihre Politik zu normalisieren. Die Inflation liegt nach wie vor weit über ihrem 2-Prozent-Ziel. Ihre Bilanz an Staatsanleihen und hypothekarisch gesicherten Wertpapieren beläuft sich zudem auf über 8 Billionen Dollar. Die Verschärfung der finanziellen Bedingungen in nur neun Monaten hat zu einem Zusammenbruch des Immobilienmarktes, einem Absturz von Kryptowährungen, einem Derivatdebakel für britische Pensionsfonds und dem Zusammenbruch einer großen Kryptowährungsbörse geführt. Welche Risiken sind in den nächsten neun Monaten zu erwarten, wenn eine sich abschwächende Konjunktur hinzukommt?
Ist Gold eine gute Wahl?
Höhere Zinssätze schaffen außerordentliche systemische Risiken, während sich die monetären Bedingungen weiter normalisieren. Das monatliche US-Bundesdefizit erreichte im November den Rekordwert von 249 Milliarden Dollar. Am 30. Dezember unterzeichnete Präsident Biden ein 1,65 Billionen Dollar schweres Haushaltsgesetz unterzeichnet. Die Staatsverschuldung von 31,3 Billionen Dollar, die 124 Prozent des BIP entspricht, steigt weiter an. Der Schuldendienst wird zu einem großen Kostenfaktor. Kürzlich zitierte Greg Ip vom Wall Street Journal eine Arbeit von Thomas Sargent und Neil Wallace aus dem Jahr 1981: „Ein Staat, der unhaltbare Defizite hat, wird eines Tages nicht mehr genügend Anleihen verkaufen können, und dann muss die Zentralbank das Defizit durch Gelddrucken finanzieren. Die Zentralbank kann zunächst versuchen, die Inflation durch eine enorme Anhebung der Zinssätze zu kontrollieren. Aber das wird die Defizite weiter ausweiten und letztlich die Inflation noch schwieriger zu kontrollieren machen.“
Der US-Verbraucherpreisindex (VPI) ist von einem Höchststand von 9,1 Prozent im Juni auf 7,1 Prozent im November gesunken. Dies deutet darauf hin, dass die erste Inflationswelle zu Ende geht. Wird es eine zweite Welle geben? Im Jahr 1974 erreichte der Verbraucherpreisindex einen Höchststand von 12,3 Prozent und fiel dann 1976 auf 4,9 Prozent. Viele dachten damals, die Inflation sei vorbei, aber sie stieg wieder an und erreichte 1980 mit 14,7 Prozent einen neuen Höchststand. Heute ist der Arbeitsmarkt angespannt, während Handel und Lieferketten seit der Pandemie und dem Russland-Ukraine-Krieg mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Die derzeitige Lagerschwemme dürfte sich als vorübergehend erweisen, da wir davon ausgehen, dass die chinesische Wirtschaft irgendwann aus ihrem Covid-Sumpf wieder herauskommt. Die Energiemärkte werden sicherlich mehr Volatilität erleben, während der Ansturm auf grüne Technologien den Preisdruck auf viele Rohstoffe aufrechterhalten wird. Sobald die Fed ihre Straffung beendet, werden wir die nächste Inflationswelle sehen. Für die Fed könnte eine zweite Welle schwieriger oder sogar unmöglich zu bewältigen sein.
Es sieht so aus, als ob der Wettbewerb zwischen Gold und Bitcoin beendet ist. Es war nie klar, wie viel Goldnachfrage, wenn überhaupt, von den Kryptowährungen abgeschöpft wurde. Für jeden, der sich mit der Debatte um Gold oder Bitcoin befasst hat, ist die Entscheidung klar. Bitcoin und andere Kryptowährungen sind Risikoanlagen. Auf der anderen Seite ist Gold ein defensiver Vermögenswert, ein Vermögensspeicher und eine Währungsalternative mit einem intrinsischen Wert. Gold ist ein Zentralbankwert, kann als Schmuck dienen und für industrielle Zwecke eingesetzt werden. Seine einzigartige Rolle im Finanzsystem hat sich einmal mehr bestätigt. Die Verschiebung der Anlageperspektiven für Gold lässt sich an den Zuflüssen von Gold-ETFs ablesen. Globale Gold-ETFs verzeichneten von April bis November starke Abflüsse. Die Abflüsse sind nun gestoppt. Obwohl wahrscheinlich ein stärkerer Katalysator erforderlich ist, um Zuflüsse auszulösen, hat zumindest der Verkaufsdruck nachgelassen. Vielleicht rückt das gelbe Metall im Jahr 2023 wieder in den Mittelpunkt.
Quelle: Van Eck
Über den Autor: Joe Foster arbeitet als Portfoliomanager bei der Anlagegesellschaft Van Eck.


