Gorman und Blankfein

An diesen beiden Top-Bankern scheiden sich die Geister der Wall Street

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Einer war Steueranwalt, bevor er als Verkäufer von Edelmetallen arbeitete. Der andere war jahrelang für McKinsey & Co. tätig, ehe er ins Bankfach wechselte.

Die beiden sind Lloyd Blankfein und James Gorman. Sie stehen an der Spitze der einzigen überlebenden unabhängigen Investmentbanken in den USA - Blankfein führt Goldman Sachs Group und Gorman lenkt die Geschicke bei Morgan Stanley.

In Aussehen, Persönlichkeit und Stil sind sie ebenso unterschiedlich wie ihre gegensätzliche Herkunft. Obwohl sie in vielen Bereichen konkurrieren, steuern sie ihre Unternehmen in entgegengesetzte Richtungen.

Der 56-jährige Gorman hat sich dem Brokergeschäft mit Privatkunden verschrieben. Der 60-jährige Blankfein setzt auf eine Erholung des Handelsgeschäfts, das die Wall Street vor der Finanzkrise beherrschte, wobei sich dann weniger Konkurrenten den Kuchen teilen müssen.

Bei aller Historie verkörpern die beiden Banken die Visionen ihrer gegenwärtigen Lenker. Gorman, der mitten in seinem sechsten Jahr als CEO steht, hatte im Wealth Management auf eine Alles-Oder-Nichts-Strategie gedrängt, schon bevor er den Top-Job erhielt, und ergriff die Gelegenheit, Smith Barney von Citigroup während der Finanzkrise zu kaufen. Blankfein, der eben sein zehntes Jahr als CEO bei Goldman beginnt und die Gelegenheit hatte, die Ausrichtung von Goldman zu ändern, entschied, dass die Bank in den angestammten Geschäftsbereichen aktiv bleibt.

Während das Handelsgeschäft in der gesamten Branche in der letzten Zeit schwächelte, hat sich Goldman Sachs bei den meisten finanziellen Kennzahlen besser geschlagen als Morgan Stanley. Im vergangenen Jahr war die Eigenkapitalrendite von 11,2 Prozent beinahe doppelt so hoch, die Erträge waren höher als bei Morgan Stanley und wurden mit 40 Prozent weniger Mitarbeitern erwirtschaftet. Das hat sich in der Vergütung niedergeschlagen: Blankfein erhielt in den vergangenen fünf Jahren 126,6 Millionen Dollar, während Gorman 74,8 Millionen Dollar im gleichen Zeitraum verdiente.

Gleichwohl haben sich Anleger jüngst an die sogenannte ‚Turnaround‘-Story von Morgan Stanley geheftet, was dem Aktienkurs im Jahresvergleich eine bessere Entwicklung verschaffte als bei Goldman Sachs - das erste Mal seit dem Börsengang von Goldman Sachs 1999.

„Die Leute finden Morgan Stanley wirklich attraktiv, weil diese Transformation stattfindet“, sagt Steven Chubak, Analyst bei Nomura Holdings in New York. „Bei Goldman Sachs ist die optimistische These, dass, wenn es jemand im aktuellen Umfeld schafft, sich auf die Herausforderungen einzustellen, es Goldman sein wird, weil sie in der Vergangenheit erfolgreich gezeigt haben, dass ihnen das immer und immer wieder gelungen ist.“

So unterschiedlich die beiden Bankenlenker auch sind, sie haben auch einiges gemeinsam. Beide verfolgten ihre Anwaltskarriere nicht weiter. Sie wissen beide sehr genau, was es bedeutet, dem Druck von Kunden, Aktionären, Anleihegläubigern, Angestellten, Medien, Aufsichtsbehörden, Wohltätigkeitsorganisationen und selbst Freunden, die Jobs für ihre Kinder bekommen wollen, standzuhalten. Und beide zollen sich gegenseitig Respekt. „Sie sind eine großartige Firma, ein starker, zäher Konkurrent, mit dem wir es zu tun haben“, sagte Blankfein. Die Rivalität „treibt jeden von uns an, besser zu sein“, hört sich wie das Echo von Gorman dazu an.

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