Das Thema Leistungspraxis spielt für Versicherungskunden fraglos eine zentrale Rolle. Zumindest das Analysehaus Franke & Bornberg nimmt das Thema jetzt scheinbar auch verstärkt in seine Ratings auf. Wenige Tage nach einer Untersuchung der Leistungsregulierung der Berufsunfähigkeitsversicherung veröffentlichten die Analysten zum zweiten eine vergleichbare Betrachtung für die Grundfähigkeitsversicherung.

Bisher noch geringe Beteiligung

Allerdings nahmen daran nur drei Versicherer teil. Ein wirkliches Bild über den Markt dieser Produktalternative im Bereich Arbeitskraftsicherung kann damit natürlich nicht geliefert werden. F&B erklärt die geringe Beteiligung damit, dass Grundfähigkeitsversicherungen ein vergleichsweise junges Segment der Arbeitskraftabsicherung bilden, Arbeitsabläufe müssten sich einspielen und Regulierungserfahrung stelle sich erst Schritt für Schritt ein.

So funktioniert die Methodik

F&B schreibt: „Mittlerweile erlauben erste Versicherer Einblicke in ihre GF-Leistungspraxis.“ Ein Indiz, dass es Widerstände der Unternehmen gibt, sich in die Karten schauen zu lassen. Zur Methodik geben die Analysten an, neben umfangreichem Datenmaterial zu Regulierungen aus dem Jahr 2023 auch direkt in den Unternehmen, Stichproben in diesem Jahr erhoben zu haben, die zeigen, wie kundenorientiert diese Gesellschaften über Leistungen aus einer Grundfähigkeitsversicherung entscheiden. Dafür wurden Benchmarks definiert. Das „GF-Leistungspraxisrating“ bewertet die Regulierung in den Bereichen Leistungsfall und Leistungsentscheidung sowie Unterstützung des Kunden.

Mehr Informationen zur Methodik gibt es in den Bewertungsgrundlagen zum BU-Leistungspraxisrating. Auf Nachfrage von DAS INVESTMENT sagte ein Vertreter von F&B, dass diese analog angewandt wurden.

Grundsätzlich stellen die Autoren fest, dass sich die Grundfähigkeitsversicherung als eine weitere Lösung zur Absicherung der Arbeitskraft im Markt mittlerweile etabliert habe. Zahlen aus dem Markt haben diese These bisher nicht vermocht zu bestätigen.

Hohe Ablehnungsquote – Problem Leistungsauslöser

Ohnehin hat die Grundfähigkeitsversicherung laut F&B ein nicht gelöstes Problem: Anders als die BU-Versicherung kenne sie bislang keine einheitlichen Leistungsauslöser. „Ob Gehen, Sitzen, Treppensteigen oder Gebrauch der Hände – jeder macht sich ein Bild vom Verlust einer Grundfähigkeit. Aber die Definitionen dahinter gehen manchmal stark auseinander“, sagt Michael Franke, Gründer und Geschäftsführer von Franke und Bornberg. Das mache die GF-Leistungsprüfung zu einem schwierigen Terrain für Versicherer und Versicherte.

Beim Thema Leistungsauslöser sieht die Ratingagentur auch einen Grund für die hohe Ablehnungsrate. „Häufig wird der vereinbarte Grad der Einschränkung nach der Definition der betroffenen Grundfähigkeit nicht erreicht. Das bedeutet im Umkehrschluss: Versicherte machen sich ein falsches Bild von ihrem Versicherungsschutz und stellen den Antrag auf Leistung zu früh.“ Versicherer und Vermittler müssten die Unterschiede zwischen Berufsunfähigkeit und dem Verlust einer Grundfähigkeit deutlicher herausarbeiten. Einheitliche Leistungsauslöser bei den Grundfähigkeitsprodukten könnten für mehr Klarheit sorgen und Vertrauen aufbauen. 

 

137 Tage bis zur Entscheidung ist schneller als in der BU-Versicherung

Eine Regulierung im Bereich der Grundfähigkeitsversicherung dauerte 2023 bei den teilnehmenden Versicherern im Durchschnitt gut 137 Tage, so die F&B-Analysten. Das sind 45 Tage oder 25 Prozent weniger als bei BU-Verträgen.

Philipp Wedekind, Leiter Rating Vorsorge und Nachhaltigkeit sagt dazu: „Beim GF-Schutz spielt der Beruf keine Rolle. Damit entfällt die aufwendige Prüfung, ob und in welchem Umfang Antragsteller ihren Beruf noch ausüben können. Das spart wertvolle Zeit und für Versicherte auch Nerven.“ Der Zeitvorteil beginne bereits beim Ausfüllen des Fragebogens. Während BU-Versicherte laut Wedekind rund 40 Tage brauchten, dauere es in der Grundfähigkeits-Regulierung nur 30 Tage.

Noch seien die Ergebnisse aufgrund der niedrigen Fallzahlen nicht repräsentativ. In der Tendenz zeige sich aber, dass sich die Anerkennungsquoten deutlich unter denen der BU-Versicherung bewegen. Das liegt zum einen an den jungen Beständen, so Wedekind. Verletzungen der vorvertraglichen Anzeigepflicht spielten hier naturgemäß eine größere Rolle.

Anzeige
Bankenviertel in Frankfurt
Wachstums- und dividendenstark
Warum Banken und Versicherer 2025 die Top-Performer an den Aktienmärkten sind
Stabilität, Bewertungsvorteile und Wachstumstreiber machen den Finanzsektor 2025 zum globalen Top-Sektor, erläutern die Experten der Fürstlich Castell’schen Bank.
Jetzt lesen

Zweimal hervorragend, einmal sehr gut

Die drei Teilnehmer Allianz, Gothaer und Nürnberger ließen sich auch beim „BU-Leistungspraxisrating“ in die Karten schauen. Die Ergebnisse können überzeugen: Zweimal die Bestnote „FFF+“ (hervorragend) und einmal „FFF“ (sehr gut) lautet das Gesamtergebnis. Die drei Unternehmen punkteten mit professioneller und kundenfreundlicher Regulierung. Sie ebneten den Weg und liefern Benchmarks für Versicherer, die ihnen folgen. „In der Beratung müssen Unterschiede zwischen BU- und GF-Schutz deutlich werden. Andernfalls droht Reputationsschaden“, so die Autoren.

Das sagt der Experte

Im Bereich Grundfähigkeiten werden derzeit von 25 Anbietern Tarife am Markt angeboten. Die geringe Anzahl der teilnehmenden Gesellschaft ist frappierend. Warum waren derart wenig Gesellschaften zur Teilnahme bereit? Das GF-Leistungspraxis-Rating bildet so nicht ansatzweise den Markt ab. So hat die Gothaer nicht ganz unrecht, wenn sie in einer Vertriebspartner-Mitteilung verlauten lässt, die Gothaer hebe sich allein durch die Teilnahme positiv vom Markt ab.

Frederik Borchardt, @ privat

So kritisch ich Ratings- und Siegel in der Versicherungswirtschaft gegenüber stehe und so wenig Bedeutung diese in meiner Beratungspraxis haben: Die Untersuchung der Leistungsfallpraxis anhand konkreter Fälle ist insofern interessant, als hier ein Einblick gewonnen wird, den ich als Makler – anders als bei Tarifratings – auf anderem Wege kaum erhalten kann.

Spannend ist dabei insbesondere, ob die Gesellschaften im Leistungsfall die Kunden angemessen und fair begleiten, wie die Reaktionszeiten sind, wie sich das Kommunikationsverhalten des Versicherers gegenüber dem Kunden darstellt und wie lange die Regulierung dauert und ob die Regulierungsentscheidungen transparent und nachvollziehbar sind. Das sind hilfreiche Erkenntnisse, daher wäre es wünschenswert, wenn sich künftig mehr Anbieter beteiligen