DAS INVESTMENT Versicherungen: Ihre Umfrage zeigt: 55 Prozent der Versicherer rechnen in den nächsten drei Jahren mit einer US-Rezession. Trotzdem planen 62 Prozent, ihre Allokation in Private Assets weiter auszubauen. Ist das strategische Überzeugung oder schlicht mangelnde Alternative?
Volker Anger: Versicherer, die mit einer Rezession rechnen, ziehen häufig eine Erhöhung der Kreditqualität ihres Portfolios in Betracht. Dies schließt Investitionen in Private Assets keineswegs aus. Zwar weisen Private Assets im Vergleich zu börsennotierten Anlagen ein höheres Liquiditätsrisiko auf, sie entwickeln sich in einer Rezession aber nicht unbedingt schlechter - insbesondere dann, wenn sie mit einer Buy-and-Hold-Strategie bis zur Endfälligkeit gehalten werden. Im Gegenteil: Aufgrund stärkerer struktureller Sicherheiten und häufig geringerer realisierter Verluste können Private Assets sogar als defensiv eingeschätzt werden.
Darüber hinaus wirkt das derzeit sehr niedrige Spread-Niveau als deutlicher Rückenwind für die privaten Märkte: Der zusätzliche Renditeaufschlag, der bei vergleichbarer Kreditqualität erzielt werden kann, stellt einen zentralen Anreiz dar. Ähnlich beobachten wir ein steigendes Interesse an öffentlichen Verbriefungen, da Versicherer versuchen, differenzierte Risikoprämien zu vereinnahmen und die Gesamtrendite ihrer Portfolios gezielt zu verbessern.
Die Umfrageergebnisse sind global. Was unterscheidet europäische – und speziell deutsche – Versicherer in ihrer Haltung zu Private Markets von ihren Peers in den USA oder Asien? Gibt es strukturelle Faktoren wie Solvency II, die das Allokationsverhalten hier anders prägen?
Anger: Weltweit beabsichtigten 23 Prozent der Versicherer, das Liquiditätsrisiko zu erhöhen statt zu senken. Für Versicherer in EMEA beziehungsweise in der DACH-Region lag dieser Wert dagegen nur bei 6 Prozent beziehungsweise 7 Prozent.
Warum?
Anger: Zu diesem Ergebnis dürften in Europa mehrere Faktoren beitragen. Zum Einen wäre da die Struktur der Verbindlichkeiten, das sogenannte Liability Profile. In den USA sind die Verbindlichkeiten insgesamt stärker von Annuitäten im Lebensversicherungsbereich geprägt, was grundsätzlich besser zu illiquiden Anlagen passt. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Vereinigten Königreich, wo Annuitäten einen großen Teil der Verbindlichkeiten ausmachen und entsprechend zu einem höheren Anteil illiquider Assets auf der Aktivseite führen. Ein weiterer Faktor sind die Kapitalanforderungen. Solvency II sieht für Schuldtitel ohne Rating vergleichsweise vorteilhafte Kapitalanforderungen vor. Gleichzeitig erschwert die hohe Belastung für langlaufende Kreditrisiken bestimmte illiquide Investments aus Kapitalsicht. Zudem haben US-Versicherer ihre Allokation in geratete Note-Instrumente erhöht, während die Behandlung von Verbriefungen unter Solvency II dies für europäische Investoren oft deutlich schwieriger macht. Die Markttiefe spielt ebenfalls eine Rolle. Auch wenn zunehmend währungsgesicherte Lösungen verfügbar sind, ist der Markt für Private Assets in den USA nach wie vor deutlich weiter entwickelt und tiefer als in Europa.
Das liegt also eher an den äußeren Rahmenbedingungen?
Anger: Nicht unbedingt. Auch Bestandsportfolios spielen eine Rolle. Europäische Versicherer verfügen häufig über umfangreiche Altbestände an Immobilien, deren Umstrukturierung oder Reduktion nur schwer umzusetzen ist und die zusätzliche Flexibilität in der Allokation begrenzen. Auch die Unternehmensgrößen unterscheiden sich: In Europa gibt es eine größere Zahl kleinerer Versicherer. Diese verfügen oftmals über weniger spezialisierte Expertise bei der Modellierung illiquider Assets sowie über begrenztere Ressourcen für eine umfassende Due Diligence. Unterschiede gibt es auch in der Eigentümerstruktur: Der Anteil von Versicherern mit Private-Equity-Eigentümern ist in den USA deutlich höher. Diese verfolgen in der Regel eine stärkere Allokation in illiquide Anlageklassen, was sich auch auf die Asset-Allokationsentscheidungen der Versicherer auswirkt.
Asiatische Versicherer weisen im Durchschnitt niedrigere Allokationen in alternativen Anlagen auf als ihre europäischen oder US-amerikanischen Pendants. Allerdings könnten die jüngsten Übergänge zu risikobasierten Regulierungsregimen in mehreren Ländern der Region zu steigenden Allokationen führen.


