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GSAM-Vertriebsspezialist im Interview „Aktien-Anlagekultur hierzulande wenig ausgeprägt“

Markus Weis, Leiter Drittvertrieb für Deutschland und Österreich bei Goldman Sachs Asset Management
Markus Weis, Leiter Drittvertrieb für Deutschland und Österreich bei Goldman Sachs Asset Management
DAS INVESTMENT: Eine Umfrage von Goldman Sachs Asset Management hat vor kurzem erbracht, dass die meisten Deutschen ihr Geld trotz aller Warnungen immer noch vor allem auf Sparbüchern lagern. Ist das eine bewusste Entscheidung von Anlegern, weil die ihr Geld dort sicher aufbewahrt sehen – oder eher das Resultat von mangelnder Initiative?

Markus Weis:
Anleger haben heute ein enorm hohes Sicherheitsbedürfnis. Eine hohe Rendite spielt quasi überhaupt keine Rolle. Nur zwei Prozent planen im nächsten Jahr eine Aktieninvestition, elf Prozent ziehen das in Erwägung. Diese Abneigung gegenüber Aktienanlagen in Kombination mit nicht vorhandenem Wissen über die Attraktivität der Anlageformen ist das Hauptergebnis der Umfrage.

61,8 Prozent der Anleger gaben als wichtigstes Kriterium bei der Geldanlage den Faktor Sicherheit an. Wieso legt man hierzulande darauf so großen Wert?


In Deutschland ist die Aktien- und Wertpapieranlagekultur nur gering ausgeprägt. Eine beliebte Anlageform neben dem klassischen Sparbuch ist die Immobilie. Aktien waren hingegen nur eine kurze Zeit lang allgemein von Interesse. Im Jahr 2000 gab es eine IT-Blase am Markt. 2008 kam die Finanzkrise. Wenn man solche Events als langfristig denkender Anleger nicht richtig einzuordnen weiß, dann kann einem das die Anlage-Laune verderben.

Aktien versprechen immerhin eine bessere Rendite als andere Anlagen.

Absolut, aber da gibt es eine echte Wissenslücke. Über 50 Prozent der 1- bis 2-Personen-Haushalte, die über 3.000 monatliches Nettoeinkommen haben, haben in der Umfrage angegeben, dass man sich mit dem Thema Aktienanlage nicht auskenne oder keine Zeit dafür habe. Dabei gibt es bei guter Beratung viele Möglichkeiten, mit wenig Risiko in Aktien und Aktienfonds zu investieren.
Bis zu 13 Prozent Rendite Die erfolgreichsten defensiven Mischfonds

Haben die Umfrage-Ergebnisse Sie erstaunt?


Ein Großteil der Befragten geht von einer langen Niedrigzinsphase aus, die noch drei, fünf oder mehr Jahre anhält. Selbst Kapitalmarktexperten rechnen schon mit einem Zinsanstieg in zwei Jahren. Umso mehr überrascht es, dass Anleger nicht bereit sind, ihre Anlage der herrschenden Niedrigzinsphase anzupassen. Dabei ist ein Großteil mit seiner Geldanlage insgesamt unzufrieden.

In letzter Zeit wird bereits von so vielen Seiten für die Aktienanlage geworben. Hat es Zweck, das noch zu verstärken – angesichts Ihrer Ergebnisse?


Dass sich am Anlageverhalten nichts ändert, glaube ich nicht. In Summa sieht man: Es gibt viele Mittelzuflüsse in Fonds. Das stimmt positiv. Mehr und mehr Privatanleger entdecken für sich diese Anlageform. Aber um Vertrauen zu schaffen, damit noch mehr investiert wird, sind alle Fondsanbieter und Finanzdienstleister gefragt. Denn die Umfrage hat auch gezeigt: Die, die tatsächlich Aktien halten, sind mit großer Mehrheit zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit ihrer Anlage. Zuerst muss aber die gute Beratung kommen.

Könnten die vielen Fintech-Angebote, die gerade auf den Markt strömen, da vielleicht helfen und mehr Menschen für die Aktienanlage begeistern?

Da bin ich skeptisch. Die Leute, die heute Vermögen haben, haben zum Großteil eine eher geringe Affinität zu den neuen Medien - gerade wenn es um die Geldanlage geht. Da kommt vermutlich nur ein verschwindend geringer Anteil über digitale Medien. Der Großteil der Mittelzuflüsse kommt über die Beratung von Banken und anderen Finanzdienstleistern.

Welche Schlüsse zieht Goldman Sachs Asset Management aus den Ergebnissen?

Für uns als Asset Manager gibt es noch viel zu tun: Wir müssen Aufklärungsarbeit mithilfe unserer Vertriebspartner leisten, um mitzuhelfen, die Wertpapierkultur in Deutschland zu stärken. Auch durch die voraussichtlich niedrigen Zinsen in den nächsten Jahren versprechen wir uns noch Zulauf. Aktien oder die Aktienfondsanlagen versprechen momentan das höchste Renditepotenzial – mit einem langen Anlagehorizont.

Wie wollen Sie denn die Menschen erreichen?

Anleger sind ihrem Lieblingskind, dem Sparbuch, sehr treu. Insofern ist das Thema Beratung wichtig. Es ist viel Unsicherheit über Wertpapieranlage verbreitet, da muss die gesamte Finanzbranche zusammen daran arbeiten, das zu ändern. Und so bei den Anlegern das Vertrauen gewinnen, dass Wertpapierberatung wertvoll und gut ist. Außerdem müsste schon bei der Schulbildung damit angefangen werden. Wissen über Wirtschaft und Kapitalmarkt wird bisher in der Schule viel zu wenig vermittelt.
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