"Gute Nacht Deutschland, wenn nur noch Honorarberatung erlaubt ist"

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Kommentar von Bernhard Schwarz, Versicherungsmakler.
Im Rahmen der Leseraktion "Honorarberatung, die bessere Finanzberatung?"

Welche "Bevölkerunsschicht" leistet sich derzeit einen Steuerberater ? Von welchen Kundenklientel kann ein Steuerberater existieren?

Ich meine: Ein Großteil der angestellten beziehungsweise arbeitenden Ottonormalbürger nimmt keine Hilfe oder Beratung eines Steuerberaters in Anspruch, außer Firmen und Gewerbetreibende, und zwar aus den folgenden Gründen:
- weil es sich die meisten nicht leisten können oder wollen

- weil viele das Geld einsparen wollen und erst selbst versuchen ihre Steuererklärung zu machen, aber irgendwann verzweifeln und aufgeben oder nichts "rausholen"

- weil viele den Lohnsteuerhilfeverein in Anspruch nehmen – der glaube ich auch zum Teil durch Steuergelder finanziert wird – oder Lohnsteuersoftware nutzen

- weil es sich bei vielen nicht lohnt: Untere Einkommensgruppen zahlen eh keine Steuern = Familie mit zwei Kindern bis 40.000 Euro Jahreseinkommen

- weil viele Steuerberater diese Kunden ablehnen, da der Zeitaufwand zum Ertrag teilweise in keinen Verhältnis stehen

Wie berechnet sich das Honorar von Steuerberatern? Nur Zeitaufwand, oder Gebührensatz nach… Das ist auch eine Art Provision oder nicht?

Welche Bevölkerungsschicht kann sich einen Rechtsanwalt leisten ohne Rechtschutzversicherung?

Wozu gibt es Rechtschutzversicherungen und für wen? Welche Bevölkerungsschichten haben sich überwiegend rechtsschutzversichert oder haben dafür Geld? Von welchen Kundenklientel kann ein Rechtsanwalt existieren (gibt es da Studien)?

Wenn ein Rechtsanwalt ein "Honorar" berechnet, bezieht sich dieses nicht nur auf den Zeitaufwand für das Durchlesen von Akten, zum Gericht fahren, Briefe verfassen usw., sondern auch auf ein prozentualen Mindestgebührensatz auch auf die Streit- oder Insolvenzsumme? Ist auch eine Art Provision, oder nicht?

Dann berechne ich als Honorarberater auch die Summe, die mein Mandant zur Altersversorgung benötigt oder dafür investieren muss und erhebe einen vorher
vom Staat festgesetzten prozentualen Satz oder wie? Da könnte man dann ja von leben, aber wer kann sich das leisten, oder besser gesagt, wer will das? Antwort: keiner!

Was passiert mit den Ausschließlichkeitsvertretern von Versicherungen und Banken? Welcher Kunde würde für eine Beratung Geld ausgeben, bei der er nur hauseigene Produkte empfohlen bekommt? Was passiert mit den hauseigenen Produkten und den ganzen Arbeitsplätzen die dahinter stehen?

Ich stelle mir das in der Praxis so vor: Der Kunde geht zur Sparkasse, lässt sich dort für 100 Euro beraten, möchte aber noch eine andere Meinung/Angebot einholen und geht dann noch einmal zur Deutschen Bank, Commerzbank, Signal Iduna und drückt jedes mal 100 Euro ab oder wie?

Sie sehen es gibt eine ganze Menge Fragen zu beantworten und ich habe hier nur einige gestellt, aber bei weitem nicht alle.

Fazit:
 
Der überwiegende Anteil der Bevölkerung kann und will sich kein Steuerberater oder Rechtsanwalt leisten, die meiner Meinung übrigens versteckt auch über Provisionen kassieren, und sind der Meinung, es lohnt eh nicht oder es lohnt sich wirklich nicht, da nichts mehr abzusetzen ist (auch durch wohl zukünftige Vereinfachung der Steuersätze).

Also haben nur die Besserverdiener das Geld, um sich einen Steuerberater zu leisten oder sind bereit, dafür Geld auszugeben. Und dieser kann bei denen auch mehr erreichen und ergo auch mehr verdienen.
 
Umgedacht auf die Finanzdienstleistung würde das bedeuten, dass
 
- die unteren Einkommensgruppen sich entweder gar nicht mehr beraten lassen, weil sie es sich nicht leisten können/wollen

- notfalls zu den Verbraucherzentralen (wie beim Thema Steuern = Lohnsteuerhilfeverein) gehen, die die Anzahl überhaupt nicht abdecken können, jetzt schon nicht

- die "Schlaumeier" versuchen sich übers Internet selbst zu versichern (sehr interessant bei BU oder PKV!) oder für die Altersversorgung Verträge abschließen und dabei erhebliche Fehler machen oder Versorgungslücken verursachen

- nur die wirklich Besserverdiener sich einen privaten Finanzberater leisten können und haben werden

- Hunderttausende Makler/Mehrfachagenten/Berater auf der Straße stehen oder von den Einnahmen nicht leben können

Und das alles bei unserer Problematik der sozialen Sicherungssysteme, Alterarmut, Zwei- Klassen-Medizin, Risikovorsorge usw. und die Politik, die Bürger zu mehr Eigenverantwortung für Altersversorgung und Gesundheitsversorgung auffordert.

Gute Nacht Deutschland, wenn die Provisionsberatung verboten wird und nur noch Honorarberatung erlaubt ist.

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