Seit 1991 beschäftige ich mich mit dem Aktienhandel, damals fing ich als Marketmaker bei der Eurex an, also an der Terminbörse. Der Handel faszinierte mich immer schon, Besonderheiten wie der Neue Markt Crash, 9/11 oder die Finanzkrise habe ich alles live am Bildschirm miterlebt und mitgehandelt.

Seit kurzem bin ich wieder in der glücklichen Lage, mich intensiver mit dem Aktienmarkt zu beschäftigen. Folgendes ist mir in den vergangenen Wochen aufgefallen und kann Anlass zum Nachdenken geben.

Gesamtsituation am Markt – Dax

Im Dax haben wir am 31. Juli 2023 ein neues Jahreshoch erreicht. Es fällt mir, wie vielen anderen auch, schwer, die Gründe dafür nachzuvollziehen. Wenn man sich im Markt umhört, wird einem schnell klar, dass viele nicht richtig investiert waren und daher jeder Punkt nach oben weh tat. Mir ging es da ähnlich. Und spätestens, als dann aus diesem Never Ending Short Squeeze ein neues Alltime-High wurde, war wohl der letzte Bär erlegt.

Bestes Beispiel ist der Morgan-Stanley-Analyst und Chefstratege Mike Wilson, der schon sehr lange extrem bärisch war und dann die weiße Fahne hisste und auf long drehte. So wie Wilson haben die meisten Bären auf long gedreht. Beim neuen Allzeithoch war es dann auch soweit, die Käufer fehlten. Der Markt wurde fallengelassen wie eine heiße Kartoffel.

Auffälligkeiten, Übertreibungen und Anomalien

Wie der Markt tickt, kann man an den Unternehmenszahlen und deren Reaktion darauf sehen. Völlig irrational, panische Käufe und Verkäufe. Zehn Prozent hoch, zehn Prozent runter, ohne Sinn und Verstand. Gute Zahlen von BMW: minus sieben Prozent. Zahlen von Aixtron: minus 15 Prozent. Schlechte Zahlen von Siemens Energy: erst sieben Prozent runter, dann zehn Prozent hoch und wieder zehn Prozent runter.

 

Ein Beispiel für maßlose Übertreibungen will ich hier noch anführen: Tupperware. Eigentlich finanziell nicht auf Rosen gebettet, deswegen kostete die Aktie auch nur 0,5 US-Dollar. Aktuell kostet sie etwa 1.000 Prozent mehr. Geändert hat sich eigentlich nicht viel, aber zocken darf man ja wieder.

Ist das ein Fundament, auf dem ich bauen kann, oder sind wir wieder im Zockerland, wo wir auch in der New-Economy-Blase waren?

Zocker am Werk: Chart der Tupperware-Aktie seit Ende März 

Chart von Tupperware
Chart von Tupperware © Norbert Wolk/stock3.com

Die nächste Auffälligkeit, ich würde sogar Anomalie sagen, fiel mir bei einem Paypal-Trade von mir auf.

Vor den Zahlen von Paypal kaufte ich mir bei 74 US-Dollar einen 60er-Put für 0,32 US-Dollar. Dann kamen schlechte Zahlen raus und die Aktie fiel auf 65 Dollar. Ich freute mich schon, nur leider fiel der Preis meines Puts auf 0,26 Dollar! Das hatte ich in meinen mehr als 20 Jahren Börsenhandel noch nie erlebt. Mit viel Mühe verkaufte ich den Put dann für 0,54 Dollar. Das machte überhaupt keinen Sinn, schon sehr seltsam.

Genauso wie mir aufgefallen ist, dass bei einem Aktienstand bei Paypal von 63 Dollar der 66er-Call teurer ist als der 60er-Put. Normalerweise ist es andersherum: Die unteren Puts sind deutlich teurer als die oberen Calls. Auch das macht nicht wirklich Sinn. Angst sieht, nebenbei bemerkt, definitiv anders aus.

Eigenartig: Dax läuft Futures hinterher

Zuletzt ist noch der Zusammenhang zwischen Dax-Future und den dazugehörigen 40 Aktien interessant: Ich habe damals noch erlebt, wie der erste Dax-Future-Handelstag war. Es hieß, der Dax-Future wird sich jetzt entsprechend den zugrundeliegenden Aktien anpassen.

Dies ist mitnichten so. Der Schwanz wedelt vielmehr mit dem Hund: steigt der Future, laufen die Aktien hinterher, fällt der Future, laufen die Aktien ebenfalls hinterher. Das geht schon seit Jahrzehnten so. Das ist zwar nicht so gewollt, aber okay.

Auffällig ist zurzeit, dass viele Aktien eigentlich überhaupt nicht nach oben wollen, sondern sogar fallen würden, wenn eben der Future nicht wäre. Der Future hält viele Aktien aus dem Dax noch da, wo sie sind. Auch das ist kein gutes Zeichen und sollte zu denken geben.

Fazit

Einiges läuft derzeit nicht „normal“. Anomalien und Übertreibungen treten vermehrt auf und sind aus meiner über 30-jährigen Erfahrung kein gutes Zeichen. Ich bin zwar Rheinländer, aber „et hät noch immer jot jejange“ scheint mir aufgrund der genannten Vorzeichen gerade ein eher unpassendes Motto.

 

Norbert Wolk
Norbert Wolk © Barbarossa AM

Über den Autor:
Norbert Wolk ist Spezialist für Optionen und regelbasierte Handelssysteme und Geschäftsführer des Vermögensverwalters Barbarossa Asset Management in Gelnhausen.