Von null auf 15 Milliarden Euro in weniger als drei Jahren. Rheinmetall-Aktien sind Smalltalk-Thema auf Geburtstagsfeiern geworden. Und auf Finanzkonferenzen sprechen mittlerweile nicht mehr nur Fondsmanager, sondern auch Generäle. Willkommen in der neuen Realität der europäischen Finanzbranche. Rüstungsinvestitionen sind eines der heißesten Themen der Asset-Management-Branche.
„Auf einmal werden auf Webinaren und Konferenzen Militärs eingeladen. Generale a.D. mit Stimmen wie donnernde Panzer“, sagt Malte Dreher im Podcast „For Professional Investors Only“. Christoph Fröhlich nickt. Auch beim private banking kongress stand vor einiger Florence Gaub von der Nato auf der Bühne und gab Einblicke, die das Publikum sonst eher aus Polit-Thrillern kennt.
Die beiden erinnern sich an den Moment, als ihnen klar wurde: Das Thema ist endgültig im Mainstream angekommen. „Wenn dich auf einmal Bekannte auf Geburtstagsfeiern fragen: Hast du auch Rheinmetall-Aktien?“, sagt Dreher und lacht. „Darüber hat man die vergangenen 20 Jahre nicht gesprochen.“
Aber wie kommt es, dass eine Branche, die jahrzehntelang einen großen Bogen um Rüstungsinvestitionen gemacht hat, jetzt mit Milliarden einsteigt? Eine aktuelle Analyse von DAS INVESTMENT zeigt: In weniger als drei Jahren ist das Volumen in Defense-Fonds von null auf über 15 Milliarden Euro explodiert.
Private-Equity-Häuser durchforsten plötzlich ihre Portfolios nach Beteiligungen mit Dual-Use-Potenzial. Start-ups wie Swarm Biotacics in Kassel – die mit Cyborg-Kakerlaken arbeiten, die über Kriegsgebiete gesteuert werden können – bekommen frisches Kapital. „Vor einem halben Jahr wurden die mit weiteren 10 Millionen geseedet“, erzählt Dreher.
Doch bei allen Zahlen und Renditen: Irgendetwas bleibt merkwürdig. "Das Interesse ist definitiv da", sagt Fröhlich. „Aber irgendwie auch noch mit angezogener Handbremse. Nach dem Motto: Rational haben wir das alle verstanden, dass das wichtig ist. Aber emotional sind wir damit noch nicht ganz durch.“
Dreher stimmt zu. Und er verweist auf ein interessantes Paradox, das auch im Gespräch mit Robert Habeck und Martin Lück von Franklin Templeton hochkam: die Neubewertung von Militärinvestitionen. „Ein Panzer ist nicht mehr nur ein totes Investment“, erklärt er. „Man finanziert damit ja auch Forschung. Das Internet gibt es nur, weil sich das Militär Gedanken über neue Kommunikationswege gemacht hat.“
Aber wie sieht es auf der anderen Seite aus? Was sagen diejenigen, die tatsächlich verstehen, was moderne Verteidigung bedeutet – und was es kostet, wenn Europa zu langsam ist?
Zwischen Zeitenwende und Wirklichkeit
Vier Jahre. So lange ist es her, dass Olaf Scholz die Zeitenwende ausrief. Doch zwischen großen Worten und echten Investitionsentscheidungen liegen Welten – und vor allem: Zeit. Denn zwischen Zeitenwende und dem Boom der Rüstungs-ETFs ist einige Zeit vergangen.
„Es liegt nicht an der fehlenden Innovationskraft der Branche“, sagt Hagen Schremmer, Chef von BNP Paribas Asset Management Deutschland, als er sich mit Chris Badia, ehemaliger General der Luftwaffe, zum Gespräch trifft. Schremmer kennt die Asset-Management-Seite, Badia die militärische. Zusammen zeichnen sie ein Bild von Europa, das dringend aufwachen muss.
„Erst als die Nato-Staaten ihr Commitment auf dreieinhalb plus anderthalb Prozent erhöhten und Deutschland sein Schuldenpaket schnürte, entstand ein Umfeld, das Investitionen planbarer machte", so Schremmer. „Jetzt stehen nicht nur große Zahlen im Raum, sondern auch eine neue Planbarkeit und Langfristigkeit der Investitionsmaßnahmen.“
Im Sommer 2024 hat BNP Paribas zwei Produkte aufgelegt: einen Europe Defense ETF (ISIN: LU3047998896) und einen aktiven Fonds zu europäischer Autonomie und Resilienz (ISIN: LU3051940263). Beide bewusst mit Europa-Fokus. „Einerseits gibt es einen Investitionsstau und ich hatte es ja eben schon ausgeführt. Und Europa muss massiv nachholen.“
Die Zahlen sind gewaltig: Bis 2030 sollen 1,5 Billionen Euro in die europäische Resilienz fließen. Ein Potenzial, wovon die Wirtschaft profitieren wird und in der Folge auch die Investoren. Hinzu kommt: Europäische Unternehmen sind nach wie vor attraktiver bewertet als viele amerikanische Konkurrenten.
Die fünf Dimensionen: Warum Panzer nicht mehr reichen
Chris Badia hat 40 Jahre Militärerfahrung. Er hat gesehen, wie sich Kriegsführung grundlegend verändert hat. „Früher haben wir diese klare Trennung gemacht: äußere Sicherheit, innere Sicherheit. Das ist vorbei.“
Seit 2022 denkt die Nato Abschreckung und Verteidigung anders. Resilienz ist das neue Schlagwort – und zwar gesamtstaatlich. „Man denkt heute den Konflikt über fünf Dimensionen“, erklärt Badia. „Weltraum, Cyber, Land, Luft, See. Und das muss alles zusammengebracht werden.“
Große Panzerverbände, große Flugzeugverbände – das reiche nicht mehr. „Durch Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Weltraumanwendungen, Cyber Offense, Cyber Defense – all diese Dinge muss ich heute ganz anders denken.“ Europa hat die Innovationskraft dafür. „Aber wir müssen den Willen zusammenbringen und dieses gemeinsame Handeln umsetzen.“
Schremmer nickt. Er sieht das aus der Wirtschaftsperspektive ähnlich. „Resilienz in der Wirtschaft ist das Gleiche. Während Covid haben wir gesehen, dass die Lieferketten nicht stabil waren. Beim Einmarsch in die Ukraine wurde klar, wie energieabhängig wir uns von russischem Gas gemacht haben.“ Die Kette der Beispiele ließe sich fortsetzen.
Resilienz bedeute: Vorbereitung auf Eventualitäten, Absicherung der Standardprozesse. „Zu gucken, was kann ich aus eigener Kraft sichern? Wie kann ich mich positionieren, sodass mein Geschäftsmodell langfristig tragbar ist?“
Was Finnland richtig macht – und Deutschland falsch
„Ich gebe immer gerne das Beispiel Finnland und Schweden“, sagt Badia. „Da sieht man, wie ein resilienter Staat aufgestellt sein muss.“
In Deutschland gibt es dafür einen Begriff: die Blaulichtorganisationen. Vom THW über die Feuerwehr bis zum Krankenwagen. „Wenn dein ganzes System so aufgestellt ist, dass du nach einem Schock relativ schnell wieder in normale Verfahren kommst: Das ist Resilienz.“
Finnland und Schweden leben das. Dort sei völlig klar, welche Prioritäten gelten. Die Politik erklärt es, die Gesellschaft trägt es mit. "Die leben wesentlich näher an der Bedrohung", sagt Badia. „Für die ist es völlig klar, welche Prioritäten es gibt.“
In Deutschland? Anders. „Wir hatten In Gesamteuropa eine lange Friedensdividende“, sagt Schremmer diplomatisch. „Da ist das Auseinandersetzen mit dem Thema Defense natürlich im ersten Schritt unangenehm.“
Space und Cyber: Die unterschätzten Schlachtfelder
Welche Dimensionen sind am dringendsten? Badia zögert keine Sekunde. „Space und Cyber. Die zwei neu hinzugekommenen Domänen.“
Beide sind keine klassischen militärischen Bereiche, sondern „Dual use“ – zivil und militärisch gleichermaßen entscheidend. „In Europa ist der Weltraum zivil dominiert. Wir müssen eine Informationsdominanz haben, um überhaupt die Lage zu begreifen, um Politik und allen anderen eine Entscheidungsgrundlage zu liefern. Und deswegen müssen wir wesentlich mehr im Weltraum machen.“










Von dort läuft alles: Kommunikation, Aufklärung, Navigation. „Und das muss über Cybermaßnahmen gesichert sein. Wir wollen ja keine korrumpierten Daten, keine falschen Meldungen.“ Europa ist hier noch nicht so weit, wie es sein sollte, sagt Badia. Die Abhängigkeit von den USA bleibe real.
Europa hatte immer den Reflex: Hightech kaufen wir bei Amerika. „Wir müssen das, was wir in Deutschland und Europa haben, ganz anders fördern. Und wir müssen es zusammenführen", sagt Badia.
Die Rolle des Kapitals: Mehr als nur staatliche Töpfe
Hier kommt wieder Hagen Schremmer ins Spiel. Asset Manager sind nicht nur Beobachter dieser Entwicklung – sie sind aktive Gestalter.
„Wir kanalisieren Kapital und leiten es dorthin, wo wir das größte Potenzial sehen“, erklärt er. „Das Investieren in diese Zukunftsindustrie kommt nicht nur durch staatliche Gelder, sondern durch die Kombination aus staatlichen Töpfen und privaten Geldern.“
Dazu kommt: Research und Selektion. „Gerade in so einem neuen Ökosystem wird nicht jedes Start-up das Unicorn sein.“ Wer keine langfristige Energiestrategie hat, wer keine Resilienz in der Lieferkette aufbaut – der hat ein Problem. „Der Chips Act in Europa, die lokale Entwicklung digitaler Kapazitäten – das sind Themen, wo die Kanalisierung durch Asset Manager stattfinden kann und Research einen absoluten Mehrwert stiftet.“
Ursula von der Leyen spricht von der „dritten Säule der Finanzierung“. Dass wesentlich mehr Kapital aus dem Privatmarkt in diesen Markt fließen muss. „Aber schon auf der Basis, dass alle verstanden haben, wie wichtig Verteidigung für die Autonomie Europas ist“, betont Badia.
Zeit haben wir nicht – Geld schon
„Was wir früher hatten, war Zeit, aber kein Geld“, sagt Badia. Dann legt er eine Pause ein. „Und jetzt haben wir Geld und keine Zeit mehr.“
Nach Scholz' Zeitenwende-Rede galt: Schauen wir mal. „Das hat sich geändert“, sagt Badia. „Durch das, was wir in der Ukraine sehen. Durch das, was geopolitisch dieses Jahr alles passiert ist. Wir haben keine Zeit mehr.“
Denn alte Freundschaften sind nicht mehr selbstverständlich. „Wir brauchen deshalb ein ganz eigenes Selbstbewusstsein“, sagt Schremmer. „Und gerade auf europäischer Ebene die Notwendigkeit, die Kräfte zu bündeln.“ Der große Binnenmarkt – das ist das Pfund, mit dem Europa wuchern kann. „Aktuell 27 Staaten, wo jeder sein Süppchen kocht – das gibt uns nicht das Gewicht auf der weltpolitischen Bühne.“
More, faster, everywhere: Das Drei-Wort-Programm
Wie schnell kann Europa aufholen? Badia charakterisiert es mit drei Schlagworten: „More, faster, everywhere.“
More: Nachholbedarf. Munitionsbestände auffüllen, Sanitätsmaterial aufstocken, neue Technologien entwickeln. „Klassische Fähigkeiten, die wir schon beherrschen, können wir relativ kurzfristig herstellen. Aber eine Hochwertfähigkeit? Wenn es schnell geht: vier bis sechs Jahre.“
Faster: Verfahren abkürzen, Bürokratie abbauen, schnellere Gesetzgebung. „Da müssen wir wesentlich schneller werden – auch in der Vorschriftengebung.“
Everywhere: Über alle fünf Domänen denken. "Nur so, in diesem gemeinsamen Nach-vorne-Gehen, können wir die militärischen Fähigkeiten hochbringen. Aber das geht nicht über Nacht."
Deshalb braucht es einen geordneten Übergang auf Augenhöhe mit den USA. „Wir verstehen, ihr müsst andere Schwerpunkte bedienen. Wir brauchen aber noch Teile von dem, was ihr zur Verfügung stellen könnt – und bauen parallel dazu auf.“
Der gelbe Sack und die Wehrpflicht
Was muss Politik und Gesellschaft besser machen? Badia wird konkret. „Wir brauchen eine breitere Diskussion. Die Politik, wenn es um Verteidigung geht, um Bereitschaft, persönliche Einschränkungen hinzunehmen – das ist eine punktuelle Diskussion, keine breite gesellschaftliche.“
Er vergleicht es mit Polen, den baltischen Staaten, Rumänien. Dort werden 4,5 Prozent vom BIP für Verteidigung ausgegeben. „Für die ist völlig klar, welche Prioritäten gelten. Weil die Politik das auch erklärt.“
Und dann kommt sein Lieblingsbeispiel: der gelbe Sack. "Ich bin schon ein bisschen älter. Als wir den grünen Punkt und die gelbe Tonne eingeführt haben, gab es einen Riesenaufschrei in ganz Deutschland." Die Politiker haben es in ihre Wahlkreise getragen, haben erklärt, warum es sinnvoll ist. „Heute redet kein Mensch mehr darüber.“
Die Botschaft ist klar: Es geht, wenn man will. „Es muss der politische Wille da sein. Parteiübergreifend.“
Und dann seine radikalste Forderung: „Ich bin kein Befürworter der Wehrpflicht. Ich bin ein Befürworter der Dienstpflicht für alle. Männer und Frauen, ein Jahr Minimum.“ Nur so entstehe gesamtstaatliche Resilienz. „Dann wird ein verteidigungsfähiger Staat draus.“
Badia macht noch etwas anderes klar: „Wenn Sicherheit nicht gegeben ist – die Sicherheit für staatliches Handeln, für unsere Demokratie –, dann muss ich mir über eine Rentenerhöhung auch keine Gedanken mehr machen.“
Zehn Billionen Euro, die nutzlos herumliegen
Hagen Schremmer sieht noch ein Ass im Ärmel. Ein Hoffnungsträger, der nichts mit Panzern zu tun hat, aber alles mit Europas wirtschaftlicher Zukunft.
„Dass private Altersvorsorge kapitalmarktbasiert sein sollte – um unsere demografischen Herausforderungen zu unterstützen –, das kann ein Befreiungsschlag sein“, sagt er. „Das wirtschaftliche Wissen würde damit automatisch wachsen, wenn sich jeder damit auseinandersetzt.“
Und weiter: „Wir sprechen über zehn Billionen Euro an Geldern, die nicht am Kapitalmarkt, sondern im Festgeldbereich liegen. Es sind unglaubliche Beträge.“
Zehn Billionen. Das ist mehr als das Doppelte des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Geld, das vor sich hin schlummert, statt in europäische Autonomie, Innovation und Resilienz zu fließen.
„Wenn wir das in Europa investiert bekommen“, sagt Schremmer, „kann das wirtschaftlich noch mal etwas ganz anderes heben.“ Es geht dabei nicht nur um Rendite. Es geht um die Frage, ob Europa die Kraft hat, seine eigene Zukunft zu finanzieren.

