Start-ups der Insurtech-Branche wollen mit neuen Technologien die Geschäftsmodelle der Versicherungsbranche verändern. Aber wie soll die Assekuranz der Zukunft konkret aussehen? Um diese Frage drehte sich alles beim inzwischen fünften Hamburg Insurance Innovation Day (HIID).
Eröffnet wurde die Tagung in der Handelskammer Hamburg von Eberhard Sautter, Vorstandsvorsitzender des Vereins Finanzplatz Hamburg und der Hansemerkur Versicherungsgruppe. Veranstalter war erneut das Institut für Transformation und Weiterbildung in der Assekuranz (ITW), ein Spin-Off der Hamburg School of Business Administration (HSBA). Moderator war Florian Elert, Professor für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Leiter des Bachelor-Studiengangs Versicherungsmanagement.
Generative KI bei Versicherern und Versicherungsmaklern
Den etwa 300 Fachbesuchern des HIID 2024 am Dienstag präsentierten sich insgesamt 15 junge Unternehmen. Dabei stellten sie unter anderem ihre unkonventionellen Ansätze im Bestandsmanagement von Policen und Potenziale von Cloud-Computing für den Finanzsektor vor. Außerdem ging es um praxistaugliche Einsatzmöglichkeiten von Erkenntnissen aus der Verhaltensökonomik für die Zukunft des Geschäfts mit sogenannten Embedded-Insurance-Policen und im Management des Omnikanal-Vertriebs. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten Potenziale von Generativer Künstlicher Intelligenz für die Serviceprozesse bei Anbietern und Maklern von Versicherungen in Deutschland sowie Mittel gegen den Fachkräftemangel, der zunehmend auch in der deutschen Assekuranz droht.
Telematik-Tarife für verlustträchtige Kfz-Versicherungen
In den Keynotes ging Klaus-Jürgen Heitmann, Vorstandssprecher der Huk-Coburg-Gruppe, auf Entwicklungen im Themenfeld Mobilität ein. Die deutschen Kfz-Versicherer werden in diesem Jahr voraussichtlich einen Verlust von bis zu zwei Milliarden Euro machen, erwartet der Gesamtverband der Versicherer GDV. Als Hoffnungsschimmer in der aktuellen Krise vieler Anbieter in der aktuell verlustträchtigen Kfz-Sparte erscheinen laut Heitmann einerseits Telematik-Tarife, die ein verkehrssicheres Fahrverhalten belohnen. Andererseits werden parametrische Policen immer wichtiger, um die steigenden Klimarisiken abzusichern. Denn sie werden unabhängig von konkreten Schäden beim Eintritt bestimmter Messgrößen fällig – wie beispielsweise spezifische (Un-)Wetterdaten.
Über „Innovation in einem Versicherungskonzern – Balance zwischen Kerngeschäft und Zukunftstrends“ sprach anschließend Alexander Bockelmann, IT-Chef des Baloise-Konzerns. Das mit ihrer finanziellen Hilfe vor sieben Jahren gegründete Insurtech-Unternehmen Friday aus Berlin brachte zum Marktstart die erste Autoversicherung hierzulande heraus, bei der Kunden pro gefahrenen Kilometer zahlen. Der digitale Versicherer hat nach eigenen Angaben aktuell zwar die Schwelle von 250.000 Verträgen geknackt, ist aber weiter ein Verlustbringer. Baloise setzt zwar weiterhin auf Kfz-Policen, will aber auch mit Service-Angeboten für Autofahrer wachsen, die kooperierende Dienstleister ausführen. Denn: „Versicherungen machen nur 10 Prozent aller Ausgaben im Mobility-Markt aus“, erklärt Bockelmann.
Versicherer Baloise wirbt in Computerspiel für sich
„Wir haben uns daher gefragt: Wie kommen wir an die anderen 90 Prozent heran?“, so Bockelmann weiter. Die Antwort fiel überraschend unkonventionell für die deutsche Assekuranz aus: Zu Jahresbeginn eröffnete die Baloise als jugendnahe „Lernreise“ zeitweise eine virtuelle Generalagentur im Videospiel Grand Theft Auto V, berichtet der IT-Chef. Als In-Game-Produkte bot man bei der PR-Aktion unter anderem Haftpflicht- und Vollkasko-Tarife an – sowie eine Rechtsschutzversicherung, welche die Haftzeiten im Spiel senkt. „Das ist wichtig, denn Grand Theft Auto spielt in einem bestimmten Metier“, scherzte er zur Belustigung seiner Zuschauer auf der HIID-Bühne. „Das hat uns zwar nicht viel Geld gekostet, hat uns aber eine Welle von 150 Presseartikeln beschert, mit der wir nicht gerechnet hatten.“
Zudem verzeichnete die Baloise nach eigenen Angaben insgesamt etwa 18 Millionen Kontakte mit ihrem Auftritt in dem Computerspiel. In den neuen Medien sind viele digitale Lifestyle-Brands besser aufgestellt als die meisten Traditionsunternehmen der Versicherungsbranche. Was die bisherigen Platzhirsche insbesondere zur sogenannten Customer Journey lernen könnten – also vom ersten Interesse bis zum finalen Abschluss – erklärte Joséphine Chamoulaud, Chefin des Online-Versicherers Smile Insurance. Sie beteiligte sich anschließend auch an einer Podiumsdiskussion zur „Zukunft des Geschäftsmodells Versicherung“. Moderiert von HSBA-Professor Elert stritten dort auch Dirk Weske vom Vorstand des Hamburger Beratungs- und Softwarehauses PPI.
Zudem verzeichnete die Baloise nach eigenen Angaben insgesamt etwa 18 Millionen Kontakte mit ihrem Auftritt in dem Computerspiel. In den neuen Medien sind viele digitale Lifestyle-Brands besser aufgestellt als die meisten Traditionsunternehmen der Versicherungsbranche. Was die bisherigen Platzhirsche insbesondere zur sogenannten Customer Journey lernen könnten – also vom ersten Interesse bis zum finalen Abschluss – erklärte Joséphine Chamoulaud, Chefin des Online-Versicherers Smile Insurance. Sie beteiligte sich anschließend auch an einer Podiumsdiskussion zur „Zukunft des Geschäftsmodells Versicherung“. Moderiert von HSBA-Professor Elert stritten dort auch Dirk Weske vom Vorstand des Hamburger Beratungs- und Softwarehauses PPI.
Große Versicherer können von kleinen Insurtechs lernen
Weske bemerkt bei vielen deutschen Verbrauchern eine besonders kurze Aufmerksamkeitsspanne. „Es ist eine Kunst, die Kunden bis zum finalen Abschluss zu motivieren.“ Das größte Problem im Vertrieb ist demnach eine hohe Abbrecherquote. „Das birgt großes Potenzial, vorerst abgesprungene Kunden wiederzuholen“, meint Weske. „Das funktioniert heute aber nur noch mit digitalen Prozessen, damit man sich dabei nicht verzettelt.“ Denn die laufend sinkende Zahl deutscher Versicherungsvermittler muss mit der Betreuung von immer mehr Kunden rechnen. Als „Schlüssel, damit Vermittler erfolgreich am Markt agieren können“, sieht Weske kleine Helferlein auf Basis von Künstlicher Intelligenz (KI). Dass eine große KI-Revolution bislang ausgeblieben ist, sei ernüchternd.
Ebenfalls auf dem HIID-Podium saßen Evi Popp und Eric Bussert. Sie leiten in den Chefetagen der Versicherer Neue Leben aus dem Talanx-Konzern beziehungsweise Hansemerkur jeweils den Vertrieb. Während Popp nach eigenen Angaben einen Trend von der Ausschließlichkeitsorganisation (AO) hin zum Status Mehrfachagent sieht, widerspricht Bussert diesem Befund: „Ich beobachte keine große Verschiebung im Markt. Die AO hat glänzende Aussichten, wenn sie KI nutzen kann.“ Zukünftig müsse sich der Vertrieb auch auf immer besser informierte Verbraucher einstellen: „Kaum ein Kunde hat sich vor dem Beratungsgespräch nicht bei Check24 eingelesen.“ Daher sei es wichtig, bei den großen Vergleichsportalen gut gerankt zu sein. Doch auch in zehn Jahren werde es noch persönlichen Service geben, der etwa 50 Prozent der Beratung ausmache, erwartet Popp.

