Eine aktuelle Studie offenbart eine Diskrepanz in der Asset-Management-Branche: Während 88 Prozent der Vermögensverwalter Fonds mit ESG-Label auflegen, haben gerade einmal 19 Prozent ihre Bonuszahlungen an Nachhaltigkeitsziele gekoppelt. Die Personalberatung Dr. Schannath Executive Search befragte für die Untersuchung 193 Führungskräfte aus dem DACH-Raum.
Die Zahlen verdeutlichen eine klare Zurückhaltung: 81 Prozent der Asset Manager und 84 Prozent der institutionellen Investoren verzichten vollständig auf ESG-abhängige Vergütungskomponenten. Selbst dort, wo solche Systeme existieren, bleibt ihr Gewicht marginal – bei 99 Prozent der betroffenen Häuser macht der ESG-Anteil maximal 20 Prozent der variablen Vergütung aus.
Umwelt vor Sozialem
Besonders auffällig ist die einseitige Fokussierung innerhalb der ESG-Kriterien. Während Umweltziele in 68 Prozent der bestehenden Bonussysteme berücksichtigt werden, finden soziale Aspekte nur bei der Hälfte der Asset Manager Eingang in die Vergütung. Governance-Kriterien liegen mit 64 Prozent dazwischen. „Dies führt zu einem deutlichen Say-Do-Gap“, kritisiert Heinz Schannath, Inhaber der gleichnamigen Personalberatung.
Die Zurückhaltung gegenüber ESG-Pay zeigt sich auch in der grundsätzlichen Haltung der Branche. Nur ein Drittel der befragten Asset Manager steht dem Konzept grundsätzlich positiv gegenüber, wobei viele die Umsetzung als schwierig erachten. 42 Prozent äußern sich negativ, ein Viertel bleibt neutral.
Skepsis bei Sanktionsmechanismen
Noch deutlicher wird die Distanz bei der Frage nach Rückforderungsregeln. 36 Prozent der Asset Manager lehnen sogenannte Claw-Back-Mechanismen grundsätzlich ab, weitere 62 Prozent würden sie nur bei eindeutigen Verfehlungen akzeptieren. Lediglich 2 Prozent befürworten vollumfängliche Rückforderungsregeln.
Die Einschätzung der Performance-Relevanz von ESG-Faktoren spiegelt diese Skepsis wider. Fast die Hälfte der Asset Manager (48 Prozent) sieht ESG eher als Begleitfaktor denn als zentralen Performance-Treiber. Ein gutes Drittel (37 Prozent) erkennt gar keinen Zusammenhang oder sieht Mess- und Zurechnungsprobleme.
Das Investor-Paradox
Auffällig ist eine Asymmetrie in der Wahrnehmung institutioneller Investoren: Während 42 Prozent ESG-abhängige Vergütungskomponenten für sich selbst ablehnen, tun dies nur 20 Prozent mit Blick auf externe Asset Manager. Diese Diskrepanz deutet auf einen doppelten Standard hin, der die Glaubwürdigkeit der ESG-Agenda untergräbt.
„Solange Nachhaltigkeitsziele in den Bonusplänen nur eine Nebenrolle spielen, bleibt der Anreiz zur konsequenten Verankerung von ESG im Investmentprozess schwach“, resümiert Schannath. Die Branche müsse höhere ESG-Gewichte, klar messbare Kennzahlen und symmetrische Sanktionsmechanismen verankern.
Langfristige Perspektive gefordert
Immerhin herrscht Einigkeit über den zeitlichen Horizont: 82 Prozent der Asset Manager betrachten ESG-Ziele als am wirkungsvollsten über einen mittel- bis langfristigen Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Eine rein kurzfristige Perspektive findet kaum Unterstützung.
Die Studienergebnisse zeigen, dass die ESG-Transformation in der Asset-Management-Branche noch am Anfang steht. Solange variable Vergütung nicht konsequent an Nachhaltigkeitsziele gekoppelt wird, bleiben entsprechende Ankündigungen der Branche weitgehend unverbindlich. Erst wenn Fehlverhalten sanktioniert und nachhaltiges Handeln finanziell belohnt wird, könnte sich die Transformation zu nachhaltigeren Portfolios spürbar beschleunigen.





