Helmut Knestel

Helmut Knestel

Helmut Knestel: „Erst der Schmerz, dann das Geld“

//
Derzeit durchlaufen wir ein Börsen-Jojo, wie wir es sonst nur in stark überbewerteten Märkten kurz vor der Trendumkehr erleben. Ähnlich war es bei der Internetblase im Jahr 2000 oder während der Russland-/Asienkrise 1998. Damals schien auch die Welt unterzugehen, weil ein „Peripherie“-Land nach dem anderen wie ein Dominostein umzukippen drohte. Damals wie heute lief die deutsche Wirtschaft gut. Die Bewertungen waren vernünftig, der Zinssatz für zehnjährige Anleihen niedrig, und das Börsengeschehen schien eher von politischen als von Unternehmensfaktoren geprägt. Unmittelbar darauf folgte ein immenser Boom, und viele Anleger, die es in der Krise zuvor hart getroffen hatte, rannten später den Höchstkursen hinterher. Anfang 2000 stand die Rendite der deutschen Zehnjährigen bereits wieder bei 5,5 Prozent und der DAX bei gut 8.000 Punkten. Auf die richtige Bewertung kommt es an Zurück zur Bewertung: Nach Schätzungen der LBBW kommen die DAX-Werte im Jahr 2011 voraussichtlich auf einen kumulierten Gewinn von 620 Punkten. Dies macht bei rund 7.150 Punkten ein KGV von etwa 11,7. Deutsche zehnjährige Bundesanleihen kommen bei einer Rendite von 2,6 Prozent auf ein 38er KGV, das heißt man benötigt an die 38 Jahre um die Investition (vor Steuern) über die Zinszahlungen einzuspielen – oder anders gesagt, genauso lange um das Kapital zu verdoppeln. Es ist kaum denkbar, dass damit ein inflationsgeschützter Vermögenserhalt möglich ist. Für alle mehr oder weniger Fußballambitionierten gibt es hierzu ein plastisches Beispiel: 1982, also vor knapp 30 Jahren, zahlte der FC Bayern laut Wikipedia für einen der damals besten europäischen Torhüter (Jean-Marie Pfaff) rund 1 Million DM Ablöse – also rund 0,5 Millionen Euro. Manuel Neuer kostete vor wenigen Monaten 25 Millionen Euro Ablöse – also das 50-fache. Der DAX notierte 1982 bei rund 500 Punkten. Hochgerechnet in „Fußballwährung“ müsste er jetzt bei 25.000 Punkten stehen. Wenn wir nun davon ausgehen, dass Herr Hoeneß in der aktuellen „Fußball-Hausse“ das Doppelte des fairen Werts bezahlen musste oder – umgekehrt – Jean-Marie Pfaff damals ein echtes Schnäppchen war und eigentlich das Doppelte wert gewesen wäre, dann könnte der DAX immer noch bei 12.500 stehen. Aktien bieten Chancen Auf jeden Fall sollte der DAX mit geringeren Risikoabschlägen als ein einzelner Fußballer auskommen, zumal die Einsatzfähigkeit von Neuer, Ribery, Robben & Co mit deutlich mehr Fragezeichen versehen ist, als die der personell doch etwas breiter aufgestellten DAX-Werte von Allianz, Siemens oder VW. Dieser nicht ganz ernst gemeinte Vergleich soll eines zeigen: Der DAX wäre historisch und auch relativ zu anderen „Anlageklassen“ selbst bei 8.000 oder 10.000 Punkten nicht teuer. Außerdem bietet die Anlageklasse Aktie nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Wer nämlich 1982 zu 500 ein paar DAX-Titel erwarb, den interessieren die aktuellen Schwankungen schon allein deswegen kaum, weil er seinen Kapitaleinsatz längst über Dividenden zurückerhalten hat. Ferner verdeutlicht das Fußball-Beispiel, dass die Bewertung der Aktienmärkte langfristig weniger von der Politik als vielmehr von der Unternehmens-, also Gewinnsituation abhängt. Angesichts eines globalen Wachstums von 4,4 Prozent für 2011 und 4,2 Prozent für 2012 sollte der Exportweltmeister Deutschland nicht nur danach bewertet werden, ob es Eurobonds gibt oder nicht oder ob die Amerikaner nun die Schuldengrenze heute oder „erst“ nächste Woche heraufsetzen bzw. vielleicht auch ganz abschaffen. Die einzige Chance aller Schuldenstaaten überhaupt, die aufgetürmten Schulden noch „bedienbar“ zu halten, ist eine Inflationierung. Dadurch steigen die Steuereinnahmen, während die Verzinsung ihrer z.B. dreißigjährigen Staatsanleihen (Idealfall für den Staat bei steigender Inflation) gleich bleiben. Erst der Schmerz, dann das Geld Die aktuelle Herausforderung liegt darin, die enormen Schwankungen auszuhalten und sich vom politischen Dauerstörfeuer nicht ganz den Blick aufs Wesentliche und Langfristige vernebeln zu lassen. Im August könnten die Anleger sicher noch mal auf die Probe gestellt werden, da die bisher stützenden Nachrichten der Berichtssaison mit überragenden Zahlen von Apple, Boeing, Google, IBM und Co. dann rarer und im medialen Sommerloch möglicherweise komplett von „politischen Nachrichten“ überdeckt werden. In diesem Fall droht uns erneut, wie schon 2010, ein „heißer“ und volatiler Börsensommer. Auch im letzten Jahr wurde der Großteil der Jahresperformance im letzten Quartal eingefahren, sofern man noch dabei war. Vielen Spekulanten und trend- bzw. modellgesteuerten Investoren ging in dieser Phase des letzten Jahres ob der enormen Schwankungen vorher die Luft aus. Sie wurden ausgestoppt bzw. kamen mit ihrem Einstieg viel zu spät. Dies könnte in diesem Jahr sehr ähnlich verlaufen. Getreu Kostolanys Motto „Wer die Aktien nicht hat, wenn sie fallen, der hat sie auch nicht, wenn sie steigen“ muss man die Zähne wohl noch für einige Wochen zusammenbeißen. Bekanntlich kommt erst der Schmerz und dann das Geld. Wenn es danach geht, müsste das Schmerzensgeld zum Jahresende 2011 besonders üppig ausfallen. Helmut Knestel ist Portfoliomanager der vier Multi-Asset-Fonds des unabhängigen Finanzdienstleisters GECAM AG. Der GECAM-Marktkommentar erscheint monatlich.

Mehr zum Thema