Seit 1862 ist der Schweizer Großversicherer Helvetia in Deutschland aktiv. Diese Ära könnte nun zu Ende gehen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) aktuell berichtet. Entsprechende Pläne waren bereits im Januar publik geworden. Der einst hochattraktive und profitable Markt nördlich der Alpen wird für eidgenössische Versicherer zunehmend zu einem problematischen Geschäftsfeld. Auch die Baloise steht unter Druck ihrer Großaktionäre.
Helvetia im fortgeschrittenen Verkaufsprozess
Laut des Berichts sucht die Helvetia einen Käufer für ihre deutschen Geschäftseinheiten. Dahinter steckt ein beachtliches Geschäftsvolumen: Es geht um zwei Tochtergesellschaften – die Helvetia Versicherung und die Helvetia Lebensversicherung – sowie eine Niederlassung mit insgesamt 800 Mitarbeitern. Die Gesamtprämieneinnahmen belaufen sich auf rund eine Milliarde Euro.
In den vergangenen Wochen soll die Helvetia bereits unverbindliche Angebote von mehreren potenziellen Käufern erhalten haben. Diese basierten auf einer Unternehmenspräsentation, die gemeinsam mit Investmentbankern erstellt worden sei. Nach Darstellung der „SZ“ schreitet der Verkaufsprozess zügig voran: So soll in den kommenden Tagen der Versicherer ausgewählten Interessenten Zugang zu einem digitalen Datenraum gewähren, in dem sie Einblick in die internen Unternehmensdaten erhalten können. Auf dieser Grundlage sollen dann verbindliche Kaufangebote abgegeben werden.
Ein Helvetia-Sprecher wollte laut Bericht diese Informationen auf Anfrage nicht kommentieren und verwies darauf, dass man sich zu Gerüchten grundsätzlich nicht äußere. Woher die Informationen stammen, geht aus der Medien-Veröffentlichung derweil nicht hervor. Aufgekommen war das Thema Anfang des Jahres durch einen Bericht der Nachrichtenagentur „Bloomberg“.
Magere Gewinne im Deutschlandgeschäft
Was die Hintergründe angeht, verweist der Bericht auf nur „magere Gewinne“, die die deutsche Helvetia-Gruppe an den Schweizer Mutterkonzern abliefert. Zudem kämpfe man mit einer kostspieligen IT-Umstellung.
Der seit Ende 2023 amtierende Konzernchef Fabian Rupprecht hat dem Schweizer Versicherer laut „SZ“ bereits ein Programm zur Gewinnsteigerung und Erhöhung der Dividenden verordnet. Dazu gehört laut der vormaligen Medienberichte auch ein konzernweiter Stellenabbau von 500 der rund 14.000 Arbeitsplätze. Rupprecht steht offenbar unter erheblichem Druck seitens der Aktionäre.
In einem Interview mit der Schweizer Handelszeitung sagte er vor einigen Tagen, dass das Deutschlandgeschäft der Helvetia profitabel sei. Zur Frage nach den Verkaufsgerüchten äußerte er sich indes nicht. Tatsächlich zeigen die 2023-Geschäftszahlen für den deutschen Markt eine problematische Entwicklung. Im Nichtleben-Geschäft wiesen die deutschen Helvetia-Gesellschaften Verluste aus. In der Lebensversicherung sank der Jahresüberschuss 2023 von 1,9 Millionen Euro im Vorjahr auf 900.000 Euro. Die gebuchten Bruttobeitragseinnahmen sanken um knapp elf Prozent auf 283,0 Millionen Euro.
Hohe Kosten für Kunden
Als Problem für die Versicherungsnehmer erweise sich, dass die Helvetia ein vergleichsweise teurer Anbieter ist. Die Abschlusskostenquote der Helvetia Leben – hauptsächlich Provisionen für Vermittler – liegt mit 5,6 Prozent deutlich über dem Marktdurchschnitt von 4,5 Prozent. Das bedeutet konkret: Helvetia-Kunden müssen 5,6 Prozent aller Prämien, die sie über die gesamte Vertragslaufzeit von oft 20 oder 30 Jahren zahlen sollen, allein für den Vertragsabschluss aufbringen.
Hinzu kommen laufende Verwaltungskosten in Höhe von 4,7 Prozent – fast doppelt so hoch wie der Marktdurchschnitt von 2,5 Prozent. Diese Kostenstruktur macht laut „SZ“-Artikel es für die Helvetia schwer, im Wettbewerb zu bestehen und gleichzeitig attraktive Renditen für die Aktionäre zu erwirtschaften.
Baloise unter Druck von Großaktionär Cevian
Auch bei der Baloise, die früher unter dem Namen Basler in Deutschland tätig war, gibt es laut des Medienberichts Überlegungen zum Marktaustritt. Treibende Kraft sei hier der schwedische Investmentfonds Cevian, der mit 9,4 Prozent größter Aktionär des Unternehmens ist. Cevian-Chef Lars Förberg, nach „SZ“-Darstellung bekannt für sein aktives Eingreifen in die Geschäftspolitik von Unternehmen, fordere seit Monaten den Rückzug aus Deutschland.
Förberg begründete seine Position in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ überdeutlich: Das Geschäft in Deutschland sei „einfach nicht erfolgreich und werde es wohl auch nie sein“. Das Unternehmen solle sich auf sein Kerngeschäft in der Schweiz konzentrieren. Die Profitabilität liegt laut Förberg 50 Prozent unter dem Branchendurchschnitt. Die von der Konzernführung im Herbst 2024 vorgestellte strategische Planung reiche bei weitem nicht, um die Baloise in ein Spitzenunternehmen zu verwandeln.
Konzernmutter in der Schweiz dementiert
Nach einem aktuellen Bericht des Fachmagazins „Procontra“ dementierte die Baloise die Gerüchte mittlerweile. Ein Schweizer Unternehmenssprecher sagte: „Wir überprüfen unsere Portfolien kontinuierlich, aber wir arbeiten nicht am Rückzug aus Deutschland.“ Zu den Äußerungen von Förberg erklärte er, dass man mit vielen Investoren kontinuierlich im direkten, konstruktiven Austausch stehe und seitens der Baloise Holding sogar ein Vertreter von Cevian zur Wahl an der Generalversammlung vorgeschlagen wurde. (Nachtrag: 26.2.)
Unattraktive Marktbedingungen für mittelgroße Versicherer
So oder so: Immer offensichtlicher wird, dass der deutsche Versicherungsmarkt aus Investorensicht zunehmend kritisch gesehen wird. Für Branchenriesen wie die Allianz und Munich Re bleibt das Geschäft hochprofitabel, so zumindest die Analyse der „SZ“. Für mittelgroße und kleinere Versicherer stelle sich die Situation jedoch anders dar. Eine Entwicklung, die sich im Markt auch in den zunehmenden Fusionen abbildet.
Im Bereich der Lebensversicherung schrumpft der Markt, während die Kunden gleichzeitig einen vergleichsweise hohen Anteil an den erwirtschafteten Gewinnen erhalten, heißt es dazu weiter..
In der Schadenversicherung wiederum hätten Naturkatastrophen wie das Ahr-Hochwasser und erhebliche Verluste in der Autoversicherung die Bilanzen vieler Versicherer belastet. Zusätzlich erschwerten der hohe Investitionsbedarf für notwendige IT-Modernisierungen und die sehr aktive Aufsichtsbehörde Bafin das Geschäft.

