Drei Minuten vor der Mittagspause, die Besucher liefen schon aus dem Saal – dann der Schock: „Ach, übrigens ... Ich trete zurück.“ Warren Buffetts spontane Rücktrittsankündigung bei der jüngsten Berkshire-Hathaway-Hauptversammlung habe die rund 40.000 Teilnehmer wie ein „kalter Hauch“ erfasst, erinnert sich Hendrik Leber. Für den Gründer von Acatis markierte dieser Moment im vergangenen Mai das Ende einer Ära: „Ein Fixstern geht vom Himmel“, sagt der Frankfurter Fondsmanager, der sich den Value-Investor Buffett zum Vorbild genommen hat, dessen Ansatz jedoch weiterinterpretiert.
Bei einer Diskussionsrunde in den Hamburger Verlagsräumen von DAS INVESTMENT analysierte Leber gemeinsam mit Carsten Mumm (Donner & Reuschel) und Johannes Hirsch (Antea) die Folgen von Buffetts Abschied und die Zukunft des Value-Investings. Und nicht nur das: Im Gespräch äußerte sich Leber auch zu den Herausforderungen und Chancen moderner Kapitalanlage – von der Weiterentwicklung klassischer Value-Prinzipien über geopolitische Verwerfungen bis hin zu künstlicher Intelligenz und Blockchain-Technologie. Die Sicht des Profi-Investors in zehn Thesen.
1. Hendrik Leber über Warren Buffett
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Ein Fixstern geht vom Himmel. So eine moralische Orientierungsgröße, wo man immer wusste, wenn er das sagt, da ist etwas dran. Oder im Zweifel: Was er zu sagen hat, ist in der Richtung richtig. Diese Orientierungsgröße gibt es nicht mehr am Kapitalmarkt.
Für Leber markiert Buffetts Rücktritt das Ende einer Ära. Der Berkshire-Hathaway-Chef sei nicht nur ein erfolgreicher Investor, sondern auch moralischer Kompass für den gesamten Kapitalmarkt. Buffetts spontane Ankündigung, als Berkshire-Hathaway-Chef zurückzutreten - nur drei nahestehende Personen wussten vorab Bescheid - habe in Omaha zu minutenlangem Beifall geführt („Wie bei einem Popkonzert“). Leber selbst habe das „die Kehle zugeschnürt“, er war bereits zum 28. Mal in Omaha dabei: „Es war ein schwerer Moment, aber er musste kommen.“
Ob Buffett im kommenden Jahr trotzdem wieder auf der Berkshire-HV auf dem Podium sitzt? „Wenn er klug ist, hält er sich ganz zurück“, meint Buffett-Fan Leber.
2. Hendrik Leber über Value-Investing
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Value heißt Gegenwert fürs Geld.
Als Urvater der wissenschaftlichen Aktienanalyse und des Value-Investing gilt Benjamin Graham, Warren Buffett entwickelte dessen Ansatz weiter. Leber kritisiert allerdings Buffetts verpasste Chancen bei Tech-Titeln wie Microsoft, Amazon oder Google. Obwohl Buffett diese Unternehmen und deren Gründer persönlich kannte, investierte er nicht - ein klassischer „Error of Omission“.
Für Leber war diese Erkenntnis der Startschuss, sich die Internet-Ökonomie zu erschließen. Seine These: Viele Technologie-Unternehmen entsprechen eigentlich perfekt Buffetts Anforderungen an Burggraben-Geschäfte. Buffett selbst wagte den Schwenk erst 2016: Da stieg er bei Apple ein.
3. Hendrik Leber über emotionale Disziplin beim Anlegen
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Wenn Mr. Market unermüdlich kommt und manisch depressiv ist, sollte man sich nicht zum Sklaven seiner Stimmung machen. Nicht die Märkte bestimmen, was du denken oder tun solltest, sondern dein persönliches Bild von dem, was du vor dir hast.
Das berühmte „Mr. Market“-Gleichnis von Benjamin Graham ist für Leber ein zentrales Bild. Der Markt platzt täglich wie ein manisch-depressiver Geschäftspartner zur Tür herein und macht teils irrationale Angebote. Erfolgreiche Investoren lassen sich von diesen Stimmungsschwankungen nicht treiben, sondern behalten ihre fundamentale Einschätzung eines Wertes bei, findet Leber. Er sagt: „Wenn der Preis dann in Ordnung ist, kann man zuschlagen. Das ist für mich einer der zentralen Sätze.“
4. Hendrik Leber über antizyklisches Investieren
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'Greedy When Others Are Fearful', also in der Krise richtig einzukaufen – das ist eine Freude. Schwierig ist der andere Part, 'Fearful When Others are Greedy'. Dann sieht man aus wie ein Idiot.
Das berühmte Buffett-Zitat hat zwei Seiten, findet Leber: In Krisen zu kaufen werde belohnt. Viel schwieriger sei es, sich in Euphorie-Phasen zurückzuhalten, während alle anderen Geld verdienen. Zumindest kurzfristig. Leber betont die psychologischen Herausforderungen des antizyklischen Investierens – besonders unter dem Druck von Kunden, Medien und Wettbewerb, denen oft eine langfristige Perspektive fehlte.
5. Hendrik Leber über die Ära Trump
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Wir haben an Donald Trumps Liberation Day im Team Buchrückentexte geschrieben. Wir wollten mögliche Szenarien kurz zusammenfassen: Was geht schnell wieder vorbei, was bleibt dauerhaft?
Leber begegnet der Unsicherheit der Trump-Ära mit Kreativ-Techniken. Gemeinsam mit seinem Team schreibt er nicht nur „Buchrückentexte“ für das erste Trump-Jahr, sondern mitunter auch ein fiktives Filmskript („Wie Thomas Middelhoff zu Karstadt kommt“). Diese Methode helfe, verschiedene Zukunftsverläufe zu durchdenken, meint er.
Besonders kritisch sieht Leber übrigens Trumps Eingriffe in die Unabhängigkeit der US-Notenbank: „Das ist ein echtes Problem und Trump hat null Ahnung, woran er da gerade herumspielt.“ Während die Aktienmärkte sich immer wieder berappelten, seien die Anleihenmärkte anfälliger.
Krude Ideen, wie etwa die, US-Staatsanleihen ausländischer Gläubiger in 100-jährige Laufzeiten umzuwandeln - mit minimalen oder ohne Zinsen - seien sehr schädlich: „Dann wandern alle Geldgeber ab und es gibt einen Dollar- und Vertrauenscrash, der brutal sein könnte“, ist Leber überzeugt.