Die Krypto-Rally des Sommers ist abrupt an die Wand der unbarmherzigen Makro-Realität geprallt. In der ersten Novemberwoche 2025 erlebt der Kryptomarkt einen scharfen Stimmungsumschwung – geprägt von extremer Volatilität, abrupten Kursrückgängen und wachsender Nervosität unter Anlegern. Das zeigen die Kurse der beiden beliebtesten Kryptowährungen: Bitcoin verlor zu Wochenbeginn rund 5 Prozent an Wert, Ethereum sogar 10 Prozent. Noch im Oktober hatten sie neue Jahreshochs erreicht. Die Folge: ein Kursrutsch, der selbst erfahrene Marktteilnehmer überrascht hat. Warum kam es dazu?

Makroökonomischer Druck: Die Fed als Unsicherheitsfaktor

Im Zentrum der Marktverwerfungen steht die Zinspolitik der US-Notenbank. Diese hatte zwar Ende Oktober die Leitzinsen zunächst gesenkt – eigentlich ein gutes Signal für Krypto. Doch wie es mit der Stimmung auf den Märkten eben so ist: Nach der Zinssenkung ist vor der nächsten Senkung. So warten Anleger immer noch gespannt auf die Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten, die maßgeblich über den weiteren geldpolitischen Kurs der Fed entscheiden dürften. Sollte der Arbeitsmarkt weiterhin robust bleiben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbank von einer weiteren Lockerung absieht – ein unangenehmes Signal für risikoreiche Anlageklassen wie Kryptowährungen.

Der Bitcoin-Preis in US-Dollar im Verlauf der letzten 30 Tage (Stand
 Der Bitcoin-Preis in US-Dollar im Verlauf der letzten 30 Tage (Stand: 4. November) | Bildquelle: TradingView

Gleichzeitig wirken geopolitische Spannungen, anhaltend hohe Staatsverschuldung und schwache globale Wachstumsdaten als zusätzlicher Belastungsfaktor. Grundsätzlich können geopolitische Spannungen und hohe Staatsverschuldung die Nachfrage nach alternativen Anlageklassen wie Kryptowährungen steigern, insbesondere, wenn Investoren einen Vertrauensverlust in traditionelle Finanzsysteme befürchten. In der aktuellen Marktsituation wirken diese Faktoren jedoch eher belastend: Krypto wird weiterhin als Risiko-Asset wahrgenommen, und in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit und restriktiver Geldpolitik fehlt vielen Anlegern die Liquidität und Risikobereitschaft, um in solche Anlagen zu investieren.

Liquidationslawine: Milliarden-Dollar-Verluste in Stunden

Zu diesen makroökonomischen Risiken gesellt sich ein technischer Katalysator: massive Massenliquidationen an den Futures-Märkten. Innerhalb von 24 Stunden wurden „Long-Positionen“ oder anders gesagt gehebelte Trades im Wert von über 1,2 Milliarden US-Dollar zwangsabgewickelt und das, als Investoren gehofft haben, mit Bitcoin Gewinne zu erzielen. Das ist die größte Liquidationswelle seit dem Sommer 2024. Dieser Dominoeffekt verstärkt den Abwärtstrend: fallende Preise lösen automatische Verkäufe aus, die wiederum den Kurs weiter drücken. In einem hochgehebelten Markt wie Krypto verstärkt sich diese Dynamik exponentiell. Der Marktmechanismus zeigt damit erneut, wie fragil die Balance zwischen Spekulation und Struktur ist – und wie schnell Momentum in Panik umschlagen kann.

Marktstimmung: Angst statt „Moonvember“

Der November – traditionell ein starker Monat für Bitcoin, oft mit Kursgewinnen von über 40 Prozent im historischen Mittel – steht dieses Jahr unter einem völlig anderen Vorzeichen. Der vielzitierte „Moonvember“ bleibt aus. Der Bitcoin Fear & Greed Index, der Emotionen der Anleger von gierig bis ängstlich quantifiziert, notiert auf einem Mehrmonatstief im Bereich „extreme Angst“ und deshalb aktuell bei 33 Punkten von möglichen 100. Langfristige Halter reduzieren ihre Bestände, während kurzfristige Trader auf volatile Rebounds setzen. Institutionelle Akteure halten sich vorerst zurück, da das Sentiment klar defensiv ist und die Märkte jedes makroökonomische Signal überreagiert verarbeiten.

Strukturelle Perspektive: Reifeprozess trotz Turbulenzen

Unter der Oberfläche zeigt sich jedoch ein anderes, weniger beachtetes Narrativ: die fortschreitende Reifung der Marktstruktur. Themen wie technologische Resilienz, regulatorische Klarheit und Dezentralisierung gewinnen weiter an Bedeutung. Für langfristig orientierte Marktteilnehmer bleibt Bitcoin damit ein strukturelles Asset – weniger als Spekulationsvehikel, sondern zunehmend als digitaler Wertspeicher im Kontext makroökonomischer Unsicherheit. Auch wenn kurzfristig Panik den Ton angibt, wird langfristig jene Infrastruktur gewinnen, die robuste und dezentrale Systeme bevorzugt.

Ausblick: Zwischen Risiko und Chance

Kurzfristig bleibt die Lage angespannt. Solange die Zins- und Arbeitsmarkterwartungen in den USA unklar sind, dürfte der Markt volatil bleiben. Sollte die Fed jedoch ein moderateres Signal senden oder die Arbeitsmarktdaten eine Abschwächung zeigen, könnte sich das Blatt rasch wenden. Eine technische Gegenbewegung – möglicherweise Richtung 110.000 US-Dollar bei Bitcoin – wäre dann realistisch.

Historisch betrachtet hat der November oft eine Trendwende eingeläutet, wenn der Markt zuvor überverkauft war. Ein mögliches Wiederaufleben der „Santa-Claus-Rally“ bleibt also ein Szenario – vor allem, wenn die Liquidationsdynamik abnimmt und neue Kapitalzuflüsse einsetzen.

Die aktuelle Marktphase ist weniger ein Bruch mit dem langfristigen Trend als eine Risikorekalibrierung in einem überhitzten Umfeld. Für Investoren und Marktbeobachter gilt jetzt: kühlen Kopf bewahren, Liquidität sichern und antizyklisch denken.

Zur Person

Darius Moukhtarzade
                               ist Research Strategist und neben Adrian Fritz Mitglied im Research-Team des Krypto-ETP-Emittenten 21 Shares.
Darius Moukhtarzadeh