Die Fondsbranche hat ein neues Lieblings-Schlagwort: aktive ETFs. Für die einen sind sie die logische Evolution des Investierens, für die anderen vor allem ein geschickter Marketingzyklus in einem gesättigten Markt. Doch wo verläuft die Grenze zwischen kurzfristigem Strohfeuer und echtem strukturellen Wandel?
Hermann Pfeifer, Leiter DACH-Vertrieb bei Invesco, blickt erfrischend pragmatisch auf das Phänomen. Im Interview räumt er mit dem alten Dogma „Aktiv versus Passiv“ auf, er erklärt, warum der ETF-Mantel eben doch nicht für jede Investmentidee taugt und weshalb die hohe Transparenz eine neue Generation von „verkleideten Indexfonds“ gnadenlos abstrafen wird. Ein Gespräch über Produktinflation, das feine Zusammenspiel von Liquidität und Struktur und die Frage, worauf Family Offices und institutionelle Investoren heute wirklich achten.
DAS INVESTMENT: Herr Pfeifer, aktive ETFs gelten derzeit als die große Wachstumsstory der Fondsbranche. Ist das tatsächlich ein struktureller Wandel oder erleben wir gerade vor allem einen Marketingzyklus?
Hermann Pfeifer: Wir sehen einen strukturellen Wandel - auch wenn wie in jeder Wachstumsphase ein gewisser Marketingüberhang dazugehört. Im Kern geht es darum, dass Investoren die Effizienz des ETF-Formats bewusst mit aktivem Risikomanagement und differenzierten Renditequellen kombinieren. Das ist global klar erkennbar und spricht gegen ein kurzfristiges Strohfeuer.
Invesco positioniert sich zunehmend als Anbieter aktiver ETF‑Lösungen. Warum glauben Sie, dass Investoren heute bereit sind, aktives Management im ETF‑Mantel neu zu bewerten?
Pfeifer: Weil sich das Marktumfeld verändert hat. In volatilen, fragmentierten Märkten reicht reines Beta oft nicht mehr aus, um Anlageziele zu erreichen. Gleichzeitig löst sich die klassische Trennung zwischen aktivem Management und ETF-Strukturen zunehmend auf. Entscheidend ist, dass beide Ansätze sinnvoll kombiniert werden können - vor allem wenn es um Risikosteuerung, Faktorallokation oder alternative Ertragsquellen geht. Gerade systematische Ansätze lassen sich in der ETF-Struktur besonders sauber umsetzen.
Lange galt der ETF‑Markt als Synonym für günstige Beta‑Produkte. Wird die Branche mit aktiven ETFs nun wieder komplexer, teurer und erklärungsbedürftiger?
Pfeifer: Die Produktlandschaft wird differenzierter, aber nicht automatisch komplexer. Aktive ETFs sind kein Selbstzweck. Sie müssen ihren Mehrwert klar beweisen - durch transparente Prozesse, nachvollziehbare Entscheidungslogiken und ein klares Nutzenversprechen. Was die Kosten betrifft, sehen wir weiterhin Effizienzvorteile gegenüber klassischen Fondsstrukturen.
Wo sehen Sie die größten Vorteile aktiver ETFs gegenüber klassischen Publikumsfonds, und wo liegen weiterhin klare Grenzen?
Pfeifer: Der größte Vorteil liegt in der Kombination aus täglicher Transparenz, Handelbarkeit und einem klar definierten Regelwerk. Das schafft Vertrauen und erhöht die Steuerbarkeit im Portfolio. Grenzen sehe ich dort, wo Strategien auf illiquide Märkte, stark diskretionäre Entscheidungen oder sehr geringe Umschichtungen angewiesen sind.
Nicht jede aktive Idee eignet sich für den ETF‑Mantel - und das ist auch sinnvoll. Gerade systematische Strategien zeigen hier eine besonders gute Passung. Eine Expertise, die wir seit Jahrzehnten aus Frankfurt heraus systematisch aufgebaut und kontinuierlich weiterentwickelt haben.
Viele aktive ETFs unterscheiden sich nur marginal von ihren Benchmarks. Droht hier eine neue Generation „verkleideter Indexfonds“?
Pfeifer: Die Gefahr besteht - und der Markt wird sie sehr schnell bestrafen. Investoren werden genau prüfen, ob sie echtes aktives Risikomanagement erhalten oder lediglich minimale Abweichungen vom Index. Die hohe Transparenz im ETF zwingt Anbieter zu echter Differenzierung. Wir sehen hier eine klar differenzierte Positionierung, insbesondere im Bereich systematischer Strategien.
Welche aktiven Strategien eignen sich Ihrer Meinung nach tatsächlich für den ETF‑Mantel und welche eben ausdrücklich nicht?
Pfeifer: Gut geeignet sind Strategien, die konsistent, regelbasiert und skalierbar sind - etwa Multi-Faktor-Ansätze auf quantitativer Basis. Schwieriger wird es bei hochkonzentrierten Stock-Picking-Strategien oder stark opportunistischen Mandaten. Entscheidend ist weniger die Idee als die Frage, ob sie sich konsistent und transparent umsetzen lässt.
Wie stark verändert der Boom aktiver ETFs aktuell die Margen‑ und Wettbewerbsstruktur im Asset Management?
Pfeifer: Der Wettbewerb verlagert sich deutlich, weg vom reinen Produktdesign hin zu Skalierung, Plattform und technologischer Umsetzung. Margen geraten unter Druck, während Effizienz und Skalierbarkeit entscheidend für die Profitabilität werden. Anbieter ohne klare strategische Positionierung werden es künftig schwer haben.
Invesco setzt strategisch stark auf ETFs und Private Markets. Besteht die Gefahr, dass traditionelle aktive Publikumsfonds dadurch intern an Bedeutung verlieren?
Pfeifer: ETFs gewinnen klar an Bedeutung, aber wir sehen keine Verdrängung, sondern eine funktionale Differenzierung. Je nach Strategie braucht es entweder Flexibilität oder Skalierbarkeit. Daraus ergibt sich die passende Struktur. Klassische Fonds bleiben insbesondere dort relevant, wo Diskretion entscheidend ist.
Gerade im institutionellen Bereich wird häufig kritisiert, dass aktive ETFs zwar liquide wirken, die zugrunde liegenden Strategien aber nicht immer dieselbe Liquidität besitzen. Wie begegnen Sie diesem Spannungsfeld?
Pfeifer: Liquidität ist einer der kritischsten Punkte bei aktiven ETFs und wird entsprechend eng gesteuert. Entscheidend ist die Konsistenz zwischen Underlying, Creation- und Redemption-Mechanik sowie dem Sekundärmarkt. Deshalb setzen wir klare Anforderungen an die Liquidität der investierbaren Märkte und arbeiten eng mit Market Makern zusammen.
Viele Häuser bringen derzeit nahezu im Wochentakt neue aktive ETFs an den Markt. Droht eine Produktinflation, die Anleger eher verwirrt als überzeugt?
Pfeifer: Kurzfristig ja, langfristig reguliert sich der Markt selbst. Nicht jedes Produkt wird bestehen bleiben. Anleger werden selektiver, Plattformen strenger und Vertriebspartner kritischer. Am Ende werden vor allem Produkte bestehen, die ein klar definiertes Problem lösen.
Was muss ein aktiver ETF heute konkret mitbringen, um bei Family Offices, Private Banks und institutionellen Investoren tatsächlich allokiert zu werden?
Pfeifer: Er braucht eine klare Rolle im Portfolio, einen nachvollziehbaren Leistungsnachweis - auch aus der Pre-ETF-Phase -, transparente Prozesse und einen klar erkennbaren Mehrwert gegenüber passiven Alternativen. Insbesondere systematische Strategien bringen hier strukturelle Vorteile mit.
Wenn wir in fünf Jahren auf den Markt schauen: Wird „aktiv versus passiv“ dann überhaupt noch die entscheidende Diskussion sein oder sprechen wir künftig eher über Zugang, Verpackung und Skalierbarkeit von Investmentlösungen?
Pfeifer: Die Trennung zwischen aktiv und passiv verliert bereits heute an Bedeutung. Entscheidend sind künftig Zugang, Effizienz und die Fähigkeit, Investmentideen sauber umzusetzen und zu skalieren. Letztlich gewinnt, wer Investmentideen effizient in die richtige Struktur bringt.
Über den Interviewten

verantwortet seit November 2025 als Head of Distribution DACH die strategische Wachstumsagenda von Invesco im deutschsprachigen Raum. Von Frankfurt am Main aus treibt er dabei insbesondere den Ausbau der ETF-Plattform sowie das Geschäft mit Private Markets voran. Pfeifer blickt auf mehr als 20 Jahre Erfahrung im institutionellen sowie Wholesale-Vertrieb zurück. Vor seinem Wechsel zu Invesco war er Country Head in den Diensten von J.P. Morgan Asset Management, wo er für das Geschäft in Deutschland, Österreich, Mittel- und Osteuropa sowie Griechenland zuständig war. Seine früheren Karrierestationen umfassen zudem langjährige Leitungsfunktionen bei Amundi, Lyxor Asset Management, Deutsche Bank und BNP Paribas.



