Herr Kater, wie kommen wir aus der Rezession?

DAS INVESTMENT fragte Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der Dekabank, wie man die Wirtschaft am Laufen hält und ob die Konjunkturprogramme der Regierung Wirkung zeigen werden

DAS INVESTMENT: Unternehmen, Banken und Verbraucher wollen kein Geld mehr ausgeben. Ohne Investitionen, Kredite und Konsum funktioniert aber keine Wirtschaft. Droht uns 2009 eine Weltwirtschaftskrise wie vor 80 Jahren?

Ulrich Kater: Was wir derzeit sehen, ist in der Tat keine normale Konjunkturschwankung. Zwei schwere Schocks treffen zusammen, die Immobilien- und die Finanzkrise. Es besteht darum die Gefahr, dass sich die normal absehbare Rezession verhärtet und Deflationserwartungen auftreten.

Wie 1930: Niemand konsumiert, weil alle damit rechnen, dass es noch viel billiger wird. Die sinkende Nachfrage drückt dann tatsächlich die Preise nach unten, eine Deflationsspirale.

Kater: Noch gibt es diese Erwartungen aber nicht, und ich glaube auch, dass wir gute Aussichten haben, sie zu vermeiden. Allerdings muss dafür etwas getan werden.

Und was?

Kater: Wir brauchen niedrige Zinsen und Konjunkturmaßnahmen. Genau das, was derzeit passiert.

In den 30er Jahren schrieb das Tiroler Städtchen Wörgl Geschichte. Um zu vermeiden, dass das Geld unter der Matratze landet, wurde eine Parallelwährung zum Schilling eingeführt. Das Horten lohnte sich nicht, weil sie pro Monat ein Prozent an Wert verlor. Wäre das nicht auch eine Lösung für Deutschland und Europa?

Kater: Nein, das halte ich für keine gute Lösung. Das ist ein zu tiefgreifender Eingriff in die Geldverfassung. Wir können nicht wieder von einer auf 27 Währungen gehen.

Der Euro würde ja weiter existieren. Der Staat müsste aber keine großen Konjunkturprogramme finanzieren und die Bürger dafür nicht die höheren Steuern zahlen.

Kater: Dennoch würde eine Parallelwährung nur vorübergehend und regional begrenzt Sinn machen. Auf Dauer würde dadurch die Sparbereitschaft zerstört. 

200 Milliarden Euro stark ist das von der EU-Kommission vorgeschlagene Konjunkturprogramm. Reicht das, um die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen?

Kater: Ja, das ist genug, um die Rezession zu bekämpfen.

Wird die Wirtschaft 2009 wachsen?

Kater: Nein, dafür ist die Konjunktur in der ersten Jahreshälfte zu schlecht. Insgesamt schrumpft die Euroland-Wirtschaft um etwa ein Prozent. Auch die USA werden zum ersten Mal seit 20 Jahren negative Wachstumsraten erleben. Wir sind eindeutig in einer schwierigen Phase, die erst einmal überbrückt werden muss. Das wird schon zwei bis drei Jahre dauern. Knapp zwei Jahre haben wir aber schon hinter uns.

Kein Land, kein Markt und kein Finanzinstitut soll künftig um eine angemessene Regulierung herumkommen, hieß es auf dem G20-Weltfinanzgipfel. Hedge-Fonds sollen stärker überwacht, die Eigenkapitalvorschriften verschärft werden, und Bankmanager sollen sich einem Verhaltenskodex unterwerfen. Hemmt das nicht mehr, als dass es fördert?

Kater: Ich sehe da bis jetzt noch keine Probleme für die künftige Kapitalmarktentwicklung. Schließlich geht es vor allem darum, mehr Transparenz zu schaffen. Und es ist auf jeden Fall ein Signal der Sicherheit an die Anleger.

Gerade Wachstumsbranchen wie die Umwelttechnologie brauchen aber doch unkomplizierte und risikofreudige Geldgeber. Werden Hedge-Fonds und Private-Equity-Firmen durch die Pläne nicht zu sehr benachteiligt?

Kater: Es darf auf keinen Fall dazu kommen, dass die positiven Eigenschaften dieser Produkte untergehen. Schließlich stellen sie Liquidität bereit und ermöglichen anderen, Risiken zu übertragen und abzusichern. Auf dem Gipfel wurden Arbeitsaufträge bis Ende März 2009 verteilt. Bis dahin müssen die Staaten das Maßnahmenpaket mit Leben füllen. Und erst dann werden wir mehr wissen.

Es gibt also noch viele Unsicherheiten. Wie reagieren Sie eigentlich mit Ihrem persönlichen Portfolio auf die Doppelkrise?

Kater: Ich freue mich über günstige Einstiegspreise. Schließlich investiere ich regelmäßig über Fondssparpläne breit gestreut in die Aktienmärkte. Nur den kleinen Teil meines Portfolios, den ich kurzfristig anlege, habe ich in Geldmarktfonds geparkt. Außerdem gönne ich mir einige wenige kurzfristige Marktwetten nach Prognosen aus unserem Research. Derzeit sind das Fonds mit Firmenanleihen.

Das Gespräch führte DAS-INVESTMENT-Redakteurin Astrid Lipsky

Wundervolle Parallelwelt

Als die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 30er Jahre die Tiroler Kleinstadt Wörgl erreicht, besinnt sich Bürgermeister Michael Unterguggenberger auf die Freigeld-Theorie des Ökonomen Silvio Gesell. Er lässt Arbeitswertbestätigungen drucken, die jeden Monat ein Prozent an Wert verlieren, solange sie sich in den Händen einer Person befinden. Durch das Aufkleben gebührenpflichtiger Marken kann der Wert wieder hergestellt werden. Und damit die Parallelwährung nicht gleich wieder in Schilling gewechselt wird, kostet der Umtausch 2 Prozent.

Im Juli 1932 beginnt die Gemeinde mit Bauvorhaben; die Arbeiter werden mit der Parallelwährung entlohnt. Sie kaufen in Wörgler Geschäften ein, diese bezahlen damit ihre Steuern an die Gemeindekasse, und schon ist Geld für neue Bauvorhaben da. Der Erfolg ist beeindruckend: Schon bald werden rund 25 Prozent der Geschäfte mit der Parallelwährung bezahlt, die Arbeitslosigkeit sinkt um ein Viertel, und die Stadtkasse ist voll, was zu einem Bauboom führt. 1933 bezeichnet die Pariser „Illustration“ Wörgl als „ein neues Mekka der Volkswirtschaft“. Das kleine Tiroler Städtchen wird zum Treffpunkt von Ökonomen und Gelehrten aus aller Welt.

Doch schon im November 1933 nimmt Wörgls Wirtschaftswunder ein jähes Ende. Die Österreichische Notenbank pocht auf ihr alleiniges Recht, Zahlungsmittel auszugeben. Die Parallelwährung verschwindet. Nur drei Jahre später verschwindet auch Unterguggenberger – geschwächt vom Asthma, stirbt er an Herzversagen.

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