High Yield-Markt vor Herausforderungen „Europa ist derzeit niedrig bewertet“

Autoverschiffung in Bremerhaven in eingetrübter Exportlage: Europäische High Yields werden zu attraktiven Preisen gehandelt.  | © Getty Images

Autoverschiffung in Bremerhaven in eingetrübter Exportlage: Europäische High Yields werden zu attraktiven Preisen gehandelt. Foto: Getty Images

Thomas Kruse, Investmentchef von Amundi Deutschland

Herr Kruse, der globale High Yield-Markt hat im ersten Quartal nach einer schwierigen zweiten Jahreshälfte 2018 eine starke Performance erzielt. Erwarten Sie eine Fortsetzung der Spread-Verknappung und warum? Oder erwarten Sie für den Rest des Jahres vorzugsweise Renditen aus Carry-Faktoren?

Thomas Kruse: Im globalen Hochzinsmarkt wurde das „einfache“ Geld bereits verdient. Aber die Spreads sind auf der Grundlage unserer Ausfallprognosen immer noch günstig. Da sich die Zentralbanken von einer geldpolitischen Straffung wieder abwenden, sollte der Carry-Faktor – also die Annahme, dass sich renditestarke Investments in der Tendenz besser entwickeln als renditeschwache – Anlegern weiterhin in die Hände spielen. Mit dem trotz aller handelspolitischen Querelen zu erwartenden weiteren Wachstum Chinas dürften sich auch die weltwirtschaftlichen Perspektiven insgesamt verbessern. Globale Hochzinsanleihen werden weiterhin gut vorankommen, wenn auch langsamer als im ersten Quartal.

Was werden Ihrer Meinung nach die Haupttreiber des Marktes in den kommenden Monaten sein?

Kruse: Solange der Markt im Goldlöckchen-Modus bleibt, ist alles gut. Die aktuelle Marktphase ist gekennzeichnet von einer moderaten konjunkturellen Entwicklung, die den Unternehmen ermöglicht, solide Gewinne zu erwirtschaften. Zugleich bleibt die Inflationsgefahr gering; ein entschiedenes Eingreifen der Zentralbanken, das bei stark steigender Inflation die Konjunktur abwürgen würde, ist derzeit nicht zu erwarten. Für uns geht es jetzt darum, gute Unternehmen zu guten Preisen zu finden, die dank Wachstumstreibern ihren Wert steigern können.

Was sind Ihre wichtigsten Anlageüberzeugungen im globalen High Yield-Markt für dieses Jahr?

Kruse: Europa ist derzeit niedrig bewertet; europäische High Yields werden zu attraktiven Preisen gehandelt. Einzelne Sektoren wie Einzelhandel, Energie und Autobau sind unter Druck, aber auch in diesen Bereichen gibt es Unternehmen, in die es sich zu investieren lohnt. Wir sind der Meinung, dass Investoren nicht unbedingt zyklische Sektoren vermeiden sollten, aber sie sollten sich hier auf vielversprechende Unternehmen konzentrieren, die über Wertsteigerungspotenzial verfügen.

Gibt es einzelne Risikobereiche, die Sie besonders sorgfältig im Blick haben und für Sie besonders wichtig sind?

Kruse: Wir sind weniger besorgt über zyklische Faktoren, beobachten aber die Folgen disruptiver Technologien im Unternehmenssektor genau. Im Einzelhandel zeigen sich die Konsequenzen bereits deutlich, aber auch in anderen Bereichen müssen wir Chancen und Risiken ständig neu bewerten. Sorgen machen uns auch einzelne Bereiche außerhalb des Hochzinsmarktes, wie zum Beispiel die Emissionen von Anleihen schlechterer Bonität ab BBB abwärts. Uns missfällt auch die aggressive Vergabe von Konsortialkrediten durch Banken. Das Risiko besteht darin, dass eine weitere Herabstufung von BBB-Anleihen sowie eine Störung des Marktes für Konsortialkredite eine Reihe von Unternehmen mit schlechter Bonität in den Hochzinsmarkt drängt und dadurch ein negatives technisches Umfeld entsteht, sobald sich der Zyklus dreht und die Kreditvergabe schwächer wird. Wir haben in den vergangenen Quartalen eine gewisse Verbesserung bei den BBB-Anleihen festgestellt, wodurch das Risiko von Downgrades reduziert wurde; aber wir beobachten die Situation weiterhin.

In den USA ist der High Yield-Markt stark von der Energiewirtschaft und dem Ölpreis abhängig. Wie bewerten Sie diese Situation?

Kruse: Der Energiesektor macht mehr als 14 Prozent des US-Hochzinsmarktes aus und ist damit einer der größten Sektoren. Wir sind im Hinblick auf die Volatilität des Ölpreises besorgt. Explorations- und Produktionsunternehmen sind am stärksten vom Auf und Ab der Energiepreise abhängig. Wir sind auch bei Ölschieferunternehmen defensiver geworden, da sie 2018 weiterhin enttäuscht haben – der Sektor verzeichnete im vergangenen Jahr die meisten Ausfälle, was allerdings dazu geführt hat, dass einige der risikoreicheren Unternehmen aus dem High Yield-Markt herausgespült wurden. Auf der anderen Seite zeigen Unternehmen aus dem Midstream-Sektor, also Unternehmen, die sich mit Verarbeitung, Transport sowie Lagerung und Logistik von Halbfertigprodukten im Bereich Öl befassen, eine besondere Sensibilität gegenüber den Energiepreisen. Solange ihre Bilanzen jedoch in Ordnung sind, halten wir den Bereich der Öldienstleister für interessant. Insbesondere Offshore-Bohrunternehmen haben chancenreiche Risikoprofile. Unsere Beobachtung: Der Energiesektor ist vielfältiger als allgemein angenommen; er bietet viel mehr Chancen als Grund für Ängste.

Wie beurteilen Sie die Liquidität im Hochzinsmarkt? Fallen Ihnen in diesem Jahr Veränderungen gegenüber dem Vorjahr auf?

Kruse: Die Beurteilung der Liquidität ist eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Es gibt Daumenregeln – etwa, dass „große Hausnummern“ im Allgemeinen liquider sind – aber uns liegt sehr viel daran, die Liquidität auf dem Markt und in den Portfolios zu jedem Zeitpunkt genau zu verstehen. Die Liquidität verbessert sich in steigenden Märkten tendenziell, wie in diesem Jahr. Doch es geht stets darum, Entscheidungen von Fall zu Fall zu treffen. Uns zeigt die Erfahrung, dass Investoren entsprechende Strategien in petto haben sollten – darunter fällt der Einsatz von Derivaten, zum Beispiel Credit Default Swaps. Mit flexiblen Instrumenten lässt sich die Gesamtliquidität eines Portfolios verbessern.

Soweit nicht anders angegeben, beruhen die hier enthaltenen Ansichten auf Recherchen, Berechnungen und Informationen von Amundi Asset Management und haben den Stand 03.06.2019. Diese Ansichten können sich jederzeit ändern, abhängig von wirtschaftlichen und anderen Rahmenbedingungen. Es gibt keine Gewähr, dass sich Länder, Märkte oder Branchen wie erwartet entwickeln werden. Diese Veröffentlichung ist kein Verkaufsprospekt und stellt kein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Anteilen in Ländern dar, in denen ein solches Angebot nicht rechtmäßig wäre. Außerdem stellt diese Veröffentlichung kein solches Angebot an Personen dar, an die es nach der jeweils anwendbaren Gesetzgebung nicht abgegeben werden darf. Amundi Deutschland GmbH ist ein Unternehmen der Amundi Gruppe.