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Krankenschwestern mit ihren Schützlingen während der Spanischen Grippe 1919 in Melbourne: Die Lage in bestimmten Industriezweigen wird sich wohl erst im Sommer kommenden Jahres wieder normalisieren. | © imago images / Artokoloro Foto: imago images / Artokoloro

Historischer Vergleich

Warum die Coronakrise eher an 1918 als an 2008 erinnert

Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International

Jede Krise ist einzigartig. Der Blick zurück kann dennoch Hinweise darauf geben, wie die kommenden Monate verlaufen könnten – und welche Erfahrungen aus früheren Krisen sich eher nicht wiederholen werden.

Die globale Finanzkrise war eine Bilanzrezession

Wie schlimm die aktuelle Krise auch sein mag, mit der großen Finanzkrise ist sie nicht vergleichbar. Bei dieser hatten wir es mit einer Bilanzrezession zu tun, die durch einen Zusammenbruch des Immobiliensektors und mangelndes Vertrauen in Kredithäuser und Banken ausgelöst wurde. Immobilien sind die wichtigste Quelle privaten Vermögens. Ihr Wert summiert sich derzeit auf rund 11 Billionen US-Dollar. Ein Preisverfall oder eine Kreditklemme können daher einen Konjunkturabschwung nach sich ziehen.

Erst zweimal sind in den vergangenen hundert Jahren in den USA Immobilienblasen geplatzt: 1929 und 2008/2009. Beide Male zog das erhebliche und langanhaltende Konjunkturflauten nach sich, von denen sich das System nur langsam erholte. Die aktuelle Krise trifft vor allem die Reise-, Tourismus- und Einzelhandelsbranchen. Diese könnten sich schneller erholen.

Die COVID-19-Krise gleicht dem Grippeausbruch 1918/19

Das Investment-Team von Fidelity geht davon aus, dass wir nicht zwölf, sondern 102 Jahre zurückzublicken sollten. Denn der Ausbruch des neuartigen Virus ist wie die Grippepandemie von 1918/19 eine Krise, die auf ein plötzliches und unvorhersehbares Ereignis zurückgeht. Damals dauerte die Rezession gerade einmal sieben Monate, obwohl der zweiten Infektionswelle im Herbst 1918 mehr Menschen zum Opfer fielen als der ersten.

Während der Pandemie in den von den Folgen des Ersten Weltkriegs geprägten Jahren 1918/19 starben fünf Prozent der Weltbevölkerung. Ein Drittel wurde mit dem Virus infiziert. Unsere Gesundheitssysteme sind heute um ein Vielfaches besser aufgestellt. Aber noch lässt sich nicht sagen, wie schnell es gelingt, das Virus einzudämmen.

Dennoch ist ein Vergleich früherer ereignisgetriebener Krisen und ihrer Folgen mit denen struktureller oder zyklischer Krisen sinnvoll. Zumal sich die Zahl der Neuinfizierten in China seit Anfang März Woche für Woche verlangsamt und in einigen Regionen des Landes schon wieder so etwas wie Normalität Einzug hält.

COVID-19 wird vor allem Reisen, Tourismus und Einzelhandel beuteln

Wie zunächst in China, dann im übrigen Asien und anschließend weltweit zu beobachten war, bekommt die Reise- und Tourismusbranche die Folgen des Kampfes gegen eine weitere Verbreitung des Virus als erstes zu spüren. Da dieser Industriezweig inzwischen 10,4 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung beisteuert und auf ihn weltweit zehn Prozent aller Beschäftigten entfallen, wird der Dominoeffekt erheblich sein. Im Durchschnitt braucht die Branche etwa 19,4 Monate, um sich von Epidemien zu erholen, so der World Travel and Tourism Council, die internationale Interessenvertretung der Tourismuswirtschaft. Fluggesellschaften, Kreuzfahrtanbieter, Hotels, Restaurants und die zu ihren Lieferketten gehörenden Branchen, sie alle werden in den kommenden Wochen und Monaten in Mitleidenschaft gezogen. Die Lage in diesen Industriezweigen wird sich wohl erst nächsten Sommer wieder normalisieren.

Auch den stationären Einzelhandel trifft die Krise hart. Er wird gegenüber dem Internethandel weiter an Boden verlieren, denn in den nächsten zwei Quartalen werden viele Kunden Geschäfte meiden. Schon seit einiger Zeit schlägt der Branche ein rauer Wind entgegen. Mit dem weiter schwindenden Vertrauen der Konsumenten und der zunehmend angespannten Lage an den Kreditmärkten steht zu befürchten, dass etliche Einzelhändler ihre Ladentür für immer schließen werden.

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