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Exklusive Befragung Wie die Versicherer mit der Flutkatastrophe umgehen

Hochwasserkatastrophe in Bayern
In einigen Hochwassergebieten in Süddeutschland entschärft sich die Lage. In Teilen Bayerns entlang der Donau sind die Pegelstände weiterhin hoch. | Foto: Imago Images / Bihlmayerfotografie

Bei Tobias Breu klingelt derzeit das Telefon noch öfter als sonst. Viele Kunden des bekannten Straubinger Maklers sind in Sorge wegen der aktuellen Hochwasserlage in Bayern. Kein Wunder, ist die Vertragsdichte von Elementarschadenversicherungen in diesem Bundesland mit unter 50 Prozent doch besonders gering. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg liegt der Anteil hingegen bei 94 Prozent, da dort bis 1994 alle Gebäudeeigentümer in der öffentlich-rechtlich ausgestalteten Gebäudeversicherung gegen Feuer und gegen Elementarschäden pflichtversichert waren.

Auch einer von Breus Kunden ohne Absicherung ist bereits Opfer der Wassermassen geworden. „Wird schon gut gehen“, ist ein Slogan, den er allzu oft hört. Immerhin konnte der Makler durch die Vermittlung einer Trocknungsfirma konkret helfen. Mit vielen Firmenkunden sei er in den vergangenen Tagen zudem die Verträge durchgegangen. Zu viele Vermittler hätten „Leichen im Bestand“, wie Breu es nennt, weil sich nur auf das Neugeschäft und nicht um die Bestandskunden kümmerten.

GDV erwartet überdurchschnittlich großes Schadenereignis

Ob in Straubung, Regensburg oder Passau – die Lage ist weiter angespannt. Und die Folgen im Detail noch nicht absehbar. Klar ist, dass sich die Versicherer angesichts des Hochwassers in Süddeutschland auf ein überdurchschnittlich großes Schadenereignis einstellen. Das vermeldete in dieser Woche bereits der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Unsere Unternehmen erreichen schon jetzt viele Schadenmeldungen“, sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Für eine Schadenschätzung sei es aber noch viel zu früh.

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer GDV
Jörg Asmussen, Quelle: GDV

Die Unternehmen seien für solche Großkatastrophen in der Regel gewappnet. „Die Versicherer haben für solche Fälle spezielle Einsatzpläne. Sie bündeln ihr Personal vor Ort und in der Verwaltung, um die Schadenmeldungen schnell aufnehmen und abarbeiten zu können“, so Asmussen. Gleichzeitig hätten die Versicherer Kooperationen mit externen Kräften, die sie in die Katastrophengebiete entsenden können. 

Erste Schätzung: Eine Milliarde Euro Schaden

Die aktuarielle Unternehmensberatung Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) wagte derweil bei ihrer Rückversicherungskonferenz eine erste vorläufige Schätzung der Hochwasserschäden in den beiden südlichen Bundesländern. Momentan beliefen sich die Sach- und Kaskoschäden auf gut eine Milliarde Euro. Es könnten aber noch weitere Schäden hinzukommen.  

Bereits 6.000 Schadenmeldungen bei Versicherungskammer Bayern

Ein Unternehmen, das besonders stark betroffen sein dürfte, ist die Versicherungskammer Bayern, die in der Region traditionell viele Kunden hat. Auf Anfrage von DAS INVESTMENT teile ein Sprecher mit: „In den ersten beiden Tagen sind circa 6.000 Schadenmeldungen bei uns eingegangen.“ Bei der Württembergischen waren bis Dienstag 1.500 Fälle gemeldet. Derart konkrete Zahlen nannten ansonsten keine der von unserer Redaktion angefragten größten Wohngebäudeversicherer. R+V und Ergo sprechen von vielen Schadenmeldungen. Für andere wie Allianz, Generali und Huk-Coburg ist es für eine Einschätzung zu Fallzahlen und insbesondere Gesamtschadenhöhe noch zu früh.

Was den Umgang mit der aktuellen Lage angeht, bestätigen die Unternehmen die GDV-Einschätzung und sehen sich gut gerüstet. Von der SV Sparkassenversicherung heißt es: „Als Marktführer in Baden-Württemberg sind wir bestens auf eine Situation wie diese vorbereitet: Mit unseren Schadenteams sind wir bereits seit Montag vor Ort, um uns einen Überblick zu verschaffen. Auch im Innendienst sind wir gut aufgestellt, um telefonisch die Schadenmeldungen aufzunehmen (...).“

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Doch gerade bei der Erreichbarkeit haperte es bei vielen Anbietern auch jenseits von Großschadenereignissen in der jüngeren Vergangenheit erheblich. „Sie ist jetzt schon schlecht“, sagt auch Makler Breu.

Krisenzentren und viele Vor-Ort-Einsätze

Die Bemühungen in den Konzernzentralen scheinen aber groß zu sein. So berichtet die Generali: „Bei Kumulereignissen, wie bei dieser aktuellen Hochwasserflut in Süddeutschland, konzentrieren wir einen Großteil unserer Außendienstmitarbeiter für die Schadenregulierung in den betroffenen Regionen. In München haben wir dazu bereits ein Krisenzentrum aufgebaut, das ab sofort die Schadenbegutachtung vor Ort koordiniert.“ Auch die R+V koordiniert die Arbeiten von einer Hochwassereinsatzzentrale aus.

Von der Versicherungskammer Bayern heißt es: „Unsere Regulierer, Sachverständige und Dienstleistungspartner sind bereits in den Gebieten unterwegs, in denen das Wasser schon abgeflossen ist. Hier können aktuell Trocknungs- und Reparaturarbeiten besprochen und erste Vorschüsse ausgezahlt werden“. Die Ergo hatte ihr Mitarbeiter und Dienstleister bereits am Wochenende entsandt, wie sie mitteilt. Die Axa gibt wiederum an, dass der Anteil von Kunden im Verhältnis zum Gesamtbestand in den aktuell vom Hochwasser betroffenen Gebieten überschaubar sei.

Allianz-Agenturen selbst Opfer der Flut

Eine Sprecherin der Allianz schreibt auf Anfrage: „In den betroffenen Gebieten, in denen das Wasser bereits abgeflossen ist, sind bereits mehr als 100 Schadenregulierer der Allianz unterwegs, um die Schäden zu begutachten, Trocknungs- und Reparaturmaßnahmen abzusprechen und bei Bedarf Vorschüsse auszuzahlen. Auch der Allianz Handwerker Service ist vor Ort aktiv“. Auch seien eigene Vertreter teilweise selbst mit ihren Privathäusern oder auch mit ihren Allianz-Agenturen betroffen. „Hier organisieren wir gerade Container, um die Büroräume dorthin auszulagern, damit die Agenturen vor Ort arbeitsfähig sind.“

 

Widerstand gegen Pflichtversicherung bleibt

Mit dem neuerlichen Hochwasserereignis bekommt auch die Diskussion um eine Elementarschadenpflichtversicherung neue Nahrung. Obwohl die Forderungen danach immer lauter werden, halten der GDV und seine Mitgliedsunternehmen eisern an ihrer Linie fest. Statt einer flächendeckenden Pflichtversicherung gegen Elementarschäden fordert der Verband laut Asmussen: „Wir brauchen Bauverbote in Überflutungsgebieten, eine Pflicht zu wasserresilienten Baustoffen und bessere Hochwasserschutzanlagen.“ Die Unternehmen lehnen auf Nachfrage von DAS INVESTMENT eine Pflichtversicherung durchgängig ab. Ein Hauptkritikpunkt ist, dass solche eine Lösung gerade keinen Anreiz für Präventionsmaßnahmen schaffe.

Die Versicherer berichten derweil von einer steigenden Nachfrage nach solchen Policen in den vergangenen Jahren und verstärkten Bemühungen in der Beratung. Die Generali gibt an, im Neu- und Ersatzgeschäft zur Wohngebäudeversicherung bundesweit mittlerweile Anbündelungsquoten von fast 80 Prozent zu erreichen. Bei der Huk-Coburg erhalten Kunden seit 2022 automatisch mit Abschluss der Wohngebäudeversicherung einen Mindestschutz mit gleichem Leistungsinhalt im Vergleich zur optionalen Elementardeckung, allerdings in Verbindung mit einem deutlich höheren Selbstbehalt von 100.000 Euro.

Prämienhöhe schon jetzt ein Problem

Tobias Breu sieht das Problem derweil differenzierter. Zwar lehnt auch er eine Pflichtversicherung ab, weil er Vorschläge zu deren Umsetzbarkeit vermisst und fürchtet, dass vieles an den Vermittlern hängenbleibe. Er sieht aber vor allem auch ein Angebotsproblem, da viele Versicherer sich aus Risikogebieten zurückgezogen hätten. Und wenn, dann liegen in den besonders gefährdeten Zürs-4-Zonen wie in manchen Uferbereichen der Donau die Prämien bei 2000 bis 3000 Euro Jahr. „Da kann ich verstehen, dass viele sich das nicht leisten“, sagt der Vermittler aus der Region.

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