Fondsmanager haben eine messbare Präferenz für Aktien aus dem Land, in dem sie arbeiten – dieses Phänomen hat der deutsche Fondsverband BVI in einer neuen Studie quantifiziert. Die Untersuchung offenbart weitreichende Folgen für die Kapitalströme in der EU und identifiziert ein Milliardenpotenzial für europäische Unternehmen.
Das sind die 7 wichtigsten Erkenntnisse der BVI-Studie:
1. Fondsmanager bevorzugen nachweislich ihre Heimatmärkte
Die BVI-Studie „Analysing the Manager Home Bias“ belegt, dass Portfoliomanager global anlegender Aktienfonds den Anteil von Aktien aus ihrem Heimatland um durchschnittlich ein bis zwei Prozentpunkte erhöhen. Dieser Effekt wurde durch die Analyse von 303 aktiv gemanagten globalen Aktienfonds mit einem Gesamtvermögen von 940 Milliarden Euro nachgewiesen.
Die Studie zeigt auf, wie stark der Effekt für verschiedene Länder ausfällt: Bei einem typischen global anlegenden Aktienfonds mit 1,6 Milliarden Euro Volumen erhöht ein in Frankreich oder Großbritannien ansässiger Manager den Anteil heimischer Aktien um 1,8 Prozentpunkte – was zusätzlichen Investitionen von 30 Millionen Euro entspricht. Für Deutschland beträgt der Effekt 1,3 Prozentpunkte (22 Millionen Euro), für die Niederlande und die Schweiz jeweils 1,4 Prozentpunkte (24 Millionen Euro).
2. Die EU profitiert kaum vom Home Bias
Der Effekt wirkt sich nachteilig auf die EU-Wirtschaft aus, da die Mehrheit der Fondsmanager außerhalb der Union arbeitet. Die Studie zeigt: 62 Prozent der Portfoliomanager dieser in Europa vertriebenen Fonds arbeiten vor allem in England, den USA und der Schweiz. Nur 34 Prozent sind in EU-Ländern tätig.
3. London dominiert als Managementstandort
Mit 164 Fondsmanagern ist London der mit Abstand wichtigste Standort für das Fondsmanagement – fast so viele Manager wie in der gesamten EU zusammen (192). Innerhalb der EU sind Frankfurt (37 Manager), Kopenhagen (29) und Stockholm (22) die größten Zentren für das Management globaler Aktienfonds.
4. Milliardenpotenzial für EU-Unternehmen
Die Studie beziffert das ungenutzte Potenzial: Wenn jeder Fonds aus der Stichprobe, der in den 27 Mitgliedsländern vertrieben wird, zumindest einen in der EU ansässigen Fondsmanager hätte, wären insgesamt zwei bis drei Milliarden Euro zusätzliche Investitionen in der EU möglich.
Die Simulation zeigt, wie sich dieses Kapital auf einzelne Länder verteilen würde: Deutschland könnte mit 510 Millionen Euro am stärksten profitieren, gefolgt von Frankreich (400 Millionen Euro) und den Niederlanden (300 Millionen Euro). Aber auch für kleinere Mitgliedstaaten wie Finnland oder Österreich ergäbe sich eine bedeutende Kapitalzufuhr.
5. Standortpolitik als Wirtschaftsfaktor
BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter betont die wirtschaftspolitische Bedeutung der Erkenntnisse: „Die Studie zeigt, wie wichtig Standortpolitik im Wettbewerb der Finanzplätze auch für die Realwirtschaft ist. Wir kämpfen seit vielen Jahren für den Finanzplatz Frankfurt. Denn ein attraktiver rechtlicher Rahmen kann Kapitalmarktakteure und damit auch Kapital nach Deutschland ziehen."
6. Bei Spezialfonds dürfte der Effekt noch stärker sein
Das identifizierte Phänomen wird bei spezialisierten Anlageklassen vermutlich noch stärker wirken: Der BVI hat sich bei der Studie auf global investierende Aktienfonds konzentriert, bei denen ausreichend Informationen zu den Portfoliounternehmen vorliegen. Bei Infrastrukturfonds, Private-Equity- und Venture-Capital-Fonds dürfte der Effekt auf die Realwirtschaft sogar noch stärker sein, da die Nähe zur Investition eine wesentlich größere Rolle bei der Informationsbeschaffung spielt.
7. Home Bias kostet auch Privatanleger Rendite
Das Phänomen des Home Bias ist nicht nur bei professionellen Fondsmanagern, sondern auch bei Privatanlegern zu beobachten. Laut einer Studie von Whitebox von 2023 kostet der Home Bias deutsche Anleger über 140 Milliarden Euro Rendite in fünf Jahren. Die BVI-Studie zeigt nun, dass selbst Profis nicht immun gegen diese Tendenz sind.

