Hüfners Wochenkommentar Das spanische Wunder

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Drei Lehren kann man aus den spanischen Erfahrungen ziehen. Erstens braucht es – vor allem in dem gegenwärtig guten weltwirtschaftlichen Umfeld – keine spezifischen Wachstumsprogramme, um aus der Krise herauszukommen. Das Wachstum in Spanien resultiert allein aus Marktkräften. Es kommt vom Export und – zögernd noch – von der Binnennachfrage.

Auch die Zinsen waren in Spanien nicht niedriger als in anderen Mitgliedsländern. Dabei hatte Spanien eine Hypothek, die die anderen nicht in dem Maße hatten: Es musste eine Immobilien- und Bankenkrise bewältigen, die größer war als in anderen Staaten.

Zweitens: Von all den Maßnahmen, die von den Schuldnerländern gefordert wurden, ist das Wichtigste die Reform der Arbeitsmärkte und damit zusammenhängend die Verringerung der Lohnstückkosten. Sie sind in Spanien seit Anfang 2010 um über 15 Prozent gesunken. Das hat die Wettbewerbsfähigkeit des Landes verbessert.

Wichtig war auch, dass sich das Klima in den Unternehmen und bei den Beschäftigten geändert hat. Immer wieder hört man jetzt auch von deutschen Unternehmen, dass sie Produktionsverlagerungen nach Spanien erwägen, weil die Arbeitsbedingungen dort besser sind.

Drittens: Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte, die immer wieder eingefordert wird, ist wichtig für die Glaubwürdigkeit der Regierung gegenüber den Partnern und den internationalen Gläubigern. Für die Verbesserung der Realwirtschaft spielt sie nicht eine so große Rolle.

Spanien hinkt hier gegenüber den Vorgaben noch weit zurück. Sein Budgetdefizit liegt noch bei 7 Prozent des BIP. Das ist insofern bemerkenswert, als Spanien in den ersten zehn Jahren des Euro immer als finanzpolitischer Musterknabe galt.

Aus meiner Sicht kann man die Erfahrungen Spaniens auch auf andere Länder im Euroraum übertragen. Gegenüber Griechenland und Portugal hat Spanien freilich den Vorteil, dass es über eine gute industrielle Basis verfügt. Verbesserungen bei der Wettbewerbsfähigkeit übertragen sich daher schneller in Exporterfolge. In Griechenland und Portugal wird das länger dauern.

Frankreich und Italien, die bisher noch keine Reform- und Anpassungsmaßnahmen ergriffen haben, können von Spanien Hoffnung schöpfen. Wenn sie die Lohnstückkosten verringern und die Arbeits- und Gütermärkte reformieren, wird es nicht lange dauern, bis sich der Erfolg einstellt. Aber sie müssen etwas tun. Das Ende der Krise gibt es nicht umsonst.

Die spanischen Erfahrungen haben aber auch für Deutschland Bedeutung. Bei Reformen herrscht in der Bundesrepublik derzeit Stillstand. Das kann sich das Land leisten, weil es derzeit so gut dasteht. Reformen sind aber eine Investition in die Zukunft. Wenn Deutschland seine Position in den kommenden Jahren halten will, darf es sich nicht nur auf dem Erreichten ausruhen. Sonst könnte es eines Tages sein, dass Spanien das "neue" Deutschland ist.

Für den Anleger

Am Madrider Aktienmarkt ist die Verbesserung schon seit einiger Zeit sichtbar. Seit Mitte 2012 ist der IBEX um rund 70 Prozent gestiegen. Analysten haben nicht ganz unrecht, wenn sie die Bewertung aufgrund der aktuellen Kurse schon für hoch halten.

Andererseits befindet sich Spanien fundamental gesehen erst in der ersten Phase der Verbesserung. Da ist noch ein weiter Weg zu gehen. Wenn der Index nur das Niveau von vor der Krise erreichen sollte (der Dax liegt 20 Prozent darüber), dann müssten die Kurse in Madrid noch einmal um über 50 Prozent zulegen.

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