Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

Hüfners Wochenkommentar

„Deutschland tut zu wenig für seine Zukunft“

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Das größte Problem der deutschen Wirtschaft ist derzeit nicht – wie manchmal suggeriert wird – die Einführung der Rente mit 63 oder die niedrige Preissteigerung. Es ist, dass zu wenig investiert wird. Deutschland tut zu wenig für seine Zukunft.

Dabei geht es nicht nur um Straßen oder Brücken. Das lässt sich vergleichsweise einfach lösen, indem der Staat mehr Geld in die Hand nimmt. Es geht vor allem um die Unternehmen. Ihre Ausgaben für Maschinen  und Ausrüstungen haben sich gemessen am BIP in  den letzten 25 Jahren fast halbiert.

Die Entwicklung vollzog sich unabhängig von Konjunkturschwankungen. Auch die außerordentlich niedrigen Zinsen, die hohen Kassenbestände der Firmen und die Ersparnisse der privaten Haushalte in den letzten Jahren haben daran nichts geändert. Das kann man nicht einfach mit etwas mehr Geld in Ordnung bringen. Der kleine Anstieg der Quote im ersten Quartal ist erfreulich, sollte aber nicht überbewertet werden. Er ist konjunkturell bedingt.

Eigentlich müssten da die Alarmglocken schrillen. Die Wirtschaftspolitik müsste alle Hebel in Bewegung setzen, um die Entwicklung zu drehen. Warum geschieht das nicht? Hier ein paar Gründe dafür und auch die Argumente, warum sie nicht stichhaltig sind.

Die Bedeutung der Investitionslücke


Erstens wird die Existenz der Investitionslücke vielfach geleugnet. Sie sei nur eine statistische Fiktion. Denn mit dem technischen Fortschritt würden die Preise für Maschinen und Ausrüstungen immer billiger. Sinkende Ausgaben signalisieren daher nicht, dass die Unternehmen real weniger investieren, sondern nur, dass sie für das Gleiche nicht mehr so viel ausgeben müssen.

Das ist falsch. Untersuchungen zeigen, dass die Investitionsquote auch in preisbereinigter Rechnung zurückgeht. Nur nicht ganz so stark. Noch wichtiger aber ist: Die Zahlen werden hier lediglich brutto angegeben. Die Abschreibungen werden also nicht berücksichtigt. Rechnet man netto, also nach Abzug der Abschreibungen, dann sieht alles noch viel dramatischer aus. Nach Berechnungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau sind die Nettoinvestitionen der Großunternehmen bereits seit Jahren negativ.

Das heißt, der Maschinenpark wird per Saldo abgebaut. Bei Klein- und Mittelunternehmen ist die Situation noch nicht ganz so schlimm. Hier gibt es nach wie vor zusätzliche Kapazitäten. Es werden aber immer weniger.

Zweitens wird die Bedeutung der Investitionslücke heruntergespielt, weil Deutschland hier nicht allein ist. Nach Berechnungen des Institute of International Finance geht die Investitionsquote in fast allen großen Industrieländern zurück. Am stärksten ist das neben Deutschland in Großbritannien, Japan und Italien der Fall, etwas weniger in den USA und Frankreich.

Das ist aber nur ein geringer Trost. Es heißt lediglich, dass die Investitionslücke nicht so sehr die Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten beeinträchtigt. Es heißt aber nicht, dass wir genug für die Zukunft tun. Ein Fehler wird nicht dadurch besser, dass andere ihn auch begehen. Drittens halten manche eine sinkende Investitionsquote für unabänderlich.

Die Höhe der Investitionen hänge – so wird gesagt – ab von der Höhe des Wachstums. Wenn die Volkswirtschaften nicht mehr so schnell expandieren, müssen sie auch nicht mehr so viel für Maschinen und Ausrüstungen ausgeben. Tatsächlich geht die Wachstumsrate in den Industrieländern schon seit einiger Zeit zurück. Die Gründe sind bekannt: Die demografische Alterung, die zunehmende Sättigung der Konsumenten, die Verlangsamung des technischen Fortschritts, vielleicht auch die zunehmende Abkehr vom Wachstumsdenken in der Gesellschaft.

Auch das ist nicht richtig. Natürlich hängt die Investitionsquote von der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate ab. Aber viel wichtiger ist der umgekehrte Zusammenhang: Das Wachstum ist deshalb so schwach, weil so wenig investiert wird.

Damit entstehen überhaupt erst die großen Probleme, die uns in den kommenden Jahren zum Beispiel durch die Alterung in der Gesellschaft ins Haus stehen. Die Gesellschaft braucht daher nicht weniger Investitionen, sondern mehr, auch um mehr Wachstum zu schaffen.

Viertens heißt es, niedrige Investitionsquoten könne man gar nicht ändern. Sie seien Symptome gesellschaftlicher Veränderungen. Wenn die Menschen in zunehmend kürzeren Fristen denken, wenn die heutige Rendite für den Kapitalmarkt wichtiger ist als die langfristige Befriedigung von Kundenbedürfnissen, wenn der marktwirtschaftliche Handlungsspielraum durch bürokratische Eingriffe zunehmend enger wird, wenn sich die Regeln der Marktwirtschaft immer öfter ändern – dann sollte man sich nicht wundern, wenn sich die Unternehmen scheuen, das Risiko langfristiger Investitionen auf sich zu nehmen.

Die Schlussfolgerung heißt dann aber nicht Nichtstun. Sie besagt nur, dass es nicht reicht, an dieser oder jener Schraube zu drehen und beispielsweise die Abschreibungsbedingungen zu verbessern. Es geht vielmehr darum, die gesellschaftlichen Veränderungen zu korrigieren und den marktwirtschaftlichen Kompass wieder zu justieren.

Das ist natürlich schwer. Lassen Sie sich also nicht mit falschen Argumenten beruhigen. Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Investitionslücke beseitigt werden muss, wenn die Wirtschaft wieder auf gesunde Bahnen zurückgeführt werden soll.

Für den Anleger

Es ist schwer, daraus konkrete Schlussfolgerungen für den Kapitalmarkt zu ziehen. Was hängen bleiben sollte: Hier liegt eine grundlegende Fehlentwicklung vor. Sie muss und wird früher oder später korrigiert werden. Anleger sollten bei der Auswahl von Titeln solche Unternehmen bevorzugen, die besonders aktiv bei den Investitionen sind. Sie sorgen für die Zukunft vor und haben daher langfristig bessere Aussichten.

Auf dem absteigenden Ast
Ausrüstungsinvestitionen in Prozent des BIP, Deutschland

Quelle: Bundesbank

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