Hüfners Wochenkommentar Griechenland-Krise: Wird jetzt die EZB infiziert?

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon Asset Management

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon Asset Management

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Hat der Euro unter der Krise gelitten? Die meisten werden diese Frage heute mit Ja beantworten. Die Gemeinschaftswährung ist nicht mehr der Fels in der Brandung, der sie einmal sein sollte. Sie hat blaue Flecken bekommen. Das ist verständlich. Es ist aber – falsch. Es ist nicht der Euro, der in der Krise unter die Räder gekommen ist. Es ist jemand ganz anderes. Das muss man jedenfalls annehmen, wenn man den Meinungsumfragen traut. Die Europäische Kommission befragt seit vielen Jahren die Menschen in der EU über alles Wichtige und Unwichtige, was es in Europa gibt. Dazu gehören natürlich auch der Euro und die Europäische Zentralbank. Das ist das sogenannte Eurobarometer.  Der Euro und die EZB  Vergrößern >>  Die Ergebnisse dieses Barometers sind überraschend. Die Grafik zeigt in der oberen Linie die Akzeptanz der Gemeinschaftswährung im Euroraum. Sie ist insgesamt hoch und über die Zeit ungewöhnlich stabil. Die untere Linie zeigt das Vertrauen der Menschen in die Europäische Zentralbank. Es war lange Zeit ebenfalls stabil, ist aber nach der Finanzkrise drastisch abgestürzt. Inzwischen ist es negativ. Das heißt, dass die Zahl der Kritiker an der EZB größer ist als die Zahl der Befürworter. Als ich die Grafik dieser Tage in einer Studie von Felicitas Nowak-Lehmann an der Universität Göttingen sah, habe ich es zuerst selbst kaum glauben können. Was bedeutet es? Die gute Nachricht ist, dass sich der Euro von dem Tohuwabohu des Streits mit Griechenland fast gar nicht beeinflussen lässt. Ausgerechnet als die Krise in den letzten zwei Jahren eskalierte, ist das Vertrauen in den Euro gestiegen. Die Menschen trennen offenbar zwischen den Schwierigkeiten in der Währungsunion auf der einen Seite und der Währung, die weiter funktioniert, auf der anderen Seite. Das ist ein gutes Omen. Wir müssen nicht bei jedem Streit in Brüssel um den Euro fürchten. Es ist ein bisschen wie in den USA, wo auch niemand am Dollar zweifelt, wenn es in Detroit oder in Puerto Rico hoch hergeht. Interessant ist (was in der Grafik nicht zu sehen ist), dass ausgerechnet in Griechenland das Vertrauen in die Währung in den letzten Jahren trotz aller Sparprogramme gestiegen ist. 2008 hatten per Saldo (Befürworter abzüglich Gegner) nur 2 Prozent der Bevölkerung Vertrauen in die Gemeinschaftswährung. Heute sind es 40 Prozent. Offenbar wünscht sich eine große Zahl von Griechen den Euro, auch wenn sie die Reformmaßnahmen ablehnen.  Die schlechte Nachricht: Gelitten unter der Krise hat die Europäische Zentralbank. Sie gilt in den Augen der Menschen nicht mehr als die geachtete Hüterin der Währung. Das ist übrigens, wenn man sich die Zahlen näher betrachtet, nicht nur in Deutschland so. In Italien, Frankreich und Spanien ist das Ansehen der EZB noch stärker gesunken. Das ist eine alarmierende Entwicklung. Wie kann eine Währung auf Dauer existieren, wenn die Zentralbank, die dahintersteht, nicht mehr das Vertrauen der Menschen genießt? Dass sich die Kurve am aktuellen Rand etwas nach oben dreht, ist nur ein schwacher Trost.